Polen, Steinbach und die Presse Aufregung um die "blonde Bestie"

Wie die polnischen Medien und der frühere Außenminister Bartoszewski ein Zerrbild von der Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach zeichnen.

Von Thomas Urban

Die nationalkonservative Zeitung Rzeczpospolita sieht die "Schlacht um die Geschichte" fast gewonnen: Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen (BdV), stehe eine schlimme Niederlage bevor, sie werde nicht in den Beirat der Berliner Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aufgenommen.

Die linksliberale Gazeta Wyborcza frohlockt: "Steinbach wird nicht länger die deutsch-polnischen Beziehungen vergiften." Und Ministerpräsident Donald Tusk sagte am Dienstag unmissverständlich: "Für Polen ist diese Person inakzeptabel." Es gibt in Polen also einen breiten Konsens, dass die CDU-Abgeordnete ein "Feind der Nation" ist.

Aus diesem Grund forderten am Dienstag auch SPD, Grüne, FDP und die Linke Steinbach auf, auf ihre Kandidatur für den Beirat zu verzichten.

Der frühere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, trotz seiner 87 Jahre immer noch Sonderbeauftragter Warschaus für die schwierigen Beziehungen zu Deutschland und Israel, polterte: Eine Mitgliedschaft Steinbachs in dem Beirat wäre so, als ob der Vatikan den Holocaust-Leugner Richard Williamson als Nuntius nach Israel schicken würde.

Eine Steinbach-Psychose, die später peinlich wird

Bartoszewski, der zu Beginn des Krieges sechs Monate im Arbeitslager AuschwitzI inhaftiert war, bevor die Deutschen ihn freiließen, hat als Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen viele Auszeichnungen erhalten. Steinbach verhehlt nicht, dass dieser Angriff sie verletzt hat: Sie hat viele Jahre deutsch-israelischen und christlich-jüdischen Gremien angehört - was die polnische Presse bislang nie berichtet hat.

Bei einer Debatte über den deutsch-polnischen Geschichtsstreit in einer Krakauer Hochschule fragten die Diskutanten nach den Ursachen für die Aufregung um die BdV-Vorsitzende. Ein Professor stellte fest: "Es gibt bei uns eine Steinbach-Psychose, die uns in ein paar Jahren peinlich sein wird."

Doch als ein Reporter ihn bat, diesen Satz ins Mikrophon zu wiederholen, lehnte er ab: "Ich werde mich doch nicht freiwillig dem Volkszorn aussetzen." Der Streit um Steinbach begann in Polen, als sie 1998 nach ihrer Wahl zur BdV-Vorsitzenden erklärte, Warschau müsse wenigstens symbolisch eine Entschädigung für die Vertreibung von Millionen Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße leisten. Sonst müsse Berlin den Beitritt Polens zur EU blockieren.

Ausgerechnet Bartoszewski verteidigte sie damals. Er erklärte, es sei doch offensichtlich, dass es sich nur um Rhetorik handele, die die Position Steinbachs gegenüber der Altherrenriege im BdV festigen solle. Er halte sie für eine rationale Person, mit der man reden solle.

Bartoszewski wurde wenig später vom früheren SPD-Generalsekretär Peter Glotz, der gemeinsam mit Steinbach die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen gegründet hatte, eingeladen, deren Beirat beizutreten. Nach Glotz' Aussagen zeigte er daran Interesse, nachdem ihm zugesichert worden sei, dass in dem geplanten Zentrum auch das Schicksal der von den deutschen Besatzern im Krieg vertriebenen Polen ausführlich dokumentiert werden solle, dass keineswegs eine national intonierte Leidensgeschichte der deutschen Vertriebenen angestrebt werde.