Pferdezucht: Umstrittene Tradition Heiße Eisen auf die Hinterbacken

Geht es nach Landwirtschaftsministerin Aigner, sollen Züchter ihre Pferde nicht mehr brandmarken dürfen. Die sehen nun ihre Zunft in Gefahr: Der Schenkelbrand sei eine jahrhundertealte Tradition, die bleiben soll.

Von Constanze von Bullion

Es ging natürlich nicht zu wie damals bei Roots, dieser Fernsehserie über den Sklavenjungen Kunta Kinte, der in Gambia gefangen und mit einem glühenden Eisen gebrandmarkt wurde. Es hat auch keiner vor Schmerz gebrüllt bei dem Spektakel, das am Montagnachmittag im Grunewald aufgeführt wurde. Im Dressurstall Eichkamp weit im Berliner Westen wurde demonstriert, was Eingeweihte den Schenkelbrand nennen. Drei Fohlen wurden da heiße Eisen auf die Hinterbacken gedrückt, vor großem Publikum, und um - wie es hieß - eine hitzige Debatte zu versachlichen.

Alle Bundestagsabgeordneten und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner waren in die Reithalle eingeladen, die CSU-Ministerin allerdings zog es vor, der Vorführung fernzubleiben. Dafür folgten einige Mitglieder des Agrarausschusses dem Ruf von Breido Graf zu Rantzau, der "aufklären" wollte an diesem Tag.

Der Schlossherr und Pferdezüchter ist Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Sein Verband vertritt 760.000 Pferdefreunde und -züchter und ist eine selbstbewusste Lobby des Reitsports. Fünf Milliarden Euro werden laut dem Verband jedes Jahr in der deutschen Pferdebranche umgesetzt. Ein begabtes Markentier wechselt schon einmal für ein paar hunderttausend Euro die Hände. Jetzt aber sieht die Zunft Gefahr.

Die Bundesregierung will den Schenkelbrand verbieten. Durch das Logo am Hinterteil ist der Trakehner auf den ersten Blick vom Hannoveraner zu unterscheiden, eine eingebrannte Nummer zeigt das Geburtsjahr. So ist das seit Jahrhunderten, so soll es bleiben, finden Züchter. Unnötige Tierquälerei, findet Agrarministerin Aigner. Sie verweist auf ein EU-Gesetz von 2009, das Züchter verpflichtet, jedem Pferd einen Transponder einzupflanzen, einen elektronischen Personalausweis. Der Chip wird mit Hilfe einer Kanüle am Hals implantiert, eine Mini-Antenne sendet eine Nummer an ein Lesegerät. Das Tier wird so unverwechselbar. Ein zusätzliches Brandzeichen ist überflüssig, sagt Aigner, die aus Tierschutzgründen die Brennerei verbieten will.

Im Grunewald wurde am Montag zweierlei vorgeführt: der Schenkelbrand und die Chip-Implantation. Beide Methoden verursachten nur "einen kleinen Schmerz", sagte Dieter Stier, Pferdezüchter und Tierschutzbeauftragter der Union im Bundestag. Der CDU-Mann führt den Kampf gegen die CSU-Ministerin an. Es sei "Unsinn", sagte er, Heißbrand eine Quälerei zu nennen. Zudem sei das Verfahren mit dem Chip "noch nicht ausgereift". Wenn er technisch versage, verliere ein Pferd seine Identität.

Tierschützer sehen das anders. Der Heißbrand sei "mit erheblichen Schmerzen verbunden", sagte Tierschutzbundpräsident Wolfgang Apel. Verbrennungen dritten Grades entstünden da, das Mal am Po diene "nur kommerziellen Interessen", ein Pferd sei keine Werbewand. Tierärzte warnten vor der "grausamen Tradition", die Fohlen stumm, aber wochenlang unter Schwellung und Wundschmerz leiden lasse. Eine Studie ergab, dass das Pferdeherz beim Schenkelbrand deutlich schneller schlägt als bei einer Chip-Implantation.

Was wirklich vorgeht im Tier, lässt auch das Experiment in Berlin nicht erkennen. Die Fohlen werden gepackt, es qualmt, es stinkt. Eines steigt hoch, als es das Brandzeichen bekommt. Ein anderes bockt, als ihm der Chip implantiert wird. Das dritte steht still und senkt den Kopf. Sekunden dauert das, dann machen die drei sich davon.