Von Cornelia Bolesch

Die sozial-liberale Koalition in dem Benelux-Staat erleidet schwere Stimmverluste. Zugewinne verbuchen Christdemokraten und Rechtsextreme.

In Belgien hat sich bei den Nationalwahlen vom Sonntag ein Regierungswechsel abgezeichnet. Deutliche Stimmengewinne konnten die Christdemokraten unter dem flämischen Ministerpräsidenten Yves Leterme im bevölkerungsreichen Norden Belgiens verzeichnen. Verluste mussten dagegen die Liberalen hinnehmen, die unter Premier Guy Verhofstadt zusammen mit den Sozialisten bisher die Regierung bilden.

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Überraschend stark haben auch die flämischen Sozialisten verloren. Welcher Premierminister künftig an der Spitze Belgiens stehen wird, steht noch nicht fest, obwohl alle Beobachter Yves Leterme die besten Chancen einräumen, Verhofstadt als Premier abzulösen.

Die Besonderheit der belgischen Wahlen liegt in der Zweiteilung des Landes in die flämische und wallonische Region. Hier haben sich zwei völlig unterschiedliche Wahlen mit einem zweigleisigen Parteiensystem abgespielt. Die Parteien agierten nur für ihre jeweilige Landeshälfte und bezogen teilweise Positionen, die für die Schwesterpartei der jeweils anderen Region nicht in Frage kam.

Acht mögliche Koalitionen

Nach der Wahl müssen sich die Parteifamilien aber wieder zusammenfinden. Die Regierung muss zur Hälfte aus wallonischen und flämischen Ministern bestehen. Die Zeitung Le Soir präsentierte am Wochenende acht verschiedene Kombinationen, darunter auch die Möglichkeit einer Koalition aus Christdemokraten, Liberalen und Grünen.

Während kaum ein Beobachter daran zweifelt, dass die Christdemokraten nach acht Jahren in der nationalen Opposition wieder in der Regierung mitbestimmen, ist für Belgien die spannendste Frage, ob die Sozialisten erstmals nach Jahrzehnten aus der belgischen Regierung verdrängt werden. Das Abschneiden des Vlaams Belang hat für die Regierungsbildung keine Bedeutung. Alle anderen Parteien sind sich einig, mit den Rechtspopulisten und ihrem wallonischen Gegenstück, der Front National, keine Koalition einzugehen.

Das Zusammenfügen einer neuen Koalition wird sofort an diesem Montag beginnen. König Albert II. wird mit den wichtigsten Parteiführern Gespräche führen. Üblicherweise bestimmt er dann einen sogenannten Informateur, einen erfahrenen Politiker, der weitere Sondierungen vornimmt. Erst wenn sich abzeichnet, welche Parteien ernsthaft ein Bündnis eingehen wollen, ist ein Formateur am Zug, meistens der künftige Premier. Sollte Yves Leterme die Zügel in die Hand nehmen, wird er vermutlich ein breites politisches Bündnis in Belgien ansteuern. Für Leterme sind weitere Staatsreformen wichtig. Dazu bräuchte er aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament.

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(SZ vom 11. Juni 2007)