Plagiatsverdacht Hat Roberto Saviano abgeschrieben?

Mafiakritiker Roberto Saviano

(Foto: dpa)

Fremde Artikel abgeschrieben, Interviews erfunden? Der italienische Anti-Mafia-Kämpfer und Autor antwortet auf Plagiatsvorwürfe.

Von Fritz Göttler

"Für mich ist es zu spät. Ich hätte Distanz halten müssen", schreibt Roberto Saviano am Schluss seines Buches "Zero Zero Zero", 2013. "Mein Blick ist unmittelbar, nah, infiziert. Ich bin kein Chronist der Fakten, sondern der eigenen Seele."

Das Buch ist eine Studie des internationalen Drogenhandels, die in einem fiebrigen, fast lyrischen Schreibtaumel möglichst alle Aspekte dieses komplexen und gefährlichen Sujets erfassen will, von der Herstellung des Kokains bis zur Organisation der südamerikanischen Banden und der brutalen Folter, mit der sie ihre Geschäfte durchziehen. Nun hat der amerikanische Journalist Michael Moynihan ihm auf der Webseite The Daily Beast Plagiarismus vorgeworfen: Saviano habe fremde Artikel abgeschrieben, verschiedene Personen zu einer Figur verschmolzen, Interviews erfunden.

Auf der Spur des Kokains

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Ist Saviano (Jahrgang 1979, Studium der Philosophie in Neapel) mit "Zero" ein Opfer seines Erfolgs geworden? Mit seinem ersten Buch "Gomorrha" über die italienische Mafia wurde er weltberühmt, da war er in seiner Recherche tatsächlich ganz nah dran gewesen, hatte undercover in Neapel gearbeitet und das Milieu der Camorra studiert.

Als das Buch 2006 erschien, gab es Morddrohungen, Umberto Eco plädierte öffentlich für Maßnahmen zum Schutz Savianos. Der konnte sich nur noch unter Personenschutz bewegen, wechselte oft die Wohnung - als Rushdie von Rom bezeichnet ihn Moynihan sarkastisch. Schon bei "Gomorrha" gab es Plagiatsvorwürfe, die aber vor Gericht geklärt wurden.

Natürlich war an eine unmittelbare Recherche für das Kokain-Buch nicht mehr zu denken. Saviano hat sich also vollgesogen mit Informationen aus zweiter Hand - und ist dabei süchtig geworden. Die Stellen, die Moynihan anführt, beziehen sich vor allem auf faktische Passagen, keine wörtlichen Abschreibungen, Begriffe und Beiwörter sind immer geändert, bisweilen ein wenig schematisch.

"Ich bin ein Symbol"

Roberto Saviano hatte am Freitag in der Repubblica auf die Vorwürfe geantwortet und seine Methode verteidigt: "Die Methode ist die Chronik, das Ziel ist die Literatur." Die Worte blieben in der Chronik unsichtbar, "aber wenn sie Literatur werden, werden die gleichen Worte, die gleichen Geschichten sichtbar, offenkundig".

"Ich bin ein Symbol", hat Saviano im Text erklärt, "das es zu zerstören gilt." "Gomorrha" hat ihm Starstatus beschert, und es ist schwer abzuschätzen, wie groß die persönliche Gefährdung heute noch ist - und wie stark sie in die PR hineinspielt, wenn er sich in der Öffentlichkeit präsentiert mit seinen Leibwächtern (in München etwa auf dem Filmfest 2014 für die TV-Verfilmung von "Gomorrha").

"Seit Jahren lasse ich mich tagtäglich von den Stimmen überwältigen", hat er in "Zero Zero Zero" geschrieben. "Dann reden alle durcheinander, ein Stimmengewirr, bis ganz am Ende Stille eintritt. Und ich muss wieder von vorn anfangen." Vielleicht ist das Savianos Geheimnis und sein Fluch - durchs Schreiben die Stille suchen.