Wie die polnischen Medien und der frühere Außenminister Bartoszewski ein Zerrbild von der Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach zeichnen.
Die nationalkonservative Zeitung Rzeczpospolita sieht die "Schlacht um die Geschichte" fast gewonnen: Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen (BdV), stehe eine schlimme Niederlage bevor, sie werde nicht in den Beirat der Berliner Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aufgenommen.
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Erika Steinbach als SS-Domina auf dem Rücken des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder: Titelbild des Wochenblattes "Wprost" von 2003. Für die Vollansicht auf die Lupe klicken (© Foto: AP)
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Die linksliberale Gazeta Wyborcza frohlockt: "Steinbach wird nicht länger die deutsch-polnischen Beziehungen vergiften." Und Ministerpräsident Donald Tusk sagte am Dienstag unmissverständlich: "Für Polen ist diese Person inakzeptabel." Es gibt in Polen also einen breiten Konsens, dass die CDU-Abgeordnete ein "Feind der Nation" ist.
Aus diesem Grund forderten am Dienstag auch SPD, Grüne, FDP und die Linke Steinbach auf, auf ihre Kandidatur für den Beirat zu verzichten.
Der frühere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, trotz seiner 87 Jahre immer noch Sonderbeauftragter Warschaus für die schwierigen Beziehungen zu Deutschland und Israel, polterte: Eine Mitgliedschaft Steinbachs in dem Beirat wäre so, als ob der Vatikan den Holocaust-Leugner Richard Williamson als Nuntius nach Israel schicken würde.
Eine Steinbach-Psychose, die später peinlich wird
Bartoszewski, der zu Beginn des Krieges sechs Monate im Arbeitslager AuschwitzI inhaftiert war, bevor die Deutschen ihn freiließen, hat als Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen viele Auszeichnungen erhalten. Steinbach verhehlt nicht, dass dieser Angriff sie verletzt hat: Sie hat viele Jahre deutsch-israelischen und christlich-jüdischen Gremien angehört - was die polnische Presse bislang nie berichtet hat.
Bei einer Debatte über den deutsch-polnischen Geschichtsstreit in einer Krakauer Hochschule fragten die Diskutanten nach den Ursachen für die Aufregung um die BdV-Vorsitzende. Ein Professor stellte fest: "Es gibt bei uns eine Steinbach-Psychose, die uns in ein paar Jahren peinlich sein wird."
Doch als ein Reporter ihn bat, diesen Satz ins Mikrophon zu wiederholen, lehnte er ab: "Ich werde mich doch nicht freiwillig dem Volkszorn aussetzen." Der Streit um Steinbach begann in Polen, als sie 1998 nach ihrer Wahl zur BdV-Vorsitzenden erklärte, Warschau müsse wenigstens symbolisch eine Entschädigung für die Vertreibung von Millionen Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße leisten. Sonst müsse Berlin den Beitritt Polens zur EU blockieren.
Ausgerechnet Bartoszewski verteidigte sie damals. Er erklärte, es sei doch offensichtlich, dass es sich nur um Rhetorik handele, die die Position Steinbachs gegenüber der Altherrenriege im BdV festigen solle. Er halte sie für eine rationale Person, mit der man reden solle.
Bartoszewski wurde wenig später vom früheren SPD-Generalsekretär Peter Glotz, der gemeinsam mit Steinbach die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen gegründet hatte, eingeladen, deren Beirat beizutreten. Nach Glotz' Aussagen zeigte er daran Interesse, nachdem ihm zugesichert worden sei, dass in dem geplanten Zentrum auch das Schicksal der von den deutschen Besatzern im Krieg vertriebenen Polen ausführlich dokumentiert werden solle, dass keineswegs eine national intonierte Leidensgeschichte der deutschen Vertriebenen angestrebt werde.
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Stockender Kita-Ausbau
Im April jährt sich zum dreiundsechzigsten Male jener Tag, da die polnische Offizierin in unserem Breslauer Eßzimmer mit ihrer Reitgerte auf die holländisch-barocke Kredenz schlug und der verzweifelten Wohnungsinhaberin, an die sich drei schreckerstarrte Buben klammerten, in gebrochenem Deutsch befahl: Sie haben zehn Minuten Zeit, die Wohnung zu räumen. Wie in einer Szene aus Mutter Courage zogen wir, die Mutter an der Deichel, wir Buben als Schiebende, unser mit Bettzeug beladenes Handwägelchen in die zugewiesene Notunterkunft, nur um dort Nacht für Nacht von plündernden polnischem Pöbel überfallen und bis auf das, was wir am Leib trugen, ausgeraubt zu werden. Auf dem Sammelplatz, wo wir von brüllenden Milizen, rasende Hunde an der Leine, wenige Tage später mit Tausenden Breslauern in Güterwaggons gepfercht wurden, entdeckten geübte Hände schließlich auch noch unseres allerletztes Hab und Gut den in Mutters Mantelsaum eingenähten Schmuck. Ein Vergehen, das den uniformierten Entdecker so in Wut versetzte, daß er ihr mit einem Hagel von Faustschlägen das Nasenbein brach.
