Parteitag Der Jubel und der Hass

Die AfD versucht, sich wieder als ganz bürgerliche Partei zu geben. In der Asyldebatte sollten alle Beteiligten verbal abrüsten, fordert Parteichefin Petry.

Von Jens Schneider

Hannover - Es ist eine der Passagen, die weitgehend untergehen. Die Delegierten des Parteitags der Alternative für Deutschland im Congress Centrum zu Hannover hören darüber hinweg. Beim Reporter steht der Satz im Block, aber schwer lässt sich deuten, wen die Parteivorsitzende Frauke Petry gemeint haben will in ihrer Rede. "Hass ist ein Symptom und keine Ursache", sagte sie. Und dass es "eine Sache ist, den Hass zu beklagen, ihn selbst zu schüren, eine andere." Wollte sie die eigenen Leute mäßigen? Oder an die anderen appellieren, die AfD schonender zu behandeln?

Aber die Passage ist Petry wichtig. Denn darum geht es ihr an diesem Wochenende. Die AfD-Vorsitzende will auskömmlich wirken, in der Mitte gesehen werden, u nd mit ihr soll die Partei dort stehen. Später wird sie noch sagen, dass alle verbal abrüsten sollen. Die Diskussion etwa über die Flüchtlingspolitik sei ziemlich verroht, "und das gilt für alle Beteiligten".

Vor fünf Monaten auf dem jüngsten Parteitag in Essen, als der interne Streit in der Abspaltung des moderateren Flügels um Bernd Lucke gipfelte, gab die AfD ein abstoßendes Bild ab. Petry weiß das, Hannover soll den Kontrapunkt setzen. Hier wird konzentriert gearbeitet, vor allem an der Satzung, die man noch zu Jahresbeginn nach den Wünschen von Lucke formte und nun zurückdreht. So soll es doch nicht, wie er das für sich erzwingen wollte, nur einen Vorsitzenden geben, sondern zwei oder sogar später mal wieder drei. Ernst ringen die Delegierten um Formulierungen, bizarre Entgleisungen bleiben aus.

Der Neuanfang sei gelungen, die Partei habe schon wieder so viele Mitglieder wie nach der Austrittswelle des Sommers, sagt Petry, es sollen fast 20 000 sein. Sie zählt Zeichen der Konsolidierung auf, die guten Umfragewerte: "Wir sind gekommen, um zu bleiben, weil Deutschland uns braucht." Die AfD könne ein Wählerpotenzial von 20 Prozent erreichen, behaupten Frauke Pet-ry und der Kovorsitzende Jörg Meuthen.

Der moderate Ton schlägt bald in Härte um. Petry wirft Angela Merkel Versagen in der Flüchtlingspolitik vor. "Treten Sie zurück", fordert sie die Kanzlerin auf, und schiebt lächelnd nach: "Sie schaffen es." Da stehen alle und jubeln. Es gebe einen Zusammenhang zwischen illegaler Einwanderung, unkontrollierter Migration und dem Anwachsen des Terrors in Europa, sagt Petry: "Es ist eine politische Naivität, das zu negieren."

"Wir sind gekommen, um zu bleiben": AfD-Chefin Frauke Petry.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Der Parteitag beschließt eine Resolution, in der scharfe Grenzkontrollen und Einschränkungen des Grundrechts auf Asyl gefordert werden. Sie kommt aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen und wird - es ist ein Dämpfer für den Bundesvorstand - einer um Nuancen moderateren Vorlage der Parteispitze vorgezogen. In der Resolution heißt es, dass das Asylrecht als Grundrecht beschränkt werden "muss und kann".

Offenen Widerspruch erlebt Petry nicht. Der rechtsnationale Thüringer AfD-Chef Björn Höcke kommt erst nach ihrer Rede. Er gibt am Rande Interviews, die wie ein Kontrapunkt wirken und seine extremen Positionen in Erinnerung bringen. Er wirft den anderen Parteien eine "multikulturelle Revolution von oben" vor. "Deutschland in seiner jetzigen Form soll abgeschafft werden", sagt er. Petry lässt es geschehen und gibt sich ihrerseits vor den Kameras verbindlich.

Schon in ihrer Rede offenbart sie freilich, dass aus ihrer Sicht die andere Seite zu lernen hat - etwa die Medien. So sagt Petry, dass sie ja verstehe, wenn Journalisten sich ärgern, wenn sie als "Lügen-Presse" tituliert werden, wie es bei AfD-Demos passiert. Sie hat erst am Freitag den Bundespresseball besucht, was Parteifreunde als Anbiederung an das von ihnen verachtete System sehen. Nun bittet sie die Medien um Einfühlung: "Versetzen Sie sich einmal in die Lage derjenigen Repräsentanten einer neuen demokratischen Partei, die ihrerseits ständig mit Diffamierungen und Zuschreibungen" verunglimpft würden. Die Journalisten sollten nun mal über sich selber lachen, schlägt sie vor. Sie spricht sie also in ihrer Rede mit den Worten "Liebe Pinocchio-Presse" an - in Anlehnung an die Geschichte von der Holzfigur, deren Nase mit jeder Lüge länger wird und die erst lernen muss, die Wahrheit zu sagen. Petrys Anhänger applaudierten begeistert.