Papst-Testament "Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, wann euer Herr kommen wird"

Fünf Jahre vor seinem Tod hat Johannes Paul II. über einen Rücktritt nachgedacht. Das geht aus seinem jetzt veröffentlichten Testament hervor. Auch hatte er eine Beerdigung in Polen nicht ausgeschlossen. In dem Dokument ordnet er an, dass alle seine persönlichen Schriften verbrannt werden sollen.

Papst Johannes Paul II. hat nach Angaben aus seinem Testament zeitweise an einen Rücktritt gedacht. Dies habe er im Jahr 2000 aus Anlass seines 80. Geburtstags und zum Ende "des schwierigen Jahrtausends, das zu Ende geht" erwogen, heißt es in dem jetzt veröffentlichten Dokument.

Gleichzeitig äußerte der Pontifex maximus eine Bitte um göttlichen Beistand bei der Entscheidung. Er hoffe, dass Gott "mir zu erkennen hilft, wie lange ich meinen Dienst fortsetzen muss, zu dem er mich am 16. Oktober 1978 berufen hat", heißt es in dem Testament.

Dazu bete er um die nötige Kraft. Es sei bereits ein Wunder gewesen, dass er das Attentat von 1981 überlebt habe, heißt es in dem Schreiben.

Bereits 1982, vier Jahre nach dem Amtsantritt, überlegte der Papst, ob seine Beisetzung in Polen stattfinden soll. Dann überließ er die Entscheidung darüber aber doch den Kardinälen. Das Kollegium hatte sich am Montag dafür entschieden, Johannes Paul II. im Petersdom beizusetzen.

Dank der "göttlichen Vorsehung" sei während des Kalten Krieges eine nukleare Konfrontation verhindert worden, heißt es weiter.

Der am Samstag gestorbene Papst ordnete an, dass seine persönlichen Notizen verbrannt werden. Er hinterlasse keinerlei Eigentum.

Nur zwei lebende Personen werden in dem Testament erwähnt: Seinem persönlichen Sekretär Stanislaw Dziwisz dankt er für jahrelange Dienste.

Und den Oberrabbiner Elio Toaff, der Johannes Paul 1986 beim Besuch in der Synagoge von Rom begrüßte, erwähnt er im Zusammenhang mit Kontakten außerhalb der Kirche.

Das 15-seitige Dokument ist stark theologisch und spirituell geprägt. Der Papst schrieb über 26 Jahre hinweg immer wieder an seinem Testament.

Die Arbeit daran begann er bereits 1979, ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst. Das Dokument ist auf Polnisch verfasst; der Vatikan übersetzte es ins Italienische.

Der Text beginnt mit dem Satz: "Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird" aus dem Matthäus-Evangelium.

In einem Kapitel aus dem Jahr 1990 heißt es: "Nach meinem Tod bitte ich um Heilige Messen und Gebete."

Millionen Pilger in Rom

Unterdessen melden die Behörden sehr unterschiedliche Zahlen zu den Pilgern, die inzwischen in Rom versammelt sind.

Nach Schätzungen der Polizei handelt es sich um vier Millionen Pilger. "Sie haben Rom erreicht und sich rund um den Vatikan versammelt", sagte der Polizeichef von Rom, Marcello Fulvi.

Allein aus Polen, dem Heimatland des Papstes, kamen demnach etwa zwei Millionen Menschen.

Der Bürgermeister Roms, Walter Veltroni, erklärte dagegen, in den vergangen Tagen seien mehr als zwei Millionen Menschen gekommen, um dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. die letzte Ehre zu erweisen.

"Es ist, als ob Rom noch ein zweites Rom bei sich aufgenommen habe", sagte Veltroni im Sender Radio Vatikan. Veltroni machte jedoch keine Angaben darüber, wieviele der Pilger bereits wieder abgereist sind.

Laut Vatikan waren am Montag und Dienstag rund eine Million Menschen am aufgebahrten Johannes Paul II. vorbeizogen. Das italienische Innenministerium zählte allerdings nur 500.000.

Der italienische Zivilschutz gab unterdessen an, keinerlei Angaben über die aktuelle Zahl der Rom-Besucher zu haben. Die Pressestelle beklagte, weil nicht einmal Schätzungen vorlägen, könne sich der Zivilschutz nur unzureichend auf die Betreuung der Gäste einrichten.

Noch einmal zogen am Donnerstag mehrere hunderttausend Menschen an dem im Petersdom aufgebahrten Papst vorbei.

Nachdem die Wartezeit am Mittwoch zeitweise 24 Stunden erreicht hatte, sperrte die Polizei in der Nacht für mehrere Stunden den Zugang zu der Warteschlange.

Enttäuschte Gläubige

Viele Pilger waren bitter enttäuscht, dass ihnen der Gang in den Petersdom verwehrt blieb. "Er ist doch mein geistlicher Vater", klagte der 50-jährige Antile Alain aus Guadeloupe, der zwei Tage von Mexiko nach Rom unterwegs war.

Den Tränen nahe war auch der 67-jährige Billy Mulhall aus Irland, der auf dem Weg zum Petersplatz von der Polizei abgewiesen wurde. "Ich schätze, jetzt ist es zu spät."

Zur Vorbereitung der Exequien, wie Requiem und Bestattungsrituale genannt werden, sollte der Petersdom am Donnerstagabend um 22.00 Uhr geschlossen werden.

Zu den ersten Staatsgästen der Trauerfeier am Freitag gehörte US-Präsident George W. Bush, der zwei Jahre nach dem vom Papst scharf kritisierten Irak-Krieg vor dem aufgebahrten Leichnam zu einem stillen Gebiet niederkniete.

Begleitet wurde er am Mittwochabend von seinem Vater George Bush, seiner Frau Laura, Expräsident Bill Clinton und Außenministerin Condoleezza Rice. Die Staatsgäste wurden durch einen Sondereingang in den Petersdom geführt.

Mehr als 200 Staats- und Regierungschefs sowie Würdenträger aller Religionen wurden zu der Trauerfeier erwartet. Zur Sicherung der Veranstaltung und der Staatsgäste brachten die italienischen Streitkräfte Flugabwehrraketen in Stellung.

Während der Beisetzung wird der Luftraum in einem Umkreis von acht Kilometern gesperrt. Auf dem Tiber patrouillierten Marineboote, auf den Hausdächern waren Scharfschützen in Bereitschaft.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen würdigte Papst Johannes Paul II. als großen moralischen Kirchenführer und unermüdlichen Kämpfer für Frieden und Menschenrechte.

Der Präsident der Vollversammlung, der gabunische Außenminister Jean Ping, erinnerte in New York an einen Auftritt des Papstes vor dem UN-Gremium im Jahr 1995 anlässlich des 50. Gründungstages der Weltorganisation. Danach erhoben sich die Mitglieder der Vollversammlung zu einer Schweigeminute für den Verstorbenen.

Der Nachfolger von Johannes Paul II. wird von den unter 80-jährigen Kardinälen bestimmt.

Die Wahlversammlung, das Konklave, beginnt am 18. April. Zu den einzelnen Wahlgängen werden die voraussichtlich 116 Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle eingeschlossen. Erforderlich ist eine Zweidrittelmehrheit. Nach dem 30. Wahlgang genügt die einfache Mehrheit.