Personalmangel bei der Truppe Schwarz-gelbe Katerstimmung über Guttenbergs Hinterlassenschaft

Verteidigungspolitikern aller Couleur bereitet die Schrumpftruppe Sorge - auch in den schwarz-gelben Reihen herrscht inzwischen Katerstimmung angesichts der Hitnerlassenschaft des Polit-Stars a. D.

Rekruten beim Gelöbnis.

(Foto: dapd)

Dass sich so wenige junge Frauen und Männer für den freiwilligen Dienst in Flecktarn erwärmen können, stößt bei vielen auf breites Verständnis: Von unklaren Aussichten spricht etwa der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus. "Da geht es für jeden Einzelnen um Existenzielles, bis zur Familienplanung", so der FDP-Politiker zur Leipziger Volkszeitung. "Es muss sich niemand wundern, wenn die Leute nicht zur Bundeswehr strömen, wenn die Wehrpflicht wegfällt", sagte auch der CSU-Wehrexeperte Thomas Silberhorn zu sueddeutsche.de. Da müsse "nachgearbeitet" werden - Silberhorn forderte ein neues Konzept zur Nachwuchsgewinnung - indirekte Kritik an Parteifreund Guttenberg.

Deutlicher wird die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP: "Die Schieflage beim freiwilligen Wehrdienst" habe in erster Linie der Ex-Verteidigungsminister zu verantworten, gab Elke Hoff grollend der Neuen Osnabrücker Zeitung zu Protokoll. Die Liberale verlangte zuvor im Gespräch mit sueddeutsche.de, dass die "Attraktivitätssteigerung für die aktiven Soldatinnen und Soldaten zügig in Angriff genommen werden müsse", schließlich stünde die Bundeswehr künftig in vollem Wettbewerb mit den Arbeitgebern aus der Privatwirtschaft.

Die Wartezeiten auf den Studienplatz könnten für Freiwillige verkürzt werden, schlägt der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) im Deutschlandfunk vor, und man müsse eben auch "Geld in die Hand nehmen und berufliche Chancen aufzeigen". Sein Parteifreund Rainer Arnold, der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, bringt einen Erlass von Bafög-Schulden ins Gespräch, zudem mögliche Berufs- und Schulabschlüsse sowie Gutscheine für kommunale Freizeitangebote. Auch der Grünen-Wehrexperte Omid Nouripour fordert verbesserte Karrierechancen für freiwillig Dienende - und bringt sogar die Verpflichtung von Ausländern ins Spiel, "sofern sie eine feste Bindung an Deutschland haben".

Auch wenn Generäle inzwischen offen über "große Lücken im Personalkörper" klagen, gibt es Stimmen aus dem Verteidigungsministerium, die die geringe Resonanz auf das Freiwilligen-Modell weniger dramatisch sehen: Bisher gebe es 25.000 Längerdienende im Schnitt, erklärt etwa ein Sprecher sueddeutsche.de, derzeit habe man 23.000 Längerdienende im schmelzenden Bestand. "Wir nähern uns von oben den 15.000 an", sagt er, allerdings "gibt es keine akute Abhängigkeit von diesen Längerdienenden".

Gedankenspiele über eine Rolle rückwärts

Viele in der Politik alarmiert allerdings diese Tendenz zur reinen Berufsarmee: "Politisch gewollt und verabredet ist eine Freiwilligenarmee", darauf pocht etwa FDP-Frau Hoff. Und der schleswig-holsteinische CDU-Chef Christian von Boetticher brachte sogar eine Rolle rückwärts ins Gespräch: Er regte an, über "eine Wiedereinführung der Wehrpflicht" nachzudenken, falls das Guttenberg'sche Freiwilligenmodell nicht anschlage.

Guttenberg muss zum Ende seiner Amtszeit schon das Ausmaß des Personalproblems gekannt haben. Im eingangs erwähnten Interview verkündete er, die Truppe habe einen Regenerationsbedarf von 12.000, "jetzt Anfang März haben wir schon 7000, die ihr Interesse bekundet haben". Das sollte so klingen, als sei mehr die Hälfte des Bedarfs gedeckt.

Was Guttenberg nicht sagte: Seine Zahlen bezogen sich auf eine Umfrageaktion von Kreiswehrersatzämtern, deren Ergebnis den Ernst der Lage bestätigt: Von 165.747 verschickten Fragebögen, kamen lediglich 6949 zurück, in denen "Interesse" bezeugt wurde - Guttenbergs gepriesene Freiwilligen-Kandidaten.