Parallelwelt konservatives Amerika Amerikas Konservativen fehlt eine Führungsfigur

Das Problem des konservativen Paralleluniversums werde im Internet-Zeitalter noch verstärkt, sagt Trey Grayson. Websites wie newsmax.com oder Drudge Report sammelten nur Meldungen, die in ihr Weltbild passen, und die gleichgesinnten Freunde verbreiten via Twitter und Facebook ähnliche Meinungen. Der 40-Jährige unterlag 2010 gegen Rand Paul in Kentucky im Kampf um einen Senatssitz an und leitet nun die Kennedy School of Government der Harvard-Universität: "Mein Facebook-Feed, in dem meine Bekannten aus Kentucky sind, spiegelt eine andere Realität wider als jene, die ich in Massachusetts erlebe." In Cambridge sei es ähnlich uniform: Dort verstehe keiner, wie man College-Sport schauen oder gegen Abtreibung sein könne.

In dieser Medienblase, so Politico-Autor Jonathan Martin, sei die Bengasi-Kontroverse schlimmer als Watergate, werde der Fox-News-Slogan "fair und ausgewogen" nicht angezweifelt und Dick Morris, der frühere Berater von Bill Clinton, als politischer Hellseher wahrgenommen.

Wer den Clip anschaut, in dem Morris alles falsch vorhersagt, was man 2012 falsch prognostizieren kann, wird Douthat zustimmen: "Morris ist eine Witzfigur für jeden smarten Konservativen in Washington. In ganz Amerika gibt es kaum einen Konservativen unter 40, der ihn ernst nimmt. Das Problem ist, dass diejenigen, die ihn bei Fox News sehen, das nicht wissen."

Hier nennt der NYT-Kolumnist einen wichtigen Punkt: Das Publikum von Fox News ist im Schnitt jenseits der 50, lebt auf dem Land und bewegt sich im Kreis von Gleichgesinnten. Die Köpfe des Senders wie Bill O'Reilly, Greta Van Susteren oder Sean Hannity verdienen mehrere Millionen pro Jahr und werden es sich schon aus Eigeninteresse gut überlegen, ob sie ihre Anti-Obama-Rhetorik abmildern.

Ihnen geht es nicht darum, intelligente, konservative Politik zu entwickeln. Ihr Ziel ist es, hohe Einschaltquoten zu erzielen und Bücher zu verkaufen. Für dieses Vorhaben ist es besser, mit Schaum vor dem Mund zu schimpfen. Bezeichnend ist etwa die "Nach-Wahl-Analyse" des beliebtesten konservativen Radiotalkers Rush Limbaugh, in der er Obama als Weihnachtsmann bezeichnet. Gegen die Geschenke habe Romney mit seinem Appell, dass harte Arbeit der Schlüssel zum Erfolg sei, keine Chance gehabt.

Das kollektive Beleidigtsein zeigt exemplarisch eine Unterhaltung zwischen dem hitzköpfigen Fox-News-Mann Sean Hannity und der dauerpräsenten Kolumnistin Ann Coulter zwei Tage nach der Wahl.

Das Gerede von Bedrohung, Gefahr durch den Sozialisten Obama und die nahende Apokalypse spiegelt sich auch in der Werbung wider, die bei Fox News geschaltet wird: Es geht ständig darum, den Wohlstand der Familie durch den Kauf von Gold und Silber abzusichern oder sich vor Identitätsdiebstahl im Netz zu schützen.

David Frum weist noch auf einen anderen Punkt hin: Spätestens seit Ende 2006, als die Republikaner bei den midterm elections eine schwere Niederlage hinnehmen mussten und George W. Bush immer unbeliebter wurde, fehlt Amerikas Konservativen eine funktionierende Führungsfigur. Weder John McCain noch Mitt Romney konnten diesen Leerraum füllen, und so füllten ihn eben die Protagonisten des conservative entertainment complex.

Gewiss: Auch viele Liberale in den USA leben in einer Medienblase, verpassen keine Ausgabe der Rachel Maddow Show auf MSNBC, dem liberalen Kabelsender, der oft ebenso parteiisch wie Fox News berichtet. Dennoch sei der Unterschied beträchtlich, so Ross Douthat von der New York Times, weil es auf der Linken kein Führungsvakuum gebe: "Demokrat zu sein bedeutet, sich mit Obama zu identifizieren - und nicht mit MSNBC-Moderatoren wie Ed Schultz oder Martin Bashir." Außerdem sei das mediale Ökosystem der Liberalen umfassender und vor allem vielfältiger, so Politico-Autor Jonathan Martin.

Für die Republikaner hat sich die Stärke des konservativen Entertainment-Establishments 2012 als verheerend erwiesen: Figuren wie die politischen Einzelunternehmer Herman Cain und Newt Gingrich wurden wie ernsthafte Kandidaten behandelt, obwohl sie vor allem ihre Bücher und Videos kostenlos vermarkten wollten. Die Folge: Um in diesem Wettstreit mithalten zu können, musste Mitt Romney so weit nach rechts rücken, dass er für viele Wähler untragbar wurde und den Obama-Strategen viel Angriffsfläche bot.

Damit sich das nicht wiederholt, haben junge konservative Kolumnisten, Blogger, Strategen und Think-Tanker Ideen entwickelt, die denen gleichen, die auch republikanische Gouverneure wie Bobby Jindal aus Louisiana oder Susana Martinez aus New Mexico vertreten: Es reiche nicht mehr, nur gegen Obama zu sein, sondern man müsse aktiv für seine Vorstellungen werben. Jindal fordert seine Partei auf, detaillierte Vorschläge zu machen und nicht nur in Slogans zu denken, die sich gut auf einem bumper sticker machen, jenen in Amerika so beliebten Aufklebern für die Stoßstange.

Jindal, der nun für die republikanischen Gouverneure spricht, ist bewundernswert offen, wenn er dafür wirbt, die Intelligenz der Amerikaner weder zu unterschätzen noch zu beleidigen. Ob sich seine Kollegen allerdings künftig an seinen Appell halten ("Wir müssen aufhören, eine dumme Partei zu sein, und das bedeutet mehr als nur aufzuhören, dummes Zeug zu reden"), wenn sie bei Fox News interviewt werden? Sicher ist das nicht.

Der Autor twittert unter @matikolb.

Linktipp: Neben dem erwähnten Politico-Artikel über den konservativen Medien-Kokon sei die bissige Beschreibung des "konservativen Phantasielands" im New York Magazine empfohlen.