Plagiatsaffäre und Bundeswehrreform Das Elend des talentierten Herrn Guttenberg

Die Uni Bayreuth hat festgestellt, Guttenberg habe bei seiner Doktorarbeit "vorsätzlich getäuscht" - trotzdem haben viele Mitleid mit ihm. Das hat er nicht verdient: Seine Bundeswehrreform ist von so schlechter Qualität, dass man Mitleid mit der Bundeswehr haben muss.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Ex-Kommandant Norbert Schatz kehrt wohl in Kürze wieder als Kommandant auf die Gorch Fock zurück; die Vorwürfe gegen ihn haben sich nicht bestätigt. Die Vorwürfe gegen den Ex-Minister aber, der dem Kommandanten seinerzeit als Minister die Vorwürfe gemacht hat, werden jeden Tag mehr: Karl-Theodor zu Guttenberg hat nicht nur mit seiner Doktorarbeit geblendet, sondern auch mit seiner Politik.

Die Universität Bayreuth hat soeben festgestellt, der frühere Verteidigungsminister habe bei seiner juristischen Doktorarbeit "vorsätzlich getäuscht". Die Strafe dafür hat ihn schon getroffen: Er musste zurücktreten. Viele Menschen, die so große und stürmische Hoffnungen auf Guttenberg gesetzt hatten, haben Mitleid mit ihm. Er hat das schon deswegen nicht verdient, weil die große Bundeswehrreform, die er vorantrieb, von so mitleiderregend schlechter Qualität ist, dass man Mitleid nicht mit ihm, sondern mit der Bundeswehr haben muss.

Er hat diese grundstürzende Reform übers Knie gebrochen: Er hat die Wehrpflicht zu hastig abgeschafft; er hat sie ausgesetzt, schon bevor es das Gesetz und ordentliche Vorbereitungen dafür gab; er hat von Freiwilligen schwadroniert, welche die Wehrpflichtigen ersetzen könnten - es gibt sie bis heute nicht; er hat versprochen, dass die Reform Einsparungen bringt - das Gegenteil ist der Fall.

Sicherlich: Alle haben das mitgemacht, sein Parteivorsitzender Horst Seehofer, seine Kanzlerin Angela Merkel, alle haben sich blenden lassen von der vermeintlichen Fortüne Guttenbergs. Das macht es nicht besser. Guttenberg hat die Bundeswehr als Problemarmee hinterlassen.

Mühselige Kleinarbeit

In seiner Rücktrittserklärung hat er fast so getäuscht wie in seiner Doktorarbeit: Er hat von einem weitgehend bestellten Haus gesprochen. Indes: Es ist eine Ruine. Er hat seinem Nachfolger angekündigt, dass alles "bestens vorbereitet" sei. Doch Thomas de Maizière würde Guttenbergs "Vorbereitungen", er würde die ganze Reform wohl am liebsten rückgängig machen. Er repariert in mühseliger Kleinarbeit Guttenbergs Fehler.

Bei Guttenberg, das ist das Elend dieses talentierten Mannes, siegte der Selbstdarstellungsdrang immer wieder über die Vernunft: So war es bei der Doktorarbeit; so war es in der Kundus-Affäre, als er, um selber gut dazustehen, seinen Generalinspekteur und seinen Staatssekretär vor die Tür setzte. So war es, als er in der Gorch-Fock-Affäre den Kommandanten absetzte. Und als er zurücktreten musste, waren daran nicht seine Fehler schuld, sondern die "dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit" - weg vom Krieg in Afghanistan hin auf seine Doktorarbeit. Er tat so, als seien an seiner Täuschung die Medien schuld.

Guttenberg hatte eine Gabe, wie es sie sonst nur im Märchen gibt: Er konnte Stroh zu Gold spinnen. Aber es war eine Täuschung, eine Blendung. Wenn man geblendet ist, dauert es einige Zeit, bis die Augen aufgehen. Zwei Monate nach Guttenbergs Rücktritt ist das eingetreten.