Gewaltige demographische Herausforderung: Mehr als zwei Millionen Deutsche sind schon auf Pflege angewiesen - doch ihre Familien allein können ihnen nicht helfen.
Ob im Jahr 2030 nun 2,6 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sind oder 3,4 Millionen, darüber streiten die Wissenschaftler noch; und ob es tatsächlich 2050 doppelt so viele 60-Jährige gibt wie Neugeborene oder vielleicht sogar schon etwas früher - ganz genau weiß das keiner.
Bild vergrößern
Teurer heißt nicht besser: Wer seine Eltern in einem Heim unterbringen muss, kann vom Preis nicht immer auf die Qualität der Betreuung schließen. (© Foto: dpa)
Anzeige
Fest steht nur: Deutschland mit seiner "Gesellschaft des langen Lebens", wie die alternde Bevölkerung politisch korrekt genannt wird, stehen gewaltige demographische Herausforderungen bevor. Nicht nur, weil die Zahl der Pflegebedürftigen - heute sind es bereits 2,13 Millionen - immer weiter wächst, sondern auch, weil es immer weniger junge Menschen gibt, die für sie sorgen können.
Schon 2007 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 25,3 Prozent der Deutschen älter als 59 Jahre, 1991 waren es noch 20,4 Prozent. Die Betreuung zu Hause - das haben Wissenschaftler des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) erklärt - wird damit in Zukunft zur Ausnahme.
Das zeigt sich schon an der Hilfsbedürftigkeit, welche die Bewohner der Pflegeheime haben: 90 Prozent von ihnen können sich nicht alleine waschen, 50 Prozent brauchen Hilfe beim Anziehen, bei der Toilettennutzung und beim Gehen, 40 Prozent können nicht mehr eigenständig essen.
Eine so intensive Betreuung können viele Familien zu Hause nicht leisten. Stationären Einrichtungen und ambulanten Diensten kommt damit eine immer größere Bedeutung zu.
Das zeigt sich auch in der Statistik: Wie das RWI erklärte, stieg die Zahl der Pflegeheime zwischen den Jahren 1999 und 2005 um 25 Prozent auf 11029 Einrichtungen. Diese Entwicklung führte jedoch auch dazu, dass die Pflegeheime derzeit selten voll belegt sind - im Schnitt sind sie es nur zu 88,8 Prozent.
Wegen der weiteren Alterung der Gesellschaft sind die Heime aber bald wieder ausgelastet, und spätestens 2013 müssen sogar noch zusätzliche Plätze geschaffen werden. "Die Prognosen zur Entwicklung der Pflegebedürftigkeit in Deutschland verdeutlichen, dass der Sektor auch in Zukunft mit einer erheblichen Dynamik zunimmt", schreibt auch der Sachverständigenrat für Gesundheit.
Dramatisches Tempo
Auf welch dramatisches Tempo diese Prognosen hinweisen, zeigen Daten des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV): Demnach ist die Zahl der Menschen, die Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung beziehen, zwischen 1995 und 2008 um 20 Prozent gestiegen. Und allein von 2007 auf 2008 war ein Sprung von 4,4 Prozent zu erkennen. Am höchsten ist die Pflegequote, also der Anteil pflegebedürftiger Menschen an der Bevölkerung, übrigens in Bremen und Sachsen-Anhalt. Die niedrigsten Pflegequoten haben Baden-Württemberg und Hamburg.
Überall könnte sich die Zahl in Zukunft aber deutlich erhöhen, weil der Begriff der Pflegebedürftigkeit ausgeweitet werden soll: Künftig sollen nicht nur körperlich Versehrte in diese Kategorie fallen, sondern auch Menschen mit psychischen Problemen. Angesichts dieser Entwicklung - und der Folgen der Wirtschaftskrise - warnte GKV-Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Voß im Juni: "Wenn das 2009 und 2010 anhält, sind die Reserven der gesetzlichen Pflegeversicherung rasch verfrühstückt."
Bei der Auswahl eines Pflegeheims sollten sich Angehörige im Übrigen nicht auf den Preis verlassen. Denn teurer heißt nicht immer besser. Auch das RWI hat ermittelt, dass der Preis eines Heims nicht unbedingt Auskunft über seine Qualität gibt. Die Preise seien oft durch den Standort bestimmt - regional gibt es starke Unterschiede.
Besonders teuer sind Heime in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Bayern und Baden-Württemberg. Günstig sind sie in den ostdeutschen Bundesländern und in Niedersachsen. Zudem ist es nach Untersuchungen des RWI so, dass private Heime im Durchschnitt sieben Prozent günstiger sind als nicht-private. Es gebe aber keine Anzeichen für eine schlechtere Qualität in den privaten Einrichtungen.
(SZ vom 02.07.2009/segi)
Bildung in Europa