Pluralismus in der westlichen Welt Aufstehen für Pressefreiheit

Frankreich war eines der ersten Länder, in denen die Presse unzensiert erschien. Nach dem Attentat wird dort nun stellvertretend für die moderne Welt um das Recht gekämpft, seine Meinung zu äußern.

Von Stefan Ulrich

Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen findet sich Frankreich auf Platz 39, hinter El Salvador und knapp vor Samoa. In der Nation, die als ein Geburtsort der Pressefreiheit gilt, liegt manches im Argen. Redaktionen werden relativ häufig von der Justiz durchsucht, Journalisten oft mit Prozessen überzogen. Viele Medien gehören Bankiers oder Industriegruppen wie Rüstungskonzernen, deren Chefs wiederum mit Politikern befreundet sind. Und manche Politiker setzen die Presse offen unter Druck.

Der Journalist Franz-Olivier Giesbert berichtete, wie ihn 2008 der damalige Präsident Nicolas Sarkozy anrief. Giesbert war Chef des Magazins Le Point, und Sarkozy wollte sich über einen Autor beschweren, der humoristisch über Carla Bruni geschrieben hatte. "Ich verachte diesen Typen", soll Sarkozy gesagt haben. "An dem Tag, an dem ich nicht mehr im Amt bin, werde ich ihm die Fresse polieren." Als Giesbert eine Entschuldigung für den Artikel verweigerte, rief der Präsident: "Du wirst sehen, was ich machen werde, du wirst sehen!"

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Womöglich lagen die Reporter ohne Grenzen nicht ganz falsch, als sie Frankreich auf ihrer Liste schlecht platzierten. Doch das ist nun Vergangenheit. Seit diesem Mittwoch steht Frankreich in der öffentlichen Wahrnehmung auf Platz eins. Das ganze Land hat sich nach dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo hinter die Pressefreiheit gestellt. Nicht nur die Politiker und viele Religionsvertreter auch und gerade der Muslime, sondern auch Zehntausende Menschen stehen für ein Grundrecht auf, das in den Demokratien des Westens lange als selbstverständlich galt. Diese Bewegung ist ansteckend. In vielen Ländern der Welt und überall im Internet machen sich Menschen für das Recht von Journalisten und Karikaturisten stark, ohne Angst und ohne Zensur zu informieren, zu kritisieren und zu spotten.

Die offene Gesellschaft stellt sich gegen ihre Feinde - nicht hysterisch und aktionistisch, wie bisweilen nach früheren Attentaten, sondern ruhig und kraftvoll. Die Absicht des Terrors, Angst zu verbreiten, die die Seele auffrisst, ist gescheitert. Journalisten und Zeitungen, die zuletzt gern mit Schmähkampagnen überzogen wurden, erleben öffentliche Wertschätzung. Die Pressefreiheit verlässt den Ruheraum der Sonntagsreden und wird zum Thema auf Straßen und Plätzen.

Wunsch nach Pluralität lässt sich nicht unterdrücken

Es ist kein Zufall, dass das Ringen um Pressefreiheit nun gerade in Frankreich stellvertretend für die moderne Welt ausgetragen wird. Denn dort gehen die Satiriker traditionell besonders scharf vor. Und dort setzten sich aufgeklärte Geister schon früher als anderswo dafür ein, Mächtige, Religionen und Heuchler zu kritisieren. Molière verfasste im 17. Jahrhundert seine entlarvenden Komödien. Voltaire schrieb 1741 in seiner Tragödie "Mahomet der Prophet" gegen Fanatismus an. "Ist das ein Gott, der Hass befiehlt?", lässt Voltaire eine Figur fragen. Das Stück wurde auf betreiben der Kirche rasch wieder abgesetzt. 1789 brachte dann die große Revolution in Frankreich die Pressefreiheit.

Kurz darauf wurden die Franzosen zwar vom Terror des Wohlfahrtsausschusses heimgesucht, der den Pluralismus erstickte, und 1800 führte der erste Konsul Napoleon Bonaparte die Zensur wieder ein. Doch der Wunsch nach Pressefreiheit ließ sich nicht auf Dauer unterdrücken. Sie setzte sich in Frankreich durch, was auf viele andere Länder der Welt ausstrahlte - auch auf Deutschland.

Pressefreiheit ist dabei kein Selbstzweck, keine Pfründe der Journalisten und kein Freibrief für alles. Sie flankiert die Meinungsfreiheit und soll es den Bürgern erleichtern, sich zu informieren und dann ihr Urteil zu bilden. Pressefreiheit hilft zudem, die Mächtigen zu kontrollieren und Missstände aufzudecken, wie in jüngster Zeit die Datengier der US-Geheimdienste, die Steuertricks von Staaten wie Luxemburg oder die Verbrechen der Bürgerkriegsparteien in Syrien.

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