Peer Steinbrück und die SPD Gefährliche Beziehung

Peer Steinbrück ist nicht nur der richtige SPD-Kanzlerkandidat, er eignet sich auch als Punchingball für innerparteilichen Unfrieden. Und er strahlt Führungswillen aus wie einst Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder - allerdings hatte das Verhältnis zwischen SPD und ihren Kanzlern immer etwas von einer "liaison dangereuse". Und nicht etwa Liebschaft.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Sigmar Gabriel, so scheint es, ist manchmal um einen flotten Spruch weniger verlegen als um die Wahrheit. Vergangene Woche hat der ruhige Stratege Frank-Walter Steinmeier den hyperaktiven Taktiker Gabriel ausgebremst, indem er die SPD-Troika-Nummer halböffentlich, aber dennoch bewusst, als das entlarvte, was sie seit Monaten, mindestens aber seit Wochen war - eine Flunkerei, um nicht zu sagen: eine Lüge. Die drei wussten längst voneinander, dass Gabriel wollte, aber nicht konnte; Steinmeier gekonnt hätte, aber nicht wollte; Steinbrück jedoch wollte und konnte.

Auch wenn die Umstände der Kandidatenfindung einen Beigeschmack haben, bleibt Peer Steinbrück der bestmögliche SPD-Kanzlerkandidat.

(Foto: dpa)

Das Trio aber zog durch die Lande und verkündete bei jeder Gelegenheit - am aggressivsten tat das Gabriel -, dass nichts entschieden sei und diese Entscheidung noch Wochen dauern werde. Das war eine Täuschung der Wähler und übrigens auch der Partei. Man wird sich an dieses Manöver erinnern müssen, wenn es in Zukunft um Wahlversprechen, Koalitionsoptionen, um die Glaubwürdigkeit der SPD-Spitze ganz generell geht.

Auch wenn die Umstände der Kandidatenfindung mit dem bitteren Geschmack der Unwahrhaftigkeit verbunden sind, bleibt wahr, dass Peer Steinbrück der bestmögliche SPD-Kanzlerkandidat ist. Zwar ist er in Teilen der SPD-Funktionärsschicht und bei den eher traditionalistischen Mitgliedern mäßig beliebt bis minimal verhasst. Das aber ist nahezu eine Voraussetzung dafür, dass ein SPD-Kanzlerkandidat eine realistische Aussicht darauf hat, auch Kanzler werden zu können.

Es müssen hinreichend viele Wähler, die sich selbst als "Mitte" definieren, den Kandidaten akzeptieren. Die Stammwählerschaft von CDU und SPD ist stark geschrumpft, die Grenzen der Lager verschwimmen, es regiert der Wechselwähler, der tendenziell auch Nichtwähler ist. Der Spitzenkandidat muss sowohl die vielen Menschen außerhalb seiner Partei mobilisieren, die von wenig überzeugt sind, als auch jene relativ wenigen Leute innerhalb der Partei, die von viel, aber nicht unbedingt von ihm überzeugt sind. Steinbrücks Bankenkonzept zeigt, wie er normale Wähler und gleichzeitig auch engagierte Sozialdemokraten gewinnen kann.

Vor allem aber muss ein Kandidat, zumal wenn er gegen eine vielleicht umstrittene, aber erprobte Führungsfigur der Konkurrenz antritt, Kompetenz, Vertrauen und Führungswillen ausstrahlen. Letzteres gilt seit Jahrzehnten, es war so bei Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.