Barack Obama hat in Denver eine große Rede gehalten - und dabei sein Programm für das Amerika der Zukunft vorgestelllt. Und: Er hat attackiert - hart wie nie zuvor.
Wieder eine große Rede, selbstverständlich. Dass der demokratische Präsidentschaftskandidat ein meisterlicher Wortschmied ist, daran hat sich Amerika beinah schon gewöhnt. Zumal bei einem Anlass wie diesem - seiner "in Demut" akzeptierten Nominierung vor mehr als 80.000 Anhängern im Footballstadion zu Denver.
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Barack Obama hat auf dem Parteitag Klartext geredet. (© Foto: AP)
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Und doch bot sein verbales Feuerwerk drei Überraschungen: Selten sprach der Senator aus Chicago zugleich so sentimental (über sich), so konkret (über sein Programm) und so aggressiv (über seinen Gegner John McCain).
Der amerikanische Traum
Erste Aufgabe von Obamas Auftritts war es, sich Millionen Amerikanern am Fernsehschirm überhaupt vorzustellen. Jetzt erst beginnt die heiße Phase der Kampagne, erst jetzt schauen und hören viele Wähler überhaupt genauer hin.
Obama vermied es tunlichst, sich als Wunderkind zu präsentieren - wohl aber sieht er sich selbst als Kind eines Wunders, "wie es nur in diesem Land möglich ist."
Sein Lebensweg ist der verwirklichte American Dream, und fast rührselig erinnerte der Aspirant an seine Mutter, die ihn allein aufgezogen hatte und schon vor Jahren an Krebs verstorben ist: "Ich weiß, heute Nacht schaut sie zu. Diese Nacht ist auch ihre Nacht."
Zweiter Zweck war, das sehr große und zunehmend hohl gewordene Wort vom "Change" mit Inhalt zu füllen. Obama hat das getan, endlich: Er will - zum Beispiel - allen Nicht-Reichen Steuern erlassen, binnen zehn Jahren die US-Abhängigkeit von Ölimporten aus dem Nahen Osten beseitigen und allen Bürger den Schutz einer erschwinglichen Krankenversicherung bieten. Das klang konkret und handfest, ohne zu einem langweiligen Zehn-Punkte-Plan zu verkommen. Und populär sind diese (sehr teueren) Versprechen allemal.
Klare Worte an McCain
Drittes Ziel der Rede war die Attacke. Hart wie selten ist Obama seinen republikanischen Gegner angegangen. John McCains Wirtschaftsprogramm sei rücksichtslos und unsozial - "weil er nicht begreift", was er da anrichte. Noch rüder griff der Demokrat den Vietnamveteranen in der Außen- und Sicherheitspolitik an.
McCain habe vor drei Jahren noch gesagt, in Afghanistan könne sich Amerika "durchwursteln". Heute hingegen prahle er regelmäßig, Osama bin Laden bis an die Tore der Hölle zu verfolgen - "dabei wollte er nicht mal bis zu jener Höhle gehen, wo der lebt."
Der Vorwurf, McCain habe Amerikas Staatsfeind Nummer eins nicht wirklich jagen wollen, lässt dessen Berater bereits vor Wut schäumen. Ebenso empört die Republikaner, dass Obama zu fragen wagte, ob McCain "das Temperament und die Urteilskraft" habe, um US-Oberbefehlshaber zu sein.
"Temperament", das spielt an auf McCains bisweilen sture und aufbrausende Art. Und das erfüllt, aus konservativer Sicht jedenfalls, beinahe den Tatbestand der Beleidigung.
Kategorisch verbat sich Obama zudem, dass McCain seine Vaterlandsliebe in Frage stelle, weil der Demokrat den Abzug aus dem Irak fordert: "Wir müssen von der Idee wegkommen, Menschen könnten nicht unterschiedlicher Meinung sein, ohne sich gegenseitig Charakter und Patriotismus abzusprechen."
McCain hatte in den vergangenen Wochen mehrfach behauptet, Obama wolle "lieber einen Krieg als die Wahl verlieren". Das will sich der Demokrat nicht länger bieten lassen. "Country First", der Slogan der republikanischen Kampagne, gelte auch für ihn.
Obama hat McCain herausgefordert, politisch und sehr persönlich. Spätestens am Montag wird der Gegner zurückschießen. Dann beginnt der Parteitag der Republikaner.
