Von Nico Fried

Das hat es noch nie gegeben: Die CDU hat die SPD als mitgliederstärkste Partei in Deutschland überholt - doch ein Grund zum Jubeln ist das noch lange nicht.

Wie es aussieht, möchte die CDU ihren Erfolg auskosten. Am Freitag jedenfalls gab es noch keine Bestätigung für die Nachricht, die bereits durchgesickert war: Demnach hat die CDU die SPD im Juni als mitgliederstärkste Partei überholt.

Bei der Regierungsübernahme von Gerhard Schröders rot-grüner Koalition 1998 hatte der Mitgliederverlust sich bereits beschleunigt. (© Foto: AP)

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Für Montag allerdings wurde ein Statement von Generalsekretär Ronald Pofalla angekündigt. Dann wird er voraussichtlich eine Mitgliederzahl nennen, die über den 529.994 der SPD von Ende Juni liegt. Wenn es so kommt, wären die Christdemokraten erstmals die Partei mit den meisten Mitgliedern in Deutschland.

Ende Mai hatte die SPD noch 531.740, die CDU 531.300 Mitglieder. Ein SPD-Sprecher erklärte am Freitag: "Es kann durchaus sein, dass die CDU die SPD bei den Mitgliedszahlen überholt hat." Dies sei jedoch "kein Grund zum Jubeln, denn unterm Strich verliert auch die CDU unter der Führung von Frau Merkel weiter Mitglieder".

Tatsächlich kann die neue Führungsposition der CDU nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Volksparteien seit Jahren an massivem Mitgliederschwund leiden, die Sozialdemokraten allerdings noch weitaus stärker als die Konkurrenz.

Die SPD hatte 1976 auf dem Höchststand mehr als eine Million Mitglieder, was vor allem auf die Popularität der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt und die stark polarisierten politischen Debatten zurückzuführen war.

Noch im Jahr der Wiedervereinigung 1990 lag die Zahl bei etwa 900.000 Mitgliedern, obwohl sich mittlerweile auch die Grünen gegründet hatten, die für manchen Sozialdemokraten zur neuen politischen Heimat wurden.

Bei der Regierungsübernahme von Gerhard Schröders rot-grüner Koalition 1998 hatte der Mitgliederverlust sich bereits beschleunigt, verstärkte sich allerdings vor allem in den Jahren nach der Agenda 2010 noch einmal massiv, als die Sozialdemokraten bis zu 50.000 Genossen pro Jahr verloren.

Als Reaktion führte der kurzzeitige SPD-Chef Matthias Platzeck 2005 die sogenannte Schnupper-Mitgliedschaft ein, die auf zwei Jahre begrenzt ist, Interessenten aber die Möglichkeit geben soll, die Partei in der politischen Arbeit kennenzulernen. Auch im Internet wirbt die Partei um neue Mitglieder.

Der Genossenschwund konnte nicht gestoppt werden

Dennoch konnte der zuletzt im Durchschnitt bei monatlich 1600 liegende Genossenschwund nicht gestoppt werden, während die Mitgliederzahl der Partei Die Linke stetig wächst, nicht selten auch durch direkte Übertritte aus der SPD.

Auch die CDU hatte in den siebziger Jahren ihre stärksten Zuwächse. Zwischen 1968 und 1976 legte sie mit 370.000 Mitgliedern sogar stärker zu als die SPD (300.000). Der damalige Generalsekretär Kurt Biedenkopf förderte das Konzept einer Mitgliederpartei und deren Beteiligung am programmatischen Prozess. Mit der von ihm aufgeworfenen "neuen sozialen Frage" zielte er bewusst auf jene Gesellschaftsschichten, die außerhalb der klassischen Interessengruppen von Kapital und Arbeit standen, wie Rentner, Arbeitslose oder alleinerziehende Mütter.

Biedenkopfs Nachfolger Heiner Geißler setzte diesen Kurs fort. Nach der Wiedervereinigung profitierte die CDU noch einmal davon, dass sie etwa 125.000 Mitglieder früherer Blockparteien in der DDR aufnahm, während die Einheit der SPD nur ein Plus von 25.000 Mitgliedern brachte. Seither jedoch zeigt auch die Kurve der CDU konstant nach unten.

Ein zusätzliches Problem beider Parteien liegt in der Überalterung ihrer Mitgliederstruktur. Parteienforscher sehen zwar bei jungen Leuten noch immer eine hohe Bereitschaft, sich politisch zu engagieren. Dies geschieht allerdings nur noch selten mit der Mitgliedschaft in Parteien als vielmehr mit dem punktuellen Einsatz in Gruppen oder Organisationen, die konkrete Interessen oder Ziele verfolgen.

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(SZ vom 26.7.2008/bica/sekr)