Pegida-Demo und Gegendemo Wer, bitte, ist nun das Volk?

Anti-Pegida-Demo in München vor der Bayerischen Staatsoper.

(Foto: dpa)

Die Pegida-Demonstranten in Dresden wollen nicht weniger als das Volk sein. Es ist zum Heulen, wie kümmerlich sie ihre Gemeinschaft begründen. Eine ganz andere Botschaft kommt aus München.

Von Cornelius Pollmer

Zum Widewidewitt-Weltbild der Pegida-Demonstranten gehört die Forderung, den angeblichen Wuchs von "Parallelgesellschaften" in diesem Land zu stoppen. Wahrhaftig an dieser Forderung ist einzig ihr begriffliches Etikett, es klebt allerdings nicht auf dem Islam, ebenso wenig auf den Flüchtlingen, die in Deutschland Schutz und Hilfe suchen. Welche Parallelgesellschaften es hingegen wirklich und bereits gibt, das war am Montag zu beobachten: 12 000 Menschen versammelten sich in München im Sinne von Offenheit und Gastfreundschaft. 17 500 Menschen versammelten sich in Dresden im Sinne von Abgrenzung und Verschlossenheit. Wer, bitte, ist nun das Volk?

Menschen suchen und finden ihr Sein auch in der Definition von Zugehörigkeit und Abgrenzung - sie mögen diesen Verein oder verachten die Musik jenes Künstlers. Der Segen der Individualisierung hat dieses Suchen erleichtert, oft auch das Finden. Mit der Vereinzelung einher geht aber auch der schleichende Verlust von beständiger und größerer Gemeinschaft, also solcher, die einen Stadion- oder Konzertbesuch übertrifft und überdauert. Kirchen verlieren Mitglieder, die Demokratie verliert Wähler, Massenmedien verlieren die Treue von Abonnenten. Mit den Menschen zieht sich der Diskurs zurück, nicht aber das Bedürfnis nach Gemeinschaft.

München kann stolz sein

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Was zum Heulen ist

Zu einem Teil erklärt diese Entwicklung die große Zahl der Demonstranten vor allem in Dresden und ihre trotzige Reklamation, nicht weniger als das Volk sein zu wollen. Wer sich in der Politik nicht mehr repräsentiert fühlt und von der Gesellschaft nicht mehr ummantelt, der sucht sich andere Gemeinschaften. Es ist zum Heulen, dass viele gerade in Pegida eine solche Gemeinschaft vermuten und es ist zum Heulen, wie kümmerlich das Bündnis und die Demonstranten ihre Gemeinschaft begründen: Der einzige Kitt ihres Miteinanders ist gemeinsame Ablehnung. Alle sind dagegen, doch bereits im Wogegen unterscheiden sie sich schon wieder deutlich. Dies kann keine Grundlage für Gemeinschaft sein und wenn doch, dann nur für eine affektierte.

Gespräch statt Gegeneinander

Wer wirklich an Gesellschaft interessiert ist, der flüchtet sich nicht in eine solche affektierte Gemeinschaft und der richtet sich auch nicht ein in einer Filterblase, in der es keine Wahrheit neben der eigenen geben kann. Wer wirklich an Gesellschaft interessiert ist, der sucht nach Gemeinsamkeiten und nicht nur nach Unterschieden, er sucht das Gespräch und nicht das Gegeneinander. Wenn man aus den Demonstrationen in Dresden etwas lesen darf, dann ist es das offenbar dringende Bedürfnis, sich einmal öffentlich auszukotzen. Dieses Bedürfnis trägt für ein paar Wochen, aber dann?

Wenn man aus der Demonstration in München etwas lesen darf, dann ist es eine Haltung, ein grundsätzlicher Glaube daran, dass dieses reiche Land Zuwanderung und andere Herausforderungen nicht nur zu bewältigen in der Lage ist, sondern dies aus unverrückbarer Überzeugung tun sollte. In dieser Haltung liegt das wahre Eintreten für Gesellschaft.

"Des is mei Stadt"

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