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(sueddeutsche.de/vw/gdo)
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@hellbellt: Exzellenter Kommentar. Das bleibt in der Tat übrig, wenn der Weihrauch verweht ist.Kennen Sie das Buch von Andrew Bacevich: "The Limits of Power. The End of American Exceptionalism". Dies und einen Hörtipp (Interview von Bill Moyers mit Bacevich auf Youtube und der Webseite der pbs-Stationen) preise ich an, seit ich das Interview am Fernsehen auf Channel 13 gehört habe. Weder mit Obama noch mit McCain wird es einen Paradigmenwechsel geben.
"Zweiter Zweck war, das sehr große und zunehmend hohl gewordene Wort vom "Change" mit Inhalt zu füllen."
Wenn man die hohlen, sehr persönlichen, soften und mir zu süßlichen Phrasen und amerikanische Klischees mal wegläßt, was bleibt dann als Programm? Also: was heisst Change?
Gesetzliche Krankenversicherung: die der bankrotte US-amerikanische Staat überhaupt nicht mehr zahlen kann, da alles Geld in Kriegen verpulvert wurde.
Abhängigkeit von Ölimporten verringern: durch Ausbau der Atomenergie (die schon garnicht geht, da in der Zwischenzeit Rußland ein weltweites Monopol auf Uran hat).
Armen die Steuer zu erlassen: na, die zahlen schon jetzt keine Steuer.
"Change" hieße für mich "american peace". Weg von den Träumereien der omnipotenten Weltmacht, die längst zum Wilden Mann verkommen ist. Da unterscheidet er sich von McCain nur in Nuancen. Das wäre kein Wechsel.
Der Mann hat keine wirklich zündende Idee, das wird immer klarer. Er redet gefällig, er redet glatt und er bleibt verbindlich unverbindlich mit freundlichem Grinsen bis zu seinen Segelohren.
Er ist ein charmanter Phrasendrescher und Party-Löwe. Der Mann hat noch nie eine Position mit Verantwortung gehabt. Das heisst nicht, daß er es nicht könnte. Aber ich sehe nur einen Wechsel.: in der Spitze. Die Herrscher im Hintergrund schieben eine neue Figur nach vorne, die besser getarnt ist als George W. Burning-Bush. Die Politik Amerikas bleibt die Gleiche.
@ochlos
Sie schrieben:"Die Freudlosigkeit mit der alles als billige Show abgekanzelt wird was auch nur ein bisschen nach Lebendigkeit aussieht ist wirklich typisch deutsch."
Einerseits gebe ich Ihnen im generellen völlig recht, andererseits (als strikt persönliche Meinung) zu diesem Parteitag, den ich Stunde für Stunde an vier Tagen verfolgt habe, nicht:Mich berührte diese show mit Kitsch-as-Kitsch-can samt ihren nationalistischen Untertönen und massenhysterischen Charakteristika sehr unangenehm. Das war weit mehr als nur ein bißchen "Lebendigkeit". Und stellen Sie sich mal vor, sowas würde in DE in ähnlicher Weise inszeniert werden. Dann käme die N.a.z.i.k.e.u.l.e als Knüppel aus dem Sack erst recht heraus.Man warf uns ja schon bei der WM unsere Begeisterung vor.
In der deutschen Debattenkultur ist der Übergang vom kritischen Denken über die Miesmacherei und kategorische Ablehnung bis hin zum billigen Ressentiment leider fliessend. Das zeigt sich in den Kommentaren exemplarisch.
Die Freudlosigkeit mit der alles als billige Show abgekanzelt wird was auch nur ein bisschen nach Lebendigkeit aussieht ist wirklich typisch deutsch. Und natürlich darf auch die billigste von allen, die Nazikeule nicht fehlen (Riefenstahl, mein Gott!).
Könnte es nicht auch sein, dass hier jemand die Bühne betritt, hoffentlich die Weltbühne, der sowohl Herz als auch Hirn hat, der denkt bevor er Sprüche klopft, dem Zweifel nicht framd sind, kurz einer, der das alles macht, nicht um der Machtdroge willen, oder weil es so Usus ist in seiner Familie, sondern weil er fühlt, dass etwas getan werden muss.
Wir können nur hoffen, dass er die Gelegenheit diesen American Spirit, nicht den der mit Panzern und imperialer Politik daherkommt, in die Welt hinauszutragen. Der Welt in der Hand von Putins und Saakaschwilis, von Achmadinedschads und Sarkozys, könnte es nur gut tun...
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