Papst Franziskus: Eine Zwischenbilanz Römisches Rätsel

Segnen, winken, Kinder tätscheln. Manches, was der argentinische Papst unternimmt, hat den Beigeschmack einer werbewirksamen Geste.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/laif)

Franziskus führt seine Kirche seit drei Jahren - wohin, weiß keiner so genau. Ein Osterspaziergang rund um den Petersdom.

Von Matthias Drobinksi und Oliver Meiler, Fotos von Stefanno Dal Pozzolo

Da steht er, Jorge Mario Bergoglio. Ein leiser Wind bauscht das rote Messgewand. Er stützt sich auf das Kreuz in seiner Hand wie auf einen Wanderstab. Die Menschenmenge vor ihm füllt den Petersplatz; die letzten Verfrorenen tragen Schal, die ersten Lichtempfindlichen Sonnenbrille. Die Frommen schwenken Buchsbaumbüschel, Weidenkätzchensträuße, Oliven- und Stechpalmenzweige.

Palmsonntag, die Karwoche beginnt. Drei Diakone tragen die Leidensgeschichte Jesu vor: den Einzug in Jerusalem, das Abendmahl, die Todesangst am Ölberg, Verrat und Verhaftung; die Geschichte vom erniedrigten Gottessohn, ausgeliefert den Mächten der Welt.

Der Mann mit dem Kreuz schließt die Augen. Sein Kopf neigt sich nach vorn. Die Stirn berührt den Stab des Kreuzes. Es ist aus Olivenholz. Kein Gold ziert es, kein Silber. Es ist mannshoch; italienische Häftlinge haben es gefertigt. Ein Skandal ist das für alle, die finden, ein Papstkreuz müsse golden oder silbern sein, um der Tradition und um des ehrwürdigen Amtes willen.

Meditiert der Papst? Konzentriert er sich? Oder ist er einfach erschöpft? Im Dezember wird Jorge Mario Bergoglio 80 Jahre alt. Die Falten links und rechts der Mundwinkel sind tiefer geworden. Drei Jahre ohne Pause hinterlassen Spuren.

Seit drei Jahren nennt sich der Jesuit aus Buenos Aires Franziskus. Die Kardinäle haben ihn am 13. März 2013 zum Papst gewählt, weil sie einen suchten, der die katholische Kirche aus der Krise führt. Der deutsche Papst Benedikt XVI. war zurückgetreten. Skandale erschütterten die Kurie wie die Vatikanbank. Die vielen Fälle von sexueller Gewalt durch Priester hatten das Vertrauen der Gläubigen erschüttert, die Starre der Lehre frustrierte viele Menschen. Die Kirche darf nicht länger um sich selber kreisen, sagte Kardinal Bergoglio seinen Mitbrüdern. Sie muss an die Ränder gehen, wo die Armen leben, die Zweifler und Verzweifelten. Sie muss bei den Leuten sein. Das klingt gut, dachten die meisten Kardinäle und wählten den Mann aus Argentinien, von dem einige nicht mehr wussten, als dass er von weit her kommt und mit den Skandalen in Rom nichts zu tun hat. Mancher Kardinal würde ihn heute nicht mehr wählen, heißt es. Viele wünschten sich einen Papst, der ein wenig aufräumt in der Kirche, aber keinen, der sie auf den Kopf stellt. Schon der Name war Provokation: Noch nie hatte ein Papst sich nach Franz von Assisi genannt, dem Patron der Armen.

Franziskus, ein Papst, der die Kirche dorthin zurückführen will, wo sehr viele ihrer Gläubigen leben: fern vom Reichtum und der Prunksucht der Institution Kirche.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/laif)

Doch es wundern sich nicht nur die Gegner dieses Unruhestifters über den Mann, der gleich nach der Wahl dem Zeremonienmeister gesagt haben soll: "Der Karneval ist vorüber!" - als der ihm die päpstlichen Prunkgewänder reichen wollte. "Er ist ein Rätsel", sagt auch einer, der dem Papst oft begegnet, um gleich hinzuzufügen: "ein positives Rätsel." So reden selbst viele, die diesen Papst für einen Glücksfall halten, für eine ebenso schräge wie geniale Idee des Heiligen Geistes. Was will er? Was hat er bislang geändert? Was denkt er, wenn er einfach mal sagt, dass Katholiken sich nicht vermehren sollten "wie die Karnickel"? Und kann man das überhaupt: eine 2000 Jahre alte Institution umkrempeln, ohne dass sie auseinanderfliegt - eine, in der unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Kräfte der Beharrung das Sagen hatten?

Ein Annäherungsversuch also, in der Karwoche in Rom, wo die katholische Kirche den Höhepunkt des Kirchenjahrs lebt, in der sich die Pracht der Liturgie und die Macht der Tradition entfalten. Eine Woche, in der sich Altes und Neues begegnen.

