Ukrainische Flüchtlinge in Polen Willkommen als Arbeitskraft

Ausgeflogen: Flüchtlinge mit beiden Staatsangehörigkeiten kommen aus der Ukraine in Polen an.

(Foto: Adam Warzawa/dpa)

Polen zeigt sich in Europas Flüchtlingsfrage hart, weil das Land angeblich viele Ukrainer aufnimmt. Das aber stimmt so nicht: Die meisten kommen als Studenten oder Gastarbeiter.

Von Florian Hassel, Czerwony Bór

Würde nur die Umgebung zählen, Julia Pawlowa und ihre Familie könnten sich fast im Urlaub wähnen. Tritt sie vors Haus, fällt ihr Blick auf ein Blumenbeet und einen neuen Basketball- und Fußballplatz für die Kinder. Ringsum erfreut der urwüchsige Mischwald des polnischen Nordostens mit seinen hohen Birken das Auge. Dazu ist es himmlisch ruhig im Aufnahmelager Czerwony Bór. Ein scharfer Kontrast zu ihrer Heimat, dem Donbass im Osten der Ukraine, wo schwelender Krieg und die Krise das Leben bestimmen. "Wir hoffen, dass wir uns in Polen ein neues Leben aufbauen können", sagt Julia Pawlowa, der zwei ihrer Kinder um die Beine wuseln.

Über ein Jahr ist es her, dass Julia und Roman Pawlow ihr Heimatdorf Selesnjowka verließen, als die von Moskau installierten Rebellen der "Volksrepublik Lugansk" die Macht übernahmen. Die Pawlows flohen in die Schwarzmeerstadt Odessa. "Wir hofften, der Spuk hätte schnell ein Ende, und wir wären bald wieder in der Heimat", beschreibt es Julia Pawlowa. Es kam anders. Immer wieder flammte der Krieg im Donbass auf. Zwar fand die Familie in Odessa ein ausgebranntes Haus, das Roman Pawlow sanierte. Doch vor ein paar Monaten forderten Verwandte der ursprünglichen Besitzer das Haus zurück.

Die Hilfe der Kiewer Regierung von 100 Euro reichte nicht zum Überleben, zudem fanden die Pawlows weder Wohnung noch Arbeit. "Solidarität mit uns Flüchtlingen aus der Ostukraine gibt es zwar im Fernsehen, aber kaum in der Realität", sagt Julia Pawlowa. "Wenn jemand unseren Meldestempel aus Lugansk im Pass sah, hörten wir Aussagen wie: Euch kann man nicht trauen. Und: Anderswo in der Ukraine ist es nicht besser." Selbst die Aufnahme ins Krankenhaus zur Geburt der kleinen Kira geriet zum Spießrutenlauf.

Mitte September gaben die Pawlows auf. Mit zwei Taschen Gepäck fuhren sie nach Lwiw (Lemberg) und weiter an die polnische Grenze - und baten um Asyl. Seit zwei Wochen ist die Familie in Czerwony Bór, 140 Kilometer nordöstlich von Warschau - in Wohnblocks eines ehemaligen Truppenübungsplatzes, die Polen mit EU-Geld zum Aufnahmelager umbaute und renovierte. Nun teilen die Pawlows eine Zweizimmerwohnung und Teeküche mit einer anderen Familie - und warten ab, wie Polens Bürokratie über sie entscheidet.

Polen hat fast alle Asylanträge von Ukrainern abgelehnt

Offiziell - und das heißt in diesen Tagen vor allem: gegenüber Brüssel und Berlin - lehnt Polen die Aufnahme Zehntausender Flüchtlinge mit dem Argument ab, es habe Hunderttausende Ukrainer aufgenommen und müsse mit weiteren rechnen. Die Argumentation hinkt freilich. Tatsächlich nimmt Polen offiziell keinerlei Flüchtlinge auf. Seit Kriegsbeginn im Donbass lehnte Polen sämtliche Asylanträge Tausender Ukrainer ab; nur eine Handvoll wird als Flüchtling geduldet. Die meisten der 52 000 ständig in Polen lebenden Ukrainer sind Studenten oder Ukrainer mit polnischen Wurzeln; dazu kommen mindestens Zehntausende ukrainische Gastarbeiter.

