Pegida Zu Besuch bei besorgten Bürgern

Jutta Wölk: eine eifrige Leserbriefschreiberin, weil sie mit vielem nicht einverstanden ist, was die Journalisten etwa über Pegida schreiben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer sind die Menschen, die Pegida ausmachen? Wer sind die Tausenden Mitläufer? Zeit für ein paar Gespräche mit wütenden Lesern.

Von Bernd Kastner

Die Aufforderung ist eindeutig: "Verpiss dich, du Wichser!" Es ist ein Montag Ende Januar, Dresden, Theaterplatz vor der Semperoper. Wie üblich haben sich ein paar Tausend Patrioten versammelt, um als Pegida gegen die Islamisierung des Abendlandes zu protestieren. Unter ihnen ein Besucher aus München, ohne Notizblock. Als Reporter müsse man auf der Hut sein, heißt es, zuletzt haben mehrere Kollegen was abgekriegt am Rande von Pegida-Demos. Also geht man besser ohne Block und Stift hin. Offenbar aber hält mancher "Patriot" Ausschau nach "Verdächtigen". Und vermutlich wird einer schon verdächtig, der schweigend zuschaut, zuhört und nicht applaudiert. "Verpiss dich, du Wichser!"

Es ist in so einer Situation besser, zu schweigen und jeden Streit zu vermeiden. Würde der eskalieren - die Polizei steht recht weit außerhalb der Menge. Im Notfall würde es dauern, bis Hilfe kommt.

Diese Begegnung beim Dresdner "Spaziergang" steht am Anfang einer Reise ins Pegida-Land. Das ist kein Ort, nicht Dresden, nicht Sachsen, sondern eine Gedankenwelt, in der es ein "Wir" gibt und viele andere, Fremde. Die "Patrioten" wirken aus der Ferne wie eine gesichtslose Menge, die durch die Dresdner Nacht marschiert oder im Internet schreibt. Unzählige Texte sind darüber erschienen, über den Hass in vielen Online-Kommentaren und E-Mails und über die Sprechchöre unter den Deutschland-Fahnen.

Maßstab vieler Pegida-Anhänger ist die sächsische Herkunft

Wer aber sind die Menschen, die Pegida ausmachen? Wer sind die Tausenden Mitläufer? Die SZ hat ein paar von ihnen daheim besucht. Sie haben einen Reporter der "Lügenpresse" in ihr Wohnzimmer gelassen. Alles musste raus. Lange Gespräche ergaben sich, sie wurden später am Telefon fortgesetzt, nachdem die AfD-Chefin Frauke Petry vom Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge gesprochen hatte.

Auch wenn die Auswahl weitgehend zufällig war, die fünf Dresdner Pegidisten machten den Eindruck, als wären sie der jüngsten Studie der TU Dresden entstiegen. Die Politologen Hans Vorländer, Steven Schäller und Maik Herold haben die Charakteristika der "Empörungsbewegung" Pegida nach monatelanger Forschung herausgearbeitet: Sie hätten starke Aversionen gegen die politische und mediale Elite; das Etikett rechtsextrem passe nicht, Pegida operiere aber mit nationalistischen Parolen, wobei ihr Maßstab ihre sächsische Herkunft sei. Die definiere dann auch den Fremden, der kann Kriegsflüchtling sein oder Wessi. Das alles befördere eine fremdenfeindliche Stimmung bis hin zu Übergriffen auf Asylheime.

Das Gespräch am Dresdner Wohnzimmertisch über Fakten und Gerüchte, über Witwenrente und "Allahu-Akbar-Schreier" ist kontrovers, aber höflich, kein Vergleich zur Begegnung auf dem Theaterplatz. Man weiß gegenseitig, woran man ist.

Das ist bei einer fleißigen Leserbriefschreiberin aus München anders. Sie scheint der Fraktion der Lügenpresse-Gläubigen anzugehören, und dann reagiert sie ganz begeistert, dass einer dieser Journalisten ihr zuhören will. "Herzlichen Dank für das interessante Angebot. Sie erwartet", schreibt sie, "eine kritische, manche sagen auch liebenswürdige, alte Dame im achtzigsten Lebensjahr mit viel Freude am Diskutieren politischer Ereignisse." Nur eine Einschränkung macht sie. "Nicht Montag und Donnerstag. Da gebe ich Migranten Deutschunterricht." Es wird ein überraschendes Gespräch, in dem sich das ganze Land in seiner Zerrissenheit spiegelt. Und in dem eine AfD-Wählerin mit den Tränen kämpft.

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