Seine Predigt beginnt er nuschelnd. "Die Erniedrigung, die Jesus erleidet, geht bis zum Äußersten in der Passion", sagt er. Und schaut vom Manuskript auf und sagt: "Ich denke an so viele Menschen an den Grenzen, so viele Flüchtlinge." Das steht so nicht im Manuskript. Von nun an wirkt der Papst konzentriert und heiter. Nach dem Segen geht er zu den Kardinälen hin, lacht, schüttelt Hände. Er weiß, dass mancher der von ihm Umarmten denkt: Hoffentlich ist dieses Pontifikat bald vorbei.

Der Montag der Karwoche. Seit 4.30 Uhr ist Franziskus wach, wie an jedem Arbeitstag. Päpste wohnen im Apostolischen Palast, so war das seit Jahrhunderten. Sie lebten unter großen Gemälden und Lüstern, in Räumen mit vergoldetem Stuck an den Decken und Perserteppichen auf dem Boden, hoch über dem Petersplatz. Bis Franziskus kam.

Nach dem Konklave blieb er einfach in der Casa Santa Marta wohnen, dem ockerfarbenen Gästehaus des Vatikans mit vier Stockwerken, hundert Zimmern, kleinen Fenstern ohne Läden. Er brauche Menschen um sich, hat der Papst gesagt. Vor dem Eingang von Santa Marta stehen nun ein Schweizergardist und ein vatikanischer Gendarm, früher waren sie Konkurrenten, heute salutieren sie synchron. Die Rezeption ist aus dunklem Holz, eine junge Frau steht dahinter. Ein Hotel - nur dass fast alle Gäste Priesterkragen tragen und jederzeit der Papst die Lobby durchqueren könnte, etwa auf dem Weg zum Essen im Refektorium, wo es für ihn einen eigenen Bereich gibt. Morgens um sieben hält Franziskus dreimal die Woche Messe in der Kapelle am Ende des Korridors, geladen sind jeweils 50 Gläubige aus römischen Pfarreien.

Der Papst wohnt im Zimmer 201 über dem Eingang; inzwischen hat er auch ein Empfangs- und ein Arbeitszimmer. Den Fernseher hat er entfernen lassen; der Papst informiert sich aus der Zeitung. Die Resultate des argentinischen Fußballvereins San Lorenzo, seinem Lieblingsclub, lässt er sich von einem Schweizergardisten hinterlegen, samt Tabelle. Er liest Mails, vor allem aber telefoniert er. Auch mit Leuten, die nie mit einem Anruf des Papstes rechnen würden und zunächst an einen schlechten Scherz denken.

Termine macht er oft selber. Wer ihn morgens fragt, sitzt schon mal abends bei ihm auf dem grünen Sofa. Wen er nicht aus Protokollgründen im Apostolischen Palast empfangen muss, den trifft er in Santa Marta, unten im Saal unter dem Bild der Madonna, die Knoten aus einem weißen Band löst. Oder oben, wo auf dem Schreibtisch das Bild des schlafenden Joseph steht, dem der Engel im Traum sagt, was zu tun ist. Wenn er ein Problem habe, schreibe er einen Zettel und schiebe den unter das Bild, damit Joseph für ihn träume, hat Franziskus erzählt.

Ferien macht er nicht. Papst Johannes Paul II. fuhr in die Natur, Benedikt XVI. liebte die Sommerresidenz Castel Gandolfo, Franziskus bleibt in Rom. Als ihn jemand fragte, was er im Urlaub mache, sagte er: eine Stunde länger schlafen - bis halb sechs. Er kennt keine Pausen. Das ist Programm, wie die schwarzen Gesundheitsschuhe, die er statt der handgenähten roten Papstschuhe trägt, wie die Fiats und Fords, in denen er sich fahren lässt. Dieser Papst habe das Amt bereits unwiderruflich verändert, heißt es bei seinen Bewunderern. Aber genügt das - dass auch ein künftiger Papst keinen Mercedes mehr fährt, sondern einen kleinen Ford?

Im Kreise seiner Kardinäle hat Franziskus inzwischen viele Feinde. Direkt nach sein Wahl ließ er seine Würdenträger wissen: "Der Karneval ist vorüber."

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/laif)

Es habe sich viel mehr verändert, sagt ein Monsignore, der vor 17 Jahren nach Rom kam. Johannes Paul II. fiel gerade in die Agonie, die Kirche erschien dem Priester erstarrt, die Kurie als höfische Welt, in der um Fragen wie die gestritten wurde, wie prachtvoll der Papstthron sein sollte, wie hoch.