Erinnerungen, die mich jedes Mal beklemmend überkommen, wenn die aus unzähligen Wiederholungen bekannte Bahnsteigszene von der Deportation jüdischer Landsleute während der NS-Zeit über den Bildschirm flimmert . . .
Dieses Land hat sich wie kein anderes in der Geschichte zu seinen Verbrechen bekannt. Wo auf der Welt gibt es eine Nation, die eine beeindruckendere Präsentation von Erinnerungsstätten vorzeigen könnte: Hunderte zur Mahnung unterhaltener ehemaliger Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager, Mahnmale, Gedenkplätze,
Stolpersteine. Mit einer Ausnahme ist zudem sämtlichen Opfergruppen durch eigene zentrale Denkmäler Genugtuung widerfahren.
Wie krank in seiner Seele muß aber ein Land sein, daß das Erinnerungsbedürfnis von Millionen seiner Landsleute, die stellvertretend für alle ihre Heimat, ihren Besitz, ihre körperliche und psychische Unversehrtheit, ihre Würde und oft genug auch ihr Leben (2,5 Millionen Vertreibungstote!) verloren haben, bis zum jüngsten Tag so kaltschnäuzig, wie es gerade wieder im Gesicht einer Renate Künast bei Anne Will entlarvend sichtbar wurde, mit Füßen tritt?
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liebe polen, hier schreibt euer landsmann, der deutsche grosseltern hatte, die NICHT vertrieben wurden. wenn ich mir die diskussion in den deutschen medien so ankucke und anhöre, wird mir eines klar: je länger ein historisches ereignis zurückliegt, desto mehr "kluge" köpfe haben dazu was zu sagen. in bezug auf unseren deutschen nachbar, heisst es: reiche ihm den finger und er wird die ganze hand nehmen wollen. es bleibt uns nur eine möglichkeit übrig: dafür zu sorgen, dass Lech Kaczynski wiedergewählt wird (nächstes jahr sind die wahlen und ich werde nach Polen hinfahren) und dass die PIS-Partei wieder an die macht kommt. dann sind die positionen klar verteilt und von seiten der Polen wird es endlich eine EINDEUTIGE stellung geben. ich war schon immer ein freund EINDEUTINGER dinge. dass die deutschen "freunde" uns noch mehr hassen werden? who cares! wie Polens Präsident es einmal gesagt hatte: legen wir unseren servilismus ab.
ich glaube darauf kommt es in deutsch-polnischen beziehungen an...
Diese Polemik gegen Steinbach auf Sandkastenniveau hier im Forum disqualifiziert sich im Prinzip beruhigend selber. Die Familie Steinbachs war in Niederschlesien ansässig, der Vater wurde in Hanau geboren. Ein Initial, Schlesien zu verlassen, war für viele Familien die repressive und diskriminierende Minderheitenpolitik unter der Diktatur Pilsudski. Entscheidungen bei Volksabstimmungen hatte in dem Kontext ohnehin Null-Wert.
Einige relevante Kreise in Warschau sollten angesichts ihrer geistigen Gemengelage endlich den Mut aufbringen und ein Zentrum für Vertreibungen aufbauen, wo sie all den Unsinn ihrer hiesigen und allerorten vorgebrachten Rechtfertigungsstrategien international zur Debatte stellen können. Viel Spaß dabei an die Weichsel...
Echte Versöhnung kann nur auf der Grundlage von Wahrhaftigkeit geschehen, nicht dadurch, dass die Deutschen die einseitige Geschichtsdeuting der Polen im Hinblick auf die Vertreibungsverbrechen übernehmen. Dann wird aus dem Zentrum gegen Vertreibung ein Zentrum der Rechtfertigung für Vertreibung.
Die Interessen der polnischen Rechtsausleger sind durchsichtig: Generalabsolution für die polnischen Verbrechung und Rechtfertigung mit vorangegangenen Aktionen der Deutschen. Ein Verbrechen kann aber nicht mit anderen Verbrechen gerechtfertigt werden. Hier ist der grosse Fehler und Schwachstelle der polnischen Argumentation.
Peter Glotz sagt: "Es ist falsch, das Unrecht der Vertreibung durch irgendwelche Aktionen vorher zu rechtfertigen." und "Es war Unrecht, alle Deutsche kollektiv zu vertreiben."
Das hat neben vielen Polen offenbar auch die deutsche Linke in grossen Teilen bis heute nicht verstanden.
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