Von Tobias Matern

Elf Tote und mindestens 40 Verletzte: Der Anschlag auf ein bei Ausländern beliebtes Luxushotel war offenbar ein Racheakt der Taliban.

In Pakistans "Wildem Westen" steht mitten in der Provinzhauptstadt Peschawar ein Luxushotel, das mühelos westliche Standards erfüllt. Flauschige Teppiche, dezente Musik, eigene Stromgeneratoren, drahtlose Internetverbindungen, eine exquisite Küche - das zeichnet das Pearl Continental aus in einer der gefährlichsten Gegenden der Welt unweit der afghanischen Grenze.

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Eine gewaltige Bombenexplosion zerstörte große Teile des Pearl Continental Hotels. (© Foto: AFP)

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Mindestens 200 Dollar muss der Gast für eine Übernachtung hier bezahlen - durfte sich dafür aber zumindest einigermaßen in Sicherheit wiegen. Damit ist es vorbei: Am Dienstag griffen Extremisten das bei Diplomaten, Journalisten und ausländischen Besuchern beliebte Hotel an - mindestens elf Menschen starben nach Angaben pakistanischer Medien, etwa 40 wurden verletzt.

500 Kilogramm Sprengstoff

"Hier herrscht das absolute Chaos", sagte ein Bewohner Peschawars der Süddeutschen Zeitung am Telefon. Vor dem Pearl Continental Hotel spielten sich dramatische Szenen ab. Helfer versuchten verzweifelt, blutüberströmte Opfer aus den Trümmern zu bergen und in Krankenhäuser zu bringen.

Ein in Sicherheitskreisen gut vernetzter Experte aus der Provinzhauptstadt berichtete, ein mit Sprengstoff beladener Wagen sei aus noch ungeklärten Gründen durch einen Kontrollpunkt etwa 100 Meter vor dem Eingang des Hotels gekommen, an dem eigentlich bewaffnete Sicherheitsleute jedes Auto überprüfen. Die Attentäter rasten bis kurz vor die Lobby und zündeten dort ihre Ladung. Etwa 500 Kilogramm Sprengstoff hätten sie bei dem Bombenangriff verwendet, teilte die Polizei mit.

Nach dem Angriff klaffte ein großer Krater vor dem Pearl Continental. Zwei Bewohner Peschawars sagten übereinstimmend, die Explosion sei in einem Umkreis von mehreren Kilometern zu hören gewesen. Es war auch die Rede davon, es sei auf das Hotel geschossen worden.

Ort mit hoher Symbolkraft

Die Militanten hätten in Peschawar kaum einen Ort mit höherer Symbolkraft wählen können. Das Pearl Continental liegt in unmittelbarer Nähe eines Gerichtes, des Provinz-Parlaments und des Regierungssitzes. All diesen Institutionen haben die Taliban den Krieg erklärt - sie wollen die Macht in Pakistan übernehmen, die Demokratie abschaffen und jeglichen westlichen Einfluss in der Region unterbinden.

Zwar bekannte sich zunächst niemand zu dem Terroranschlag in Peschawar, aber die selbsternannten Gotteskrieger haben jüngst Rache geschworen, Rache für einen Krieg, den sie mit konventionellen Mitteln im Moment nicht gewinnen.

Seit Anfang Mai toben im Swat-Tal nahe Peschawar heftige Kämpfe zwischen der pakistanischen Armee und den Taliban, die nach einem gewaltigen Vormarsch derzeit auf dem Rückzug sind. Die Regierung hatte mit ihnen noch vor einigen Monaten einen Friedensvertrag ausgehandelt. Demnach durften die Taliban im Swat-Tal und angrenzenden Gebieten ihre Version der Scharia einführen.

Im Gegenzug sollten sie die Waffen niederlegen - woran sie sich allerdings nicht hielten. Sie verbreiteten Angst und Schrecken, köpften Sicherheitskräfte, peitschten ihre Gegner öffentlich aus, brannten Mädchenschulen nieder und drangen in Gebiete vor, die nur 60 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegen.

Militärisch können die Taliban nicht gewinnen

Die Regierung beschloss, die Truppen gegen die Taliban zu mobilisieren. Die Extremisten haben in den vergangenen Wochen nach nicht überprüfbaren Angaben des Militärs mindestens 1200 Kämpfer verloren. Und so verlegen sie sich auf Terrorangriffe wie am Dienstag.

Bereits im September hatten Extremisten ein Luxushotel in Islamabad durch einen Sprengstoffangriff in Schutt und Asche gelegt. Damals waren 60 Menschen ums Leben gekommen. "Wir sind es gewohnt, in Unsicherheit zu leben, aber dieser Anschlag löst hier einen regelrechten Schock aus", sagte ein Mann in Peschawar. Schon in den vergangenen Tagen hätten sich viele Menschen nicht mehr auf die Basare getraut - aus Furcht vor Anschlägen.

Viele Bewohner Pakistans standen den Taliban lange Zeit ideologisch nahe, weil sie die westliche Präsenz im Nachbarland Afghanistan und die Einmischung der USA in ihrer Heimat ablehnen. Sie betrachteten die Extremisten als Kämpfer für eine gerechte Sache. Nach den Gräueltaten, die sich zunehmend gegen Pakistaner richten, hat sich die Stimmung allerdings gedreht.

In der Nähe Peschawars entstand am Wochenende als Reaktion auf einen Taliban-Anschlag auf eine Moschee eine Bürgermiliz, der sich mehrere hundert Männer angeschlossen haben. Sie machen nun selbst Jagd auf die Taliban. Nach offiziellen Angaben hat die Miliz bereits mindestens 14 Extremisten getötet.

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(SZ vom 10.06.2009/liv)