Pflege-Notstand in Deutschland Alarm am Lebensabend

Das Vorhaben von CDU, CSU und SPD in der Pflege ist nur eine erste Nothilfe.

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Das Pflege-Konzept, das CDU, CSU und SPD ausgehandelt haben, ist nur eine erste Nothilfe. Alte verdienen Respekt und Wertschätzung, doch mit ihnen geschieht das Gegenteil: Sie werden ausgeschlossen aus ihrer bisherigen Welt.

Kommentar von Heribert Prantl

Warum gibt es keinen Aufstand? Warum ist der Pflegenotstand ein alltäglicher Zustand? Er schreit zum Himmel; die Behandlung der alten und der dementen Menschen gleicht bisweilen einer Bestrafung dafür, dass sie so alt geworden sind. Ist das Altwerden eine Schuld, die Sanktionen nach sich ziehen muss, die in Pflegeheimen vollstreckt werden? Die Erklärung der bisweilen grausigen Zustände, die in so manchen Heimen herrschen, gelingt nur einem solchen Zynismus. Altenheime gehören, auch wenn es durchaus vorbildliche Heime gibt, zu den skandalträchtigen Örtlichkeiten hierzulande.

Einspruch: Pauschale Verurteilung wird der Fürsorglichkeit auch nicht gerecht, die es sehr wohl in vielen Heimen gibt. Es gibt dort Altenpflegerinnen und Altenpfleger, die den Titel Held des Alltags verdienen, weil sie mit einem Einsatz arbeiten, der höchsten Respekt verdient - aber trotzdem die Malaisen des Systems nicht ausgleichen kann. Diese Malaisen haben damit zu tun, dass Heimbetreiber mit der Betreuung von Menschen, die ihr ganzes Leben lang gerackert haben, an deren Lebensende noch Geld verdienen wollen; deshalb wird in Altersheimen kräftig rationalisiert; deshalb verdient Pflege oft das Wort Pflege nicht, sondern das Wort Lebensabwicklung. Und das Wort Lebensabend, das einmal etwas Behagliches hatte, ist heute eines, das bitter schmeckt. Deutschland ist ein Land, das die besten Maschinen der Welt bauen kann; aber dieses Land ist bisher nicht in der Lage, ein anständiges Pflegekonzept zu entwickeln. Daran wird sich nichts ändern, solange Pflegeheime wie Profitcenter betrieben werden, die Gewinne abwerfen müssen.

Vom Alter profitieren

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Das sogenannte Pflege-Konzept, das CDU/CSU und SPD soeben miteinander ausgearbeitet haben, ist kein Konzept, sondern allenfalls eine erste, schnelle Nothilfe. Die Politik hat die ungeheuere Dimension des Problems zwar erkannt - aber sie zieht daraus nicht die notwendigen Konsequenzen. In spätestens einer Generation wird jeder fünfzehnte Deutsche pflegebedürftig sein. Etwa 1,5 Millionen Demenzkranke leben heute in Deutschland, im Jahr 2050 werden es wohl drei Millionen Menschen sein. Eine Kultur, die die Lebenszeit so sehr verlängert hat, hat noch keine Antwort auf die Probleme, die damit einhergehen. 8000 Pfleger sollen jetzt auf die Schnelle eingestellt werden; das ist zum Weinen; das ist etwas mehr als ein halber Pfleger pro Heim.

Der Pflege-Imperativ: Pflege die Alten so, wie du selber einmal gepflegt werden willst!

Ein Fortschritt? Ein Fortschrittlein. Warum gehen so wenig alte Menschen für eine bessere Pflege auf die Straße? Dieter Hildebrandt, der im Jahr 2013 verstorbene Kabarettist, hat, als er selber schon deutlich über achtzig Jahre alt war, auf diese Frage die einfache und gar nicht komische Antwort gegeben: "Die einen können es nicht mehr - und die anderen wollen nicht daran denken, dass sie am nächsten Tag selbst betroffen sein könnten."

Es ist in dieser Gesellschaft viel von Integration und Inklusion die Rede. Gilt das für alte Menschen nicht? Inklusion heißt Anerkennung, Respekt und Wertschätzung. Mit den Alten geschieht das Gegenteil: Sie werden ausgeschlossen aus ihrer bisherigen Welt. Die Konzentration der Politik auf das Heim-Modell ist teuer und altenfeindlich. Es reißt Menschen aus ihrer Umgebung heraus, statt sie dort so lang wie möglich leben zu lassen. Es ist derzeit leider so: Häusliche Pflege wird nicht belohnt, sondern eher bestraft. Das Geld der Sozialkassen fließt vor allem in die teuere stationäre Pflege. Ohne die Familien, die sich um ihre Alten selbst kümmern, wäre die Pflegeversicherung bankrott. Wer Pflege in der Familie nicht selbst erlebt hat, hat wenig Ahnung davon, was dieses Kümmern bedeutet. Früher hat man Aufopferung gesagt. Bezahlbare Haus-Betreuung durch Fachkräfte gibt es nicht. Pflege zu Hause zahlt die Familie - durch Gehaltseinbußen oder Finanzierung einer Billigkraft aus dem Ausland, die offiziell als Haushaltshilfe firmiert.

Alternativen zum Heim? Da wäre die staatlich kräftig unterstützte Pflege in der Familie. Da wäre die Betreuung und Begleitung im Quartier, also im Stadtviertel , in einer gewohnten und vertrauten Umgebung, in der die alten Menschen nicht separiert werden, sondern mittendrin sind. Gedächtnisverlust und Hilfsbedürftigkeit sind Zustände an den Rändern des Lebens; sie gehören zum Menschsein dazu. Es gilt deshalb für Politik und Gesellschaft ein gerontologischer Imperativ: Pflege die alten Menschen so, wie du selber in zwanzig oder dreißig Jahren gepflegt werden willst!

"Es wird nicht das Notwendige getan"

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