Einer von ihnen war Berthold Dücker, der sich als 16-jähriger Junge aufmachte zu dieser Grenze. Allein. Niemand wusste von seinem Vorhaben. Rüber wollte er, nur rüber. In den Westen.

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Er ging zur innerdeutschen Grenze. Zerschnitt die erste Reihe des Stacheldrahtzauns, mit einer einfachen Zange. Dann robbte er durch das Minenfeld, hin zur zweiten Reihe Stacheldraht. Die zwickte er ebenfalls auf. Dücker war im Niemandsland angekommen - dem Gebiet zwischen den Grenzsicherungsanlagen und der "Staatsgrenze West der DDR".

Dücker rannte. Er strauchelte und stolperte. Er verlor einen Schuh und seine Brille. Er übersprang einen letzten Weidezaun - und war im Westen angekommen. In Rasdorf in der Rhön.

Diese, seine Geschichte erzählte Dücker 2005. Eindrucksvoll, am Ort seiner Flucht. Auf dem Point Alpha. Neben ihm saßen Helmut Kohl, George Bush senior und Michail Gorbatschow. Ihnen wurde an diesem Tag, am 17. Juni 2005, der erste Point-Alpha-Preis verliehen: Für ihre Verdienste um die Deutsche Einheit.

Eine rostige Zange

Dücker erzählte von dem Jungen in den kurzen Hosen, von seinem Straucheln und den Schwierigkeiten, den Eltern nichts von dem Vorhaben zu erzählen und den beiden Brüdern. Die mehr als 7000 Menschen, die an diesem Tag an die frühere innerdeutsche Grenze gekommen waren, hingen buchstäblich an seinen Lippen. Und als Dücker dann die verrostete Zange hinter seinem Rednerpult hervorholte, schaute mancher ungläubig.

Denn zwar kennen viele Menschen in diesem Landstrich Geschichten von Flüchtlingen und haben die Teilung Deutschlands in ihren "Zonenrandgebieten" hautnah miterlebt - doch so eindrücklich geschildert ließ das Schicksal eines 16-Jährigen niemanden kalt.

Genau so, wie Dücker von seiner Geschichte erzählte, funktioniert auch die Gedenkstätte am Point Alpha, die man wohl sein Lebenswerk nennen kann, für die er jahrelang gekämpft hat. "Da sollte die Geschichte unter den Teppich gekehrt werden", sagte er vor einigen Jahren über das beinahe Ende des Point Alpha.

Der Beschluss war schon gefasst, den Posten der Natur zurückzugeben und dem Erdboden gleich zu machen. Aber Dücker setzte sich so lange an den verschiedensten Stellen ein, bis das Gelände unter Denkmalschutz gestellt war. Er gründete einen Verein "Grenzmuseum Point Alpha" - doch damit ging die Arbeit erst los. "Vandalen hatten Einzug gehalten - die Dächer, Fenster und Türen waren zerstört, alles verfiel", erinnert sich Dücker. Aber das Gelände war erst einmal gerettet. "Das hat uns paar Verrückte schon glücklich gemacht."

Dücker ließ nicht locker und beschaffte immer wieder Geld, zunächst aus Thüringen, später dann auch aus hessischen Töpfen. Das amerikanische Camp und die Beobachtungsposten wurden wieder hergerichtet und schließlich das markante, himmelblaue Ausstellungshaus auf der Grenze gebaut.

Der Verein trieb unermüdlich Gelder ein, organisierte Ausstellungen und Veranstaltungen. Schulklassen kamen auf die zugige Kuppe in der Rhön, Alte und Junge schauten sich den ehemaligen Grenzstreifen an, der heute kaum noch erkennbar ist. Auf rund 100.000 Besucher pro Jahr bringt es der frühere Grenzposten inzwischen.

Kohl, Gorbatschow und Bush sen. waren schon da

Und schließlich lobte das Kuratorium Deutsche Einheit den Point-Alpha-Preis aus, der erstmals am 17. Juni 2005 vergeben wurde: An Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush senior. Ein Festakt und ein Volksfest war das, mehr als 7000 Menschen kamen damals in die Rhön. Die Preisträger waren gekommen und sinnierten über die deutsche Einheit und den Weiterbau des europäischen Hauses. "Michail und George, wir haben nie vergessen, was ihr für die deutsche Einheit getan habt", sagte der Altkanzler damals unter tosendem Beifall

Ein paar Tage vor dem 3. Oktober dieses Jahres wurde der Preis abermals verliehen - diesmal an den tschechischen Schriftsteller und ehemaligen Staatspräsident Vaclav Havel. Diesmal nicht in der Rhön - aus Rücksicht auf Havels schlechten Gesundheitszustand. Mit ihm werde ein "Repräsentant der großen europäischen Freiheitsrevolution im sowjetischen Machtbereich" geehrt, sagte Ex -Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher als Laudator bei einer Festveranstaltung in der deutschen Botschaft Prag.

Das Grenzmuseum Rhön ist modernisiert - aber das ist noch lange nicht alles. Denn der Point Alpha hat keinen Trägerverein mehr, sondern ist zu Beginn des Jahres Stiftung geworden, an der die Länder Thüringen und Hessen, die Keise Fulda und Wartburg, die Orte Rasdorf und Geisa sowie der frühere Trägerverein beteiligt sind.

Damit stehen endlich ausreichend Gelder zur Verfügung, um neue Projekte zu planen und das wissenschaftliche Arbeiten. Etwa eines für das kommende Jahr - in dem sich der Mauerfall bereits zum 20. Mal jährt. "Hier drüben" soll eine Installation im Außengelände heißen, bei der auf der früheren Grenzlinie fünf überdimensionale Würfel fallen.

Dass ihr Grenzposten lange nach dem Ende des Kalten Krieges zu solchem Ruhm gelangen würde, hätten sich Taylor, Smith und Mosites wohl nicht träumen lassen. Die Soldaten werden inzwischen zurück sein in den USA oder in anderen Einsätzen irgendwo auf der Welt.

Und dennoch sind sie und ihre Kameraden ganz eng verbunden mit dem Point Alpha - denn sie führen die Besucher - über einen Knopf im Ohr - durch ihre Baracken, die so zurückgebaut wurden, als hätten die Amerikaner sie gerade erst verlassen. Lebensgroße Bilder von ihnen hängen an den Wänden. Und über den Knopf im Ohr erzählen sie vom Leben zwischen Grenze und Wachtürmen, sie beschreiben, wie es war mitten im Kalten Krieg mitten in der Rhön. Wie sie immer bereit sein mussten, in einen Panzer zu springen - mitten in der Nacht. Wie sie nie wussten, wann ein Krieg ausbrechen könnte.

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(sueddeutsche.de/ssc)