Von Th. Denkler, Berlin

Die Grünen wollen regieren und dachten, eine Koalition mit der FDP sei die wahrscheinlichste Option. Guido Westerwelle hat ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Am Ende will es der Kreisverband Spandau noch mal wissen. Die Grünen sollen gleich alle Koalitionsoptionen ausschließen, die irgendetwas mit CDU und FDP zu tun haben könnten. Mit einem Verfahrenstrick verhindert die Grünen-Spitze an diesem Sonntagmorgen, dass es darüber zu einer Abstimmung kommt. Kein Wässerchen soll die große Einigkeit der Grünen trüben.

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Alles soll bei den Grünen möglich sein: Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth auf dem Parteitag in Berlin. (© Foto: AP)

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Es bleibt also dabei: Nach der Wahl soll alles möglich sein. Nur eine Jamaika-Koalition nicht: "Wir stehen als Mehrheitsbeschaffer für schwarz-gelb nicht zur Verfügung", heißt es in dem Wahlaufruf, den die Grünen am Mittag nahezu einstimmig verabschiedet haben. Eigene Inhalte nach vorne, nach der Wahl werde sich entscheiden, mit wem diese dann umgesetzt werden könnten - das ist die neue Linie der Partei.

Damit beenden die Grünen per Beschluss eine in den vergangenen Wochen hitzig geführte Debatte um die Frage, ob nicht die Ampel als wahrscheinlichste Option in den Wahlaufruf hineingeschrieben werden müsste. Das wollten die beiden Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Renate Künast so. Die Basis war empört.

Ein wenig von der Hitze ist auch im Berliner Velodrom zu spüren, wo die Grünen ihren Bundesparteitag abhalten. Vor allem von der Hitze, die es auch im Parteivorstand gegeben haben muss. Parteichefin Claudia Roth nutzt in unerwartet scharfer Form die Gelegenheit, Trittin und Künast für ihre Ampel-Visionen den Kopf zu waschen. "Wir sind kein Anhängsel von irgendjemandem", ruft sie in das weite Rund des Velodroms. "Eigenständig grün", sei ihre Partei. Ihre Ziele: schwarz-gelb verhindern, schwarz-rot verhindern.

Und vor allem: "Wir gehen nicht mit einer Koalitionsaussage und nicht mit einem Bekenntnis zur Ampel in den Wahlkampf, damit das alle verstanden haben." Dafür bekommt sie in ihrer Rede den meisten Applaus.

Und wie zum Beweis, wie ernst es ihr ist, nimmt sie sich FDP-Chef Guido Westerwelle vor: "Westerwelle, wir stellen dich", sagt sie und lacht dabei, als wäre der Dämon selbst in sie gefahren. Dann senkt sie die Stimme, und als wollte sie glühende Lava ausspucken, grollt sie hinterher: "Lieber Guido, verlass dich drauf."

Trittin und Künast schweigen dazu. Kein Wort der Entschuldigung, Ampel-Debatten losgetreten zu haben, "die uns nicht helfen und keinen interessieren", wie der Grünen- Bundestagsabgeordnete Alexander Bonde schimpft.

Künast schimpft zwar auch. Allerdings wie Roth auf Guido Westerwelle, mit dem sie sich ja vor wenigen Tagen noch eine Koalition vorstellen konnte. Jetzt hat sie sich offenbar ein Verbot auferlegt, das Wort Ampel auch nur auszusprechen. Überhaupt ist die FDP von fast allen grünen Rednern zum Hauptgegner erkoren worden. Auf keine andere Partei wird so beherzt eingedroschen.

Künast zitiert Westerwelle, der an diesem Wochenende der Welt am Sonntag ein Interview gegeben hat, worin dieser den Lagerwahlkampf eröffnet habe. Künast hält dagegen: Die Menschen hätten in der Krise Existenzängste "und dann kommt er mit diesem ideologischen Klamauk des letzten Jahrhunderts".

Dass sie ihre Beteiligung an der Ampel-Debatte unter den Teppich kehrt, verzeihen ihr die Delegierten überraschenderweise. Der Applaus ist nachhaltig und erfolgt größtenteils im Stehen, als Künast ihre Rede beendet hat.

Was sie vergessen hat, zu erwähnen: Westerwelle hat in dem Interview auch eine Ampel-Koalition erstmals öffentlich ausgeschlossen. Lieber gehe er in die Opposition, wenn es für eine bürgerliche Mehrheit nicht reiche, sagt er. Wer bei den Grünen noch Ampel-Träume hatte, der dürfte sie spätestens jetzt zerplatzen sehen. Es grüßt die Opposition. Da mögen die Spitzenleute noch so sehr das Gegenteil predigen.

Als die Abstimmung über den Wahlaufruf mit der gewünschten Mehrheit vorbei ist, tritt Jürgen Trittin noch einmal an das Rednerpult. "Grün dreht das!" steht auf einem Schild vor den beiden Mikrophonen. Trittin erklärt am Ende seiner Rede, was es für die Grünen vor allem noch zu drehen gilt: "An uns darf kein Weg vorbei führen." Wahrscheinlich aber wird auch Trittin wissen, dass mit Westerwelles Ampel-Ausschluss derzeit machtpolitisch gesehen alle Wege an den Grünen vorbei führen.

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(sueddeutsche.de/cag)