"Das gesamte Klima ist jetzt anders", sagt der Monsignore, "es macht Spaß, katholisch zu sein." Das ist die optimistische Sicht: Es bewegt sich was. So sieht es auch ein älterer Mitbruder des Monsignore, nur dass er hinzufügt: "Aber vieles ist sehr mühsam geworden." Gleich nach seiner Wahl hat der Papst die Reform der Kurie, der Kirchenzentrale in Rom, begonnen. Neun Kardinäle hat er zu seinen Beratern gemacht. Die haben die Finanzverwaltung neu geordnet; die Vatikanbank IOR erfüllt nun internationale Standards. Vor einem Jahr machte dieser Rat einige vorsichtige Vorschläge, unter anderem, dass ja auch ein Nicht-Priester eine Kurienbehörde leiten könne. Doch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Chef der mächtigen Glaubenskongregation, stellte sich quer. Seitdem stocken die Reformen, drehen sich die Beratungen der Kardinäle im Kreis: Der Münchner Kardinal Reinhard Marx will ein modernes Kabinett. Der australische Kurienkardinal und Finanzchef George Pell möchte das auf keinen Fall. Der Vorsitzende des Rats, Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga aus Honduras, legt sich nicht fest. Und Papst Franziskus sitzt dabei und hört zu. Viele Angestellte im Vatikan sind verunsichert, fürchten um ihre Jobs. Und keiner hat jene Weihnachtsansprache 2014 vergessen, in der Franziskus "15 Krankheiten der Kurie" geißelte, darunter "geistlichen Alzheimer". Das hört niemand gern vom Chef.

Warum lässt er alles offen? Warum hält er an Kardinal George Pell fest, der in Australien einen Missbrauchsskandal vertuscht haben soll? Warum an dem skurrilen Kardinal Robert Sarah, dem Leiter der Gottesdienstkongregation, der überall des Teufels Schwefelschwaden riecht? Weil der Papst, ganz Jesuit, auch seine Kritiker einbindet, sagen die einen. Weil es keine Personalpolitik gibt, die anderen.

Immer wieder spotte das Verhalten der Kurie den Idealen des Papstes Hohn, sagt Emiliano Fittipaldi, Reporter beim Nachrichtenmagazin L' Espresso. Franziskus spreche von einer armen Kirche für die Armen - "doch dann findet man heraus, dass der Vatikan ein Vermögen von 17 Milliarden Euro verwaltet, vier Milliarden allein in Immobilien in Rom, Paris, London". In den Wohnungen lebten nicht Arme oder Flüchtlinge, sondern Kardinäle, Journalisten, Politiker, "die ein Zehntel der marktüblichen Mieten bezahlen". Von den hundert Millionen Euro Reingewinn der Vatikanbank in zwei Jahren seien nur 17 000 Euro in Hilfsprojekte geflossen. Fittipaldis Buch "Avarizia" (Geiz) beschreibt, wie die Kirche ihren Reichtum ethikfrei anlegt und wie Kirchenobere Geld verprasst haben, das für kranke Kinder bestimmt gewesen wäre.

Das Buch zitiert aus vertraulichen Papieren. Viele der Dokumente gaben ihm zwei Priester; die Monsignori baten Fittipaldi, er möge mit dem Auto kommen - mit dem Motorroller würde er alle diese Unterlagen nicht transportieren können. "Avariza" ist ebenso zum Bestseller geworden, wie Gianluigi Nuzzis Werk "Alles muss ans Licht". Der Vatikan reagierte hart - die beiden Journalisten müssen sich wegen "Verbreitung illegitim erworbener Dokumente" im Vatikan verantworten. Franziskus sprach von Diebstahl und Verbrechen, der kafkaeske Prozess, auf seinen Wunsch eingeleitet, läuft.

Ja, er wäscht Armen, Gefangenen und Flüchtlingen die Füße. Aber von dem, was er angekündigt hat, hat Franziskus vieles noch nicht verwirklicht.

(Foto: AFP)

Dabei wurde keine Zeile des Buchs dementiert. Der ehemalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hat einen Teil des Geldes, das er für den Ausbau der Terrasse seiner Luxuswohnung ausgegeben hatte, inzwischen an das Kinderkrankenhaus überwiesen, dem es entzogen wurde. Doch noch immer seien seine Seilschaften mächtig im Vatikan, habe Bertone Einfluss, sagt Fittipaldi: "Dem Wirken des Papstes mangelt es an Kohärenz." Ja, er versuche, die Kurie zu verändern, "doch er ist ein Jesuit, kein zapatistischer Revolutionär". Schön, dass Franziskus am Rand des Petersplatzes Duschen für Obdachlose aufstellen ließ. Aber: "Die Aktion hat 150 000 Euro gekostet" - bei einem Vatikan-Vermögen von 17 Milliarden Euro.

