Von Moritz Koch, New York

Präsident Bush stimmt Lobeshymnen auf John McCain an. Den Wahlkämpfer bringt das in Verlegenheit. Mehr Begeisterung kam auf, als Ex-Demokrat Joe Lieberman auftrat.

Räumlich blieb der Präsident auf Distanz, verbal ging er auf Schmusekurs. In einer Liveschaltung aus dem Weißen Haus richtete sich der amerikanische Oberbefehlshaber George W. Bush heute Nacht an sein Parteivolk. Wegen des Wirbelsturms Gustav war er tags zuvor nicht wie geplant auf dem republikanischen Parteitag in St. Paul (Minnesota) gereist, wo der Senator John McCain diese Woche zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wird.

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Mit einer Videobotschaft wandte sich US-Präsident George W. Bush an die Delegierten des republikanischen Parteitages. (© Foto: AP)

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"McCain ist genau der Mann, den wir brauchen", sagte Bush. Er sei geradlinig, ehrlich und "fähig, diese Nation zu führen." Das Land brauche einen Präsidenten, der die Lektionen des 11. September gelernt habe, erklärte Bush: "Um Amerika zu schützen, müssen wir in der Offensive bleiben, Angriffe stoppen, bevor sie passieren, und nicht darauf warten, wieder getroffen zu werden." McCain habe dies verstanden.

Bush zeigte sich zuversichtlich, dass McCain die Wahlen im November gegen den demokratischen Bewerber Barack Obama gewinnen werde: "Wenn die Debatten zu Ende und alle Werbespots ausgestrahlt sind, werden die Amerikaner auf das Urteilsvermögen, die Erfahrung und die Politik der Kandidaten schauen - und für McCain stimmen."

Wichtiges Image als Parteirebell

Die Lobpreisung überdeckte die alte Rivalität zwischen McCain und Bush. Vor acht Jahren hatten sich McCain und Bush ein erbittertes Duell um die Präsidentschaftskandidatur geliefert. Damals ließen Bushs Wahlkämpfer Gerüchte über eine Affäre McCains mit einer Farbigen streuen. Sie verstiegen sich sogar dazu anzudeuten, dass das Mädchen Bridget, das McCains Frau Cindy in Bangladesch adoptiert hatte, in Wahrheit eine uneheliche Tochter John McCains sei. Tief gekränkt fügte sich McCain damals in seine Niederlage. Vorbei, vergessen. Heute schmeichelte Bush seinem alten Rivalen so gut er konnte. Und Bridget lächelte von den Rängen.

McCain dürfte dennoch froh sein, dass Bush nicht persönlich erschienen war, um ihn zu herzen. Denn die Strategie der Demokraten, an Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Republikanern zu erinnern, zeigt Wirkung. Die Mehrheit der Amerikaner glaubt inzwischen, dass John McCain die Politik von George W. Bushs fortsetzen würde, sollte er ins Weiße Haus gewählt werden. Nichts ist für den Kandidaten gefährlicher als das. Ein Viertel der Amerikaner hält Bush für den schlechtesten Präsidenten aller Zeiten. Zwei Drittel sind mit seiner Amtsführung unzufrieden. Unter Bushs Führung erodierte die Mittelschicht, und Amerika verspielte sein Ansehen in der Welt. Die Wähler wollen den Wandel.

Ex-Demokrat Lieberman greift Obama an

Die Republikaner wissen, dass nur McCains Image als Parteirebell sie im Rennen hält. Deshalb ließen sie den abtrünnigen Demokraten und Senator von Connecticut, Joe Lieberman, als Hauptredner des Abends auftreten. Noch im Jahr 2000 war Lieberman als Vizekandidat von Al Gore gegen Bush in den Wahlkampf gezogen. Mit McCain verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Lieberman wendete sich direkt an die unentschlossenen, demokratischen Wähler und appellierte an sie, dieses Mal für die Republikaner zu stimmen.

"Das Land kommt vor der Partei", rief er unter den Jubelschreien der Delegierten. McCain sei der Anführer, der die Sicherheit Amerikans garantierten könne. McCain sei der Pragmatiker, der über Parteigrenzen hinweg Mehrheiten schmiede. Obama dagegen habe politisch nichts erreicht und außer Eloquenz nichts zu bieten: Er sei der "politisch unerfahrenste" Kandidat der Geschichte. Wirklichen Wandel gebe es nur mit McCain.

Die Attacken Liebermans auf seinen Parteifreund Obama waren in dieser Heftigkeit nicht erwartet worden. Teils waren sie sogar schärfer als die Polemik, die der frühere Schauspieler Fred Thompson, der vor Lieberman ans Podium getreten war, den Demokraten entgegen geschleudert hatte.

Delegierte unterstützen Palin

Thompson, der auch für die Präsidentschaft kandidiert hatte, sprach auch die Person an, dass in den vergangenen Tagen die Berichterstattung dominiert hatte: Sarah Palin, McCains Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, deren erst 17 Jahre alte, unverheiratete Tochter Bristol ein Baby erwartet. Thompson sagte, Palin bringe "frische Luft" in die US-Politik.

Die Delegierten bedachten praktisch jede Nennung des Namens Palin mit Jubel. First Lady Laura Bush, die die Rede ihres Mannes bei einem Auftritt in St. Paul ankündigte, sagte, sie sei "stolz, dass die erste Frau im Amt des Vizepräsidenten eine Republikanerin" sei. Thompson sagte, Palin "regiert als Gouverneurin tatsächlich einen Staat, statt nur in den Sonntagstalkshows draufloszureden". McCain selbst sagte auf einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio, er sei "sehr, sehr stolz" auf Palin.

Auch Joe Lieberman warb in seiner Rede für das Duo aus McCain und Palin. Noch ist allerdings unklar, wie sich Palins Kandidatur auf den Wählerwillen auswirkt. Erste Umfragen deuten aber darauf hin, dass zumindest in konservativen Kreisen McCains Unterstützung gestiegen ist, seit er die praktizierende Christin an seine Seite geholt hat.

Damit konnte der Republikaner den Anschluss an Obama halten, der nach dem Parteitag der Demokraten in der vergangenen Woche seine Zustimmung bei unabhängigen Wählern ausbauen konnte. Nach derzeitigem Stand wollen 43 Prozent der Amerikaner am 4. November für McCain und 49 Prozent für Obama stimmen.

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(sueddeutsche.de/mati/ssc)