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Wiktor Bartasherych hat seinen Ablehnungsbescheid Anfang September bekommen. Seit Anfang März ist der 59-Jährige in Polen, seit Juni in einem Wohnheim in Warschau. In seiner Heimat Sewastopol auf der Krim machte sich der Kleinunternehmer und Anhänger der Kiewer Maidan-Revolution unbeliebt, als er beharrlich Ukrainisch sprach, ukrainische Musik spielte und Plakate gegen den Kommunismus und die von Moskau installierten Machthaber aufhängte. Polens Ausländerbehörde aber lehnt sein Gesuch mit Warschaus Standardargument ab: dass die Ukraine groß sei und genug Ausweichmöglichkeiten vor Krieg oder Willkür biete.

Die Ablehnung als Flüchtling bedeutet freilich nicht, dass Ukrainer aus dem Land geworfen werden. Dafür reicht ein Blick aufs Schwarze Brett der "Ukrainischen Welt", einer Anlaufstelle in Warschau. "Offizielle Arbeit in Polen! Wir brauchen 25 Arbeiter, 7 Schweißer und 13 Möbelschreiner", wirbt eine Möbelfabrik aus Westpolen. Eine andere Anzeige sucht "Lagerarbeiter für das gesamte Territorium Polens", ein drittes Angebot lockt: "Frauen! Sofortige Vakanz in der Schokoladenfabrik! Leichte Arbeit, häusliche Atmosphäre!" Der Lohn: Zehn Złoty pro Stunde, umgerechnet gut zwei Euro. Ein typischer Lohn für ungelernte Arbeit.

Offiziell dürfen Asylbewerber in Polen ein halbes Jahr nicht arbeiten

Polen füllt mit Ukrainern die Stellen, die Hunderttausende ihrerseits nach Deutschland oder England abgewanderte Polen offenließen. Knapp 403 000 befristete Arbeitsgenehmigungen und Aufenthaltsgenehmigungen hat Polen allein von Januar bis Juni 2015 an Ukrainer ausgestellt. Wiktor Bartasherych bot eine Warschauer Transportfirma einen Job als Lastwagenfahrer an. 35 Tage Fahrt durch Europa, eine Woche frei, für gut 700 Euro netto - und Unterstützung bei Arbeitsvisum und Aufenthaltserlaubnis. Dafür müsste Bartasherych allerdings erst zurück in die Ukraine, einen biometrischen Pass abholen und ein Arbeitsvisum für Polen beantragen.

Offiziell dürfen Asylbewerber in Polen ein halbes Jahr nicht arbeiten, faktisch "versuchen das fast alle", sagt Julia Pawlowa. Auch ihr Mann ist in einer nahen Kleinstadt auf Arbeitssuche. Doch die Region an der Grenze zu Weißrussland ist arm, Jobs sind rar. "Eigentlich wollen wir nach Westpolen, an die Grenze zu Deutschland. Da gibt es mehr Arbeit, die Preise sind niedriger, und es gibt mehr Kindergärtenplätze", sagt Julia Pawlowa. Einmal in Polen etabliert, würde sie auch ihre zehn Jahre alte Tochter Jewa aus erster Ehe nachholen, die sie in der Ukraine zurücklassen musste: Ihr Vater, im Rebellengebiet lebend, ist nicht aufzufinden - und kann so nicht die Zustimmung geben, dass seine Tochter ins Ausland darf. Wären die Kinder zuverlässig versorgt, könnte auch Julia Pawlowa anfangen, die fremde Sprache zu lernen.

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Swetlana Ljach immerhin, eine 40 Jahre alte Krankenschwester aus Makejewka bei Donezk, die mit ihrem Mann Michail und zwei Töchtern Anfang 2015 nach Polen kam, hat ihren ersten Sprachtest schon bestanden. Swetlana gehört zu wenigen Privilegierten: Ihre Mutter Mila und Großmutter Maria waren Polinnen - wegen ihrer "Zugehörigkeit zum polnischen Volk" hat Swetlana Ljach eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Ihre 18 Jahre alte Tochter Julia kann jetzt mit einem Stipendium an der Universität in Łomża studieren.

Doch auch die Ljachs wollen später nach Westpolen oder gar nach Deutschland, wo Krankenschwestern vergleichsweise gut bezahlt und dringend gesucht werden. "Ich weiß, Deutschland ist nur ein ferner Traum", sagt Swetlana Ljach. "Nichts geht ohne Sprachkenntnisse, und jetzt haben wir genug mit Polnisch zu tun. Unser neues Leben steht erst am Anfang."