Parteitag in Berlin Die Grünen finden zurück zu sich selbst

Die Partei hat schwer gelitten - an schlappen Umfragen und großen Zweifeln. In ihrer Not erinnern sich die Grünen auf dem Parteitag in Berlin an ihre Leidenschaften.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Gleich vorneweg: Natürlich hat es auf dem Parteitag der Grünen wieder Pannen gegeben. Und mühsame Debatten über den Ablaufplan, die Geschäftsordnung, die einzuladenden Gäste. Wer in diesen Momenten den Bundesgeschäftsführer Michael Kellner erlebte, spürte binnen Sekunden, wie groß die Nervosität ist. Die letzten Wochen sind an der Partei nicht spurlos vorüber gegangen. Die Grünen, die so gerne cool wären, hatten große Angst, dass dieser Parteitag schief laufen würde.

Das aber ist er nicht. Im Gegenteil ist ihnen etwas geglückt, das sie schon fast nicht mehr erhoffen durften. Die knapp achthundert Delegierten werden ziemlich betört, ziemlich glücklich und wahrscheinlich sehr motiviert nach Hause fahren. Sie haben in Berlin eine Leidenschaft erlebt, die sie schon lange nicht mehr gespürt haben dürften. Sowohl das Spitzenduo mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir als auch die Kretschmanns, Roths und Hofreiters, die Trittins und Habecks haben mit Verve für den Klimaschutz, für eine fairere Gesellschaft und ein weltoffenes Europa geworben. Ihrer aller Botschaft: Wir werden gebraucht, egal, was unsere Gegner sagen.

Hofreiters Wutrede

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Ausstieg aus der Kohle bis 2030, Abschalten der 20 schmutzigsten Kraftwerke, Ende für den Verbrennungsmotor, dazu Milliarden für Kitas und Erzieher und dann auch noch die Ehe für alle als Bedingung für jede Koalition - die Grünen haben eine Richtung, mit der sie in diese Wahl ziehen. Sie haben nicht alle das Gleiche gesagt, aber sie haben gezeigt, dass sie am Ende für eine gemeinsame Idee kämpfen. So viel Nähe hat es lange nicht gegeben.

Das alles ist noch lange kein Wahlsieg, aber eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Grünen am Ende doch noch etwas besser abschneiden als es die Prognosen bislang ausweisen. Ja, die Reden hier galten den Delegierten, den Journalisten und den Wählern. Aber zuallererst haben sich in Berlin alle selbst erklärt, warum sie bei den Grünen für eine bessere Welt kämpfen. In der Not ist nichts so wichtig wie die Selbstvergewisserung, das Richtige zu machen. Das haben die Grünen hinbekommen.

Nur wenige giftige Pfeile gegen die eigenen Leute

Dazu gehört auch, dass sie dieses Mal ohne Streitereien über Steuersätze auskamen; dass sie nur wenige giftige Pfeile gegen die eigenen Leute verschossen. Die Not der letzten Wochen - sie hat die Grünen zu ungekannter Disziplin bewogen.

Erleichterung dürfte das vor allem beim Spitzenduo auslösen. Monatelang mussten sie gegen den Verdacht ankämpfen, sie seien nicht akzeptiert, weil nicht gut genug für die Aufgabe. In Berlin ist diese Debatte beendet worden; die Delegierten haben gezeigt, dass sie diese Diskussion nicht mehr hören möchten. Das macht den Rücken frei für die beiden. Die nächsten 99 Tage können sie sich ohne die Last ins Finale stürzen. Es ist ohnehin ihr politisches Endspiel.

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