Von Stefan Braun

Noch hat sich kein Kandidat für den Parteivorsitz gemeldet, und der künftige Koalitionspartner steht auch nicht fest. Die Grünen sind auf der Suche nach sich selbst.

Die Grünen müssen weiter suchen. Die Zahl der Kandidaten geht gegen null. Keiner will es machen. Niemand hat sich auf die bald vakante Stelle an der Parteispitze beworben. So weit schon geht das Schweigen und Sich-Zurückhalten, dass Renate Künast über Ostern ziemlich ärgerlich geworden ist mit dem Nachwuchs.

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Warten auf den neuen Chef? Jürgen Trittin (© Foto: ddp)

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Nein, sagte die Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahlkampf 2009 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie dränge wirklich niemanden. Aber sie erwarte schon, dass "man die Chance ergreift". Denn: "In der Politik ist das wie in Unternehmen: Niemand wird auf dem Silbertablett Vorstandsvorsitzender."

Das ist sicher nicht falsch. Ob aber Künasts mahnender Appell irgendwas bewegt in den Reihen derer, die derzeit trotz aller Dementis gehandelt werden, ist auch wieder nicht sicher. An der vertrackten Lage, dass weder der Hesse Tarek Al-Wazir noch der Baden-Württemberger Boris Palmer, weder die sächsische Landeschefin Antje Hermenau noch der Schleswig-Holsteiner Robert Habeck antreten möchten, ist derzeit schwer etwas zu ändern. Entweder will keiner aus der Deckung, um nicht frühzeitig geschwächt zu werden. Oder die Krise, ausgelöst durch die mangelnde Lust, Karriere zu machen, sitzt tiefer.

All die genannten Vielleicht-doch-noch-Kandidaten haben nämlich sehr genau beobachtet, wie der bisherige Parteichef Reinhard Bütikofer zwar viel gearbeitet und gerackert und gelitten hat an der Parteispitze, aber wenig Lohn dafür erntete.

Als die Grünen auf dem krisenhaften Parteitag 2002 in Hannover schon einmal händeringend einen Parteivorsitzenden suchte, antwortete der damals sehr ambitionierte Jungstar Matthias Berninger dem ihn drängenden Joschka Fischer: "Du hast das doch auch nie gemacht." Womit fast alles gesagt wäre.

Wäre da nicht ziemlich viel gesagt worden in den vergangenen Tagen. Die beiden Politiker nämlich, die wissen, was ihre Aufgabe sein wird in den nächsten anderthalb Jahren, nutzten das mediale Osterloch. Renate Künast wie Jürgen Trittin haben sich ausführlich geäußert. Und dabei ist - in Ausstrahlung und Stimmung - einiges rausgekommen.

Zunächst sprach Trittin an Karfreitag mit der Deutschen Presseagentur. Seine Botschaft: Oh weh, SPD. Von einem "Spaltungsprozess historischen Ausmaßes" redet er da, von einer Situation, wie es sie zuletzt 1914/1918 gegeben habe - und von seinem Wunsch, ja seiner Sehnsucht, die Sozialdemokraten möchten sich bitte berappeln, sonst drohe "eine neoliberale Mehrheit" aus Union und Freidemokraten. Trittins ausgestrahlte Emotion: das Gefühl des Lagerwahlkämpfers.

Bewegung im Parteienspektrum

Vier Tage später - Trittin war über Ostern fleißig - gab er am Dienstag das nächste Interview. Vieles ist dabei ähnlich, der linke Spitzenmann schimpft mit Verve über die Kernkraft. Trotzdem lautet seine Botschaft diesmal: Wir werden keine Koalitionsaussage machen. Wer Altes will, hört also nichts Neues. Wer Neues möchte, kann trotzdem fündig werden. Das gilt für die Taktik wie für die Inhalte, die Trittin im Wahlkampf noch "zuspitzen möchte": mehr Klimaschutz, keine neuen Kohlekraftwerke und strengere Regeln für die Autobauer, dazu einen gesetzlichen Mindestlohn, mehr Kinderbetreuung und mehr Bürgerrechte.

Nicht minder engagiert gibt sich in diesen Tagen Renate Künast, Trittins Partnerin im kommenden Wahlkampf. Wenn schon sonst wenig Platz bleibt, Aufmerksamkeit zu bekommen, soll wenigstens um Ostern jede Lücke genutzt werden. Dabei zeigt sich: Während Trittin vor der neoliberalen Kanzlerin und einem schwarz-gelben Bündnis warnt, kämpft Künast mit dem Problem, dass Angela Merkels Partei keine Linie erkennen lasse. "Ich weiß gar nicht, wofür die CDU eigentlich steht", kritisiert Künast. Ihr Ziel lautet, eine Lagerdebatte zu vermeiden und der CDU trotzdem nicht zu nahe zu kommen.

Dabei legt Künast besonderen Wert darauf, die CDU genau dort zu kritisieren, wo die Grünen der katholischen Kirche heute näher seien als die Christdemokraten: bei der Stammzellforschung. Das klingt wie ein besonderer Versuch, zu den Konservativen der Konservativen eine Brücke zu schlagen. Zunächst aber zeigt es vor allem, wie viel sich bewegt im Parteienspektrum - und womöglich dann auch bei den Grünen.

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(SZ vom 26.03.2008/grc)