Polen: Spitzel-Vorwürfe gegen Walesa Eine Marionette namens Bolek

Die Frage ist allerdings, warum er diese Dokumente damals verlangt hat. Offenbar doch nur, so sagen seine Gegner, weil er etwas zu befürchten hatte. Gegen ihn wird auch angeführt, dass er zwar im Präsidentenwahlkampf 1990 eine Abrechnung mit den kommunistischen Kadern gefordert, später aber dieses Wahlversprechen nicht eingelöst habe. Dies war der Grund, warum sich die Kaczynski-Zwillinge, die zuvor Staatssekretäre im Präsidialamt und seine engsten politischen Berater waren, mit ihm überworfen haben.

Einige der den Zwillingen nahestehenden Publizisten meinen, das Regime sei pfleglich mit Walesa umgegangen, weil es ihn gebraucht habe: Er habe den Übergang von der Planwirtschaft mit ihren verheerenden Folgen zum Kapitalismus absichern sollen, wobei die Funktionäre auf der Gewinnerseite bleiben wollten. Völlig abwegig ist diese Theorie nicht: Mittlerweile ist ja bekannt, dass ähnliche Konzepte damals auch in der UdSSR und anderen Ostblockstaaten, darunter der DDR, entwickelt worden sind.

Ebenso wird um die Interpretation der SB-Akten aus den siebziger Jahren gestritten. Für die Kritiker Walesas steht fest, dass er damals Spitzelberichte über politisch unzuverlässige Kollegen auf der Danziger Leninwerft geliefert habe. Doch es fehlt nicht nur eine Verpflichtungserklärung, sondern auch ein Originalbericht. Vielmehr gibt es nur Aktennotizen über die Begegnung von SB-Offizieren mit "Bolek". Und aus diesen geht hervor, dass er zwar zunächst "wertvolle Informationen" geliefert, später aber die Mitarbeit sabotiert habe, sodass er 1976 als TW "abgeschaltet" wurde.

Gegenangriff des Attackierten

War Walesa nur abgeschöpft worden, und der SB hatte daraus Berichte konstruiert, wie es ja vorgekommen ist? Oder sind all diese Akten manipuliert oder gefälscht? Immerhin sind SB-Dokumente aufgetaucht, die belegen, dass der Arbeiterführer in Misskredit gebracht werden sollte, als sein Name auf der Liste für die Nobelpreiskandidaten kam.

Das war 1982, als in Polen Kriegsrecht herrschte und Walesa mit fast der gesamten Führungsspitze der Solidarnosc interniert war. Das Unterfangen, Walesa zu diskreditieren, aber scheiterte, weil die Materialien zu grob gestrickt waren. Weder ließ sich das Nobelkomitee beeindrucken, noch gelang es, die Führung der Solidarnosc im Untergrund zu spalten.

Der Attackierte selbst hat Gegenangriffe angekündigt. So will er den Präsidenten Lech Kaczynski verklagen, weil dieser gesagt hat, es sei klar, dass Walesa "Bolek" sei. Daran haben auch die beiden Historiker Cenckiewicz und Gontarski keine Zweifel. Dafür sprächen die fortlaufenden Registriernummern in den Dokumenten, die Tatsache, dass es viele Querverweise in Akten gäbe, die noch original versiegelt und seit den siebziger Jahren nicht angerührt worden seien. Walesas Verdienste bei der Überwindung des kommunistischen Regimes stellen sie nicht in Frage.

Ebenso wie die Kaczynskis erkennen sie an, dass der Arbeiterführer sich während des Kriegsrechts in den achtziger Jahren weder hat brechen noch korrumpieren lassen. Hinzu kommt, dass Walesa früher wiederholt zugegeben hat, dass SB-Offiziere ihn Anfang der siebziger Jahre befragt hätten. So spricht also manches dafür, dass er "Bolek" gewesen sein könnte. Nur hätte er in diesem Fall ganz offensichtlich den richtigen Zeitpunkt verpasst, diese Jugendsünde einzuräumen.