Plädoyer für den Frohsinn Karneval feiern - jetzt erst recht

Karneval in Köln Jecken feiern am 11.11.2014 auf dem Heumarkt in Köln (Nordrhein-Westfalen) den Beginn der Karnevalssession. In den rheinischen Karnevalshochburgen hat die närrische Zeit begonnen. Pünktlich um 11.11 Uhr nahm das Unvermeidliche seinen Lauf. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Das Narrentum wurde für Zeiten wie diese gemacht. Endlich haben Sorgen und Ängste mal Pause.

Kommentar von Matthias Drobinski

Darf man das? In diesen Zeiten die neongrüne Perücke entstauben, das Kölsch und den billigen Sekt kalt legen, sich in die kollektive Trunkenheit und Narretei des Karnevals stürzen? In diesen Zeiten, wo in Köln das Sicherheitskonzept der Polizei mehr Aufmerksamkeit erfährt als die in Pappmaschee gewandeten Scherze auf den Umzugswagen? Wo der verantwortungsbewusste Rosenmontagszugsbesucher durch die Kamellenschauer späht, nach Sprengstoffgürtelträgern und Grapschtrupps? Wo doch klar zu sein scheint, dass man "in diesen Zeiten" sagen muss: Es gibt nicht viel zu lachen.

Die Antwort muss lauten: Nie war die Pappnase so wertvoll wie heute. Das Narrentum ist in Zeiten wie diesen entstanden und für Zeiten wie diese gemacht. Schon in seiner Geburtsstunde war der Karneval das Überdruckventil gegen das Bedrängende der Gegenwart und die Übermacht der Verhältnisse. Man konnte der Kirche, den Franzosen, den Preußen, der öffentlichen Ordnung und der Moral die Zunge herausstrecken und sagen: Ihr könnt mich mal bis Aschermittwoch.

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Zeitweiser Niveauverlust schafft Abstand

Und nun kann man den Sorgen und Ängsten rund um die Zukunft was tröten und sagen: Ihr habt mal Pause. Die Lage erfordert den nötigen Unernst. Wenn es stimmt, dass das Lachen in dem Moment zum Menschen kam, da er die Beute verfehlte, die Zähne noch gebleckt hatte und sich die Anspannung ins Nichts entlud, dann steckt darin die Wahrheit, dass Krise und Humor zusammengehören. Man steht da, als Spielball des Schicksals, und stimmt ein ins endlose homerische Gelächter über die Komik des Menschseins.

Im kollektiven Kontrollverlust des Karnevals bekommen die Dinge ihren Platz zurück. Ja, man muss die Flüchtlingskrise lösen, Europa zusammenhalten, Frieden schaffen und das Klima retten. Man muss es aber nicht in jedem Moment des Lebens tun - man darf es nicht, denn dann würde das Gute und Richtige totalitär und sich ins Gegenteil verkehren. Das ist die subtile Kulturleistung des zeitweisen Niveauverlusts auf den Straßen des Rheinlands und anderswo: Er schafft Abstand. Er entlarvt den angeblich heiligen als tierischen Ernst. Er verordnet dem Gewese und Wichtigtun eine Pause. Die Narretei entzieht sich jedem höheren Sinn: Wer - jetzt erst recht! - zum Schunkeln und Saufen für die Freiheit und die westlichen Werte aufruft, der wird ausgelacht. Huff-Tää, huff-tää, huff-täää!

Endlich haben Sorgen und Ängste mal Pause

Kaum einer weiß es noch: Vor 25 Jahren fiel der Karneval aus in Deutschland. Damals, 1991, führten die USA und ihre Verbündeten Krieg gegen den Irak, das alles war so weit weg und erschütterte die Deutschen doch so sehr, dass selbst dem weinseligsten Fastnachtspräsidenten der Reim im Halse stecken blieb. Das alles hat zwar weder Saddam Hussein noch George Bush beeindruckt. Aber das Land war sehr beeindruckt von sich selbst, während sich die düpierte Luftschlangenindustrie auf Halloween konzentrierte, um die Umsatzdelle auszugleichen - seitdem muss man sich auch noch mit Halloween herumschlagen.

Vielleicht ist's ja ein Fortschritt, dass diese Art des heiligen Ernsts verschwunden ist, vielleicht ist auch die Lage zu ernst, als dass man ihn sich noch leisten könnte. Wie auch immer: Auf geht's, zu Flachwitz, Knittelvers und Blödsinn! Aschermittwoch kommt früh genug.

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