Nach dem Massaker vor 70 Jahren und der Flugzeugkatastrophe rücken Polen und Russen zusammen. Beide Seiten haben gelernt: Nur wo die Wahrheit verschwiegen wird, gewinnt der Mythos.
Die Hartnäckigkeit, mit der Polen auf der Einzigartigkeit seines Leidensweges besteht, hatte immer etwas Mitleidloses. Als hätten andere Völker nichts durchgemacht, als wäre nicht gerade auf diesem Gebiet die Konkurrenz entsetzlich groß.
Bild vergrößern
Präsident Dmitrij Medwedjew bei der Beisetzung Lech Kaczynskis (© Foto: dpa)
Anzeige
Weißrussland verlor im Zweiten Weltkrieg ein Viertel seiner Bevölkerung und alle seine Städte. Armenien gedenkt am Samstag des Genozids. Und das sind nur zwei Völker. Und das ist nur Europa.
So befremdlich die polnischen Phantasien von der Erlösung der Welt durch Polen als "Christus der Völker" (Adam Mickiewicz) auch klingen, so sehr muss doch jede Forderung nach Klärung der historischen Fakten unterstützt werden. Nur wo die Wahrheit verschwiegen wird, gewinnt der Mythos.
Und nur deshalb konnte Katyn zum polnischen Golgatha werden. Hier hatte der sowjetische Geheimdienst nicht nur polnische Offiziere und Intellektuelle ermordet, sondern die Tat auf die Nazis abgewälzt und über Jahrzehnte jede Erwähnung unterdrückt.
Das postsowjetische Russland hatte in den vergangenen Jahren nicht in Worten, aber durch Taten die Mörder gedeckt, hatte die Rehabilitierung der Toten verweigert, die Akten geschlossen, die Unkenntnis gefördert. Bis heute wissen nicht mal zwanzig Prozent der Russen, dass Polens Offiziere auf Befehl Moskaus starben.
Aber nun, nach dem Flugzeugabsturz der polnischen Elite bei Smolensk, kommen die Dinge in Bewegung. Präsident Dmitrij Medwedjew war trotz der Aschewolke zur Beisetzung Lech Kaczynskis nach Krakau gereist und hatte dort jene klaren Worte gesprochen, die viele in der Katyn-Rede Wladimir Putins vermisst hatten: Katyn sei das "verbrecherische Werk Stalins" gewesen, sagte Medwedjew, die Tat sei für beide Länder ein Problem, und "weitere Untersuchungen" seien denkbar.
Wenige Tage später hat Russlands Oberstes Gericht nun einer Klage der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial stattgegeben und entschieden, dass die Akten zum Mordfall Katyn eingesehen werden dürfen. Damit hob es die Entscheidung der Militärstaatsanwaltschaft auf, die einen Teil der 180 Bände zum Staatsgeheimnis erklärt hatte.
Der juristische Sieg ist nur ein erster Schritt zur Darlegung der historischen Wahrheit - und die Öffnung der Akten nur eine der Forderungen, die Memorial und Warschau erheben. Bis heute beispielsweise hat Moskau nicht einen einzigen ermordeten Offizier von Katyn als Opfer politischer Verfolgung anerkannt.
Und doch ist die Gerichtsentscheidung das erste greifbare Ergebnis eines psychologischen Durchbruchs, den beide Länder noch nicht fassen können. Vor sechs Jahren erst erhob Russland die Befreiung des Zarentums Moskau von den polnischen Besatzern 1612 zum nationalen Feiertag. Nun berauschen sich beide Seiten an wärmenden Gemeinsamkeiten.
Dabei steht die nächste Herausforderung schon an. Die Vorbereitungen für den 9. Mai laufen auf Hochtouren. Der 65.Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland wird ein Fest der Superlative mit 3D-Sendungen von den Heldenstätten im einstigen Stalingrad und Paraden vom Baltikum bis zum Pazifik. Heldentum in neuer Dimension.
Erstmals marschieren auf dem Roten Platz auch Einheiten der ehemaligen Alliierten mit, aus Amerika, Frankreich, England - und aus Polen. Das ist als Verneigung der internationalen Gemeinschaft vor der Roten Armee gedacht. Aber es könnte auch ein Versuch sein, nach Jahren, in denen die Geschichte die Völker Osteuropas getrennt hat, die Vergangenheit auf ihre einigende Kraft zu überprüfen.
Moskaus Geste gegenüber dem trauernden Nachbarn hat auch in Russland viele überrascht, die dem Kreml so viel Anstand nicht zugetraut hätten. Im besten Fall- es ist nicht der wahrscheinlichste - gelingt Russland nicht nur die Versöhnung mit einem schwierigen Anrainer, sondern auch mit sich selbst.
- Kaczynski beerdigt "Der Moment, in dem die Polen zusammenstehen" 19.04.2010
- Polen nach dem Tod von Präsident Kaczynski Trauer, die ein Land verändert 18.04.2010
- Polen: Trauerfeier in Krakau Abschied von Kaczynski - Medwedjews Mission 18.04.2010
- 70 Jahre Massaker von Katyn Annäherung über Gräbern 07.04.2010
- Polen nimmt Abschied vom Präsidentenpaar Kaczynskis letzter Weg 18.04.2010
- Bestattung von Lech Kaczynski Polen gegen Polen 15.04.2010
- Begräbnis für Kaczynski Die letzte Unruhe 14.04.2010
(SZ vom 23.04.2010)
Reiseknigge: Türkei
Zum 65 Jubiläum: Sieg über Hitler-Deutschland sollen die großen 4 Alliierten plus Polen über den Roten Platz marschieren.
Das gibt auch den Polen endlich Anerkennung.
Aber was ist mit den besiegten Deutschen?
Ein Gehard Schröder und Frau Schröder-Köpf in Ketten auf einem GAZPROM-Wagen wäre doch eine schöne Symbolik, oder?