Parteitag Sieben schöne Minuten in der Folterkammer

Auf dem Parteitag in Bournemouth bleibt Tony Blair bei seinem Kurs - die Delegierten reichen ihm dennoch die Hand.

Von Von Stefan Klein

(SZ vom 1. Oktober 2003) Bournemouth, 30. September - Ja, sagt Tony Blair, es seien schwierige Zeiten, also was nun - "aufgeben oder weitermachen?" Das ist ein bisschen ein Risiko nach all dem Unmut, der sich aufgestaut hat in den vergangenen Wochen und Monaten, und wenn jetzt eisiges Schweigen herrschen würde im Konferenzzentrum von Bournemouth, dann hätte der Mann den Beginn seiner als so wichtig angesehenen Rede verpatzt.

Aber es herrscht kein eisiges Schweigen, es kommen die Rufe "weitermachen", nicht gerade als lautstarker Chor, aber doch deutlich vernehmbar. Das Kalkül ist also aufgegangen, und Blair sieht man die Erleichterung an, dass dieser Auftritt offenbar doch ein Heimspiel wird. "Exactly, exactly", ruft er, "so machen wir es."

Bärbeißer versus femininer Fiesling

Der Tag davor. Die Sonne scheint in Bournemouth, die Nordsee glitzert wie ein richtig schönes Meer, und die Versuchung ist groß, den Tag am Strand in einem dieser blauweiß gestreiften Liegestühle zu verdösen. Stattdessen gehen wir ins Konferenzzentrum, dessen Inneres eine monströse Scheußlichkeit ist aus Rot und Lila.

Am Mikrophon steht einer, der uns irgendwie bekannt vorkommt - woher bloß? Ach ja, im Fernsehen haben wir den gesehen am Sonntagabend in einem Spielfilm. Ein unsympathischer Bärbeißer namens Gordon Brown, der von einem noch unsympathischeren, schief lächelnden femininen Fiesling namens Tony Blair um den Vorsitz der Labour Party betrogen wird.

Ein Schauspiel, das die Machtkämpfe und Intrigenspiele am Anfang von New Labour 1994 zum Thema hat, glänzend getimt zum Auftakt des Labour-Parteitags in Bournemouth, aber nun steht da der echte Gordon Brown, der Finanzminister, und seine Rede kommt zwar daher wie ein Donner, ansonsten aber ist der Mann überhaupt nicht bärbeißig, sondern geradezu lyrisch.

Von Idealen redet er, von Hoffnung, von Werten und von der Seele. "Labour", ruft Brown, "braucht nicht nur ein Programm, sondern auch eine Seele." Da prickelt es nach langer Zeit mal wieder in den erogenen Zonen der Partei, und am nächsten Tag schreiben die Zeitungen, es habe einer seinen Führungsanspruch angemeldet.

Nadelstiche gegen Blair

Hat er? 64 mal habe er das Wort "Labour" erwähnt, sagen die, die mitgezählt haben, und nur einmal das Wort "New Labour", wie Blair die Partei zu nennen pflegt. Labour-Werte, Labour-Ideale, Labour-Visionen, das hat ein bisschen Stallgeruch von ehedem, und dann der Satz: "Du besiegst die Tories nicht, indem du sie imitierst oder indem du dich besser präsentierst, sondern nur durch Labour-Politik und Labour-Reformen, auf der Basis von Labour-Werten." Das kann, wer will, als Nadelstich empfinden gegen den Nachbarn in der Downing Street, gegen den heimlichen Tory Blair und dessen Manie, der Verpackung oft mehr Bedeutung beizumessen als dem Inhalt.

Trotzdem: Illoyal ist die Rede nicht, und das ist schon eine Leistung für einen, der nur unter Aufbietung größter Selbstverleugnung damals Tony Blair den Vortritt gelassen hat - und auch das nur gegen dessen Zusage, die Macht nach ein paar Jahren abzugeben und weiterzureichen an den Rivalen, angeblich Mitte der zweiten Legislaturperiode, also jetzt. So jedenfalls ranken sich die Gerüchte, und so wird es auch dargestellt in dem Fernsehspiel. Blair selber hat einen solchen Deal stets verneint, zuletzt am Sonntag.

Brown dagegen zieht es vor, auszuweichen und zu sagen, er rede grundsätzlich nicht über seine Privatgespräche mit Blair. 4816 Worte umfasst die Rede Browns, und länger kann man es auch nicht aushalten in dieser lilaroten Folterkammer. Draußen scheint die Sonne mehr denn je, am Strand spielen sie jetzt Fußball, eine kleine blauweiße Liegestuhlpause nach dieser Tortur darf vielleicht sein, zumal da sie ja nur dem Zweck dient, das Rahmenprogramm zu studieren, das bei solchen Parteitagen oft interessanter ist als der Debattenfluss.

Wir entscheiden uns für eine Veranstaltung im Royal Bath Hotel: "Britische Pferderennen - warum sie wichtig sind." Unter den Rednern: der Abgeordnete Robin Cook. Als wir eintreffen, redet er gerade. Er sagt, Gordon Brown habe eine klasse Ansprache gehalten.

Kühl und sachlich

So gesehen, kann man vielleicht erwarten, dass Cook am späten Nachmittag, als er in einer anderen Diskussionsrunde sitzt, diesmal zum Thema "Was ist der Sinn einer Labour-Regierung?", die Vorzüge englischer Vollblüter preisen wird. Aber das ist ein Irrtum.

Cook, der frühere Außenminister, ist ein brillanter Kopf, der sich wegen Blairs Irakpolitik aus dem Kabinett verabschiedet hat und seitdem mit gestochen scharfen Analysen das Elend einer zusehends unpopulären Regierung seziert. Er tut das auch bei dieser Veranstaltung, wo sich die Suche nach dem Sinn einer Labour-Regierung ein bisschen schwierig gestaltet, weil nämlich die Fragen aus dem Publikum fast alle nur um einen Begriff kreisen: Irak.

Dieser Krieg, der alles zerstört hat von der Ausstrahlungskraft dieser Regierung und ihres Chefs, er ist auch hier das Thema - und Cook ist in seinem Element. Gerade hat John Reid, der Gesundheitsminister und einer der loyalsten Gefolgsleute seines Herrn, den Waffengang und seine Rechtfertigung heftig verteidigt ("Ich sage euch, euer Premierminister ist kein Lügner!"), da ergreift Cook das Wort.

Nein, auch er glaube nicht, dass Blair in böser Absicht gehandelt habe, es treffe ihn auch nicht die Alleinschuld. Das Kabinett habe nicht rebelliert, das Parlament habe zugestimmt, die Tories hätten ihn angetrieben - und trotzdem.

Ganz kühl sagt Cook: Wenn es jetzt heiße, man solle denen, die im Moment im Irak nach Massenvernichtungsmitteln suchen, Zeit geben und geduldig sein, dann frage er sich, warum man diese Zeit und Geduld nicht vor dem Krieg Hans Blix und seinen Waffeninspektoren gegeben habe.

Die Antwort? "Weil George Bush in Sorge war, dass man herausfinden würde, dass es gar keine Massenvernichtungsmittel gibt, und dass er dann keinen Vorwand mehr für den Krieg gehabt hätte." Da raunt das Publikum, und es ist ein zustimmendes Raunen, das die augenblickliche Befindlichkeit des Landes ziemlich genau widerspiegeln dürfte. Doch der Mann, dem es unangenehm in den Ohren dröhnen müsste, scheint solche Signale nicht zu hören.

Der hört stattdessen, wie das Parteivolk das Ende seiner Rede beklatscht, und wenn nicht er selber, dann werden doch seine Vertrauten bangend hoffen, dass die Ovationen mindestens zwei Minuten anhalten mögen, so lange wie am Vortag bei Gordon Brown.

Selbstverteidigung vor den Delegierten

Aber der ist ja auch unbefleckt von den irakischen Turbulenzen. Er hat sich aus allem herausgehalten so gut er eben konnte, und auch in seiner Parteitagsrede am Montag hat sich Brown nicht gerade aufgeschwungen zum Verteidiger seines Chefs. Den Irak hat er jedenfalls nur einmal am Rande erwähnt mit der Bemerkung, es sei richtig, "our leader Tony Blair" in seinen Bemühungen zu unterstützen, das Land wiederaufzubauen und sicher zu machen.

Und so musste sich denn Blair vor den Delegierten selber verteidigen. Er hat das so getan, wie man es von ihm gewohnt ist. Er hat nichts entschuldigt, nichts bereut, hat lediglich um ein bisschen Verständnis geworben. In der Sache, so Blair, würde er genauso wieder entscheiden. Kein Zurückweichen auch bei den in der Partei ungeliebten Reformen der öffentlichen Dienste. Konsequenz? Ja. Durchhaltewillen? Oh ja.

Eine Liebesgeschichte zwischen einer Partei und ihrem Führer? Wenn wir die Zeit richtig gestoppt haben, dann hat die Ovation sieben Minuten gedauert. Das ist nicht schlecht für einen, den nach der jüngsten Umfrage fast sechzig Prozent der Bevölkerung für einen Lügner hält.