Dienstag. Kein Ablass ohne Einlasskarte. Wer seine Sünden bereut, sie gebeichtet hat und dann als Pilger im Heiligen Jahr die Heilige Pforte im Petersdom durchschreitet, der spart Zeit im Fegefeuer, sagt die katholische Kirche. Doch vor die Abkürzung zum Paradies hat die vatikanische Bürokratie diesmal einen Umweg gesetzt: Man braucht ein Ticket, das gibt es heute immerhin kostenlos; es soll die Pilgerströme lenken und die Sicherheit erhöhen. In Belgien haben an diesem Dienstagmorgen Terroristen mehr als 30 Menschen mit in den Tod gerissen, die Taschen der Pilger werden schärfer kontrolliert. Doch der Andrang vor der Heiligen Pforte bleibt ohnehin gering: Die religiöse Temperatur in Stadt und Erdkreis ist im "Heiligen Jahr der Barmherzigkeit" nicht gestiegen. Die indischen Nonnen bekreuzigen sich, als sie durch die bronzene Tür treten. Die anderen Besucher haben die Videofunktion ihres Smartphones aktiviert, um den Moment zu verewigen.

Vor bald einem Jahr hat Franziskus völlig überraschend dieses Heilige Jahr angekündigt. Der Papst füllt eine traditionelle Form, die vielen Katholiken fremd geworden ist, mit neuem Inhalt. Barmherzigkeit ist der zentrale theologische Begriff seines Pontifikats: Die Liebe Gottes setzt die kirchliche Lehre nicht außer Kraft - die aber ist nicht mehr die letzte Instanz. Häufig sagt Franziskus, die Kirche sei ein Lazarett, das die Wunden der Menschen versorge. Für konservative Theologen ist das ein Affront. Sie fürchten um die Klarheit der Lehre - und um die Macht der Kirche.

Gläubige lauschen dem Papst auf dem Petersplatz beim österlichen Segen im vergangenen Jahr.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

Doch auch hier ist nicht klar, welche Folgen des Papstes unerhörte Gedanken haben. Zum Beispiel bei den Themen Ehe, Familie und Sexualität. Kurz nach seiner Wahl lud Franziskus die Bischöfe zur Beratung über diese für die Kirche schwierigen Fragen ein. Und er fragte nicht nur die Bischöfe, sondern über eine weltweite Umfrage auch die Gläubigen. Das Ergebnis: Die Katholiken schätzen Ehe, Familie und Kinder, zweifeln aber am Nein ihrer Kirche zu Pille und Kondom, zur Heirat nach der Scheidung, zur Ehe ohne Trauschein oder zur Homosexualität.

Zweimal tagten der Papst und die Bischöfe drei Wochen lang. Doch an der Kluft zwischen Lehre und Gottesvolk hat sich wenig geändert. Eine Sperrminorität der Bischöfe vor allem aus Afrika, Osteuropa, aber auch aus den USA lehnte Änderungen ab. Die Abschlusserklärung ließ vieles offen. Im April wird nun Franziskus in einem Schreiben seine Schlüsse aus den Beratungen veröffentlichen. Es heißt, er betone darin die Bedeutung des Gewissens des einzelnen Christen. Doch wer weitergehende Reformen erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Mittwoch. Ein fieser, kalter Wind hat Wolken vor die Sonne getrieben. Keine 10 000 Menschen drängen sich an den Absperrungen, um dem Papst nahe zu sein; bei gutem Wetter kommen auch 50 000. Egal, Franziskus dreht im Papamobil zwei Runden, segnet, winkt, küsst weinende Kinder auf die Stirn und drückt die Hände ihrer strahlenden Eltern, umarmt Ehrengäste, nimmt Fußballtrikots und selbstgemalte Bilder entgegen. Die Ansprache bleibt schlicht: Die Karwoche beschreibe das "Drama der Liebe" bis in den Tod. Dann betet der Papst für die Terroropfer von Brüssel und für die Bekehrung "der vom Fundamentalismus Verblendeten".

Für Urs Breitenmoser ist der Mittwoch ein schwieriger Tag. Inmitten der drängenden Zuneigung trägt er nicht den Helm mit rotem Federbausch, sondern Anzug, Krawatte und einen Knopf im Ohr. Breitenmoser ist Wachtmeister der Schweizergarde, ein Kadermann mit durchgestrecktem Rücken. Er trainiert Nahkampf. 18 Jahre ist er dabei, drei Päpste hat er erlebt, er kann vergleichen.

Mit Franziskus sei alles unmittelbar, dadurch auch gefährlicher geworden, sagt Breitenmoser: "Er ist sehr, sehr spontan und speziell." Berühmt wurde die Episode, als der Papst mal schnell zum Optiker an der Spanischen Treppe gefahren werden wollte, ins Getümmel der Touristen, um sich neue Brillengläser zu besorgen. Die Garde erfuhr davon Minuten zuvor. Überhaupt fährt der Papst gern aus, mit einem Ford Focus in die Peripherie, wie in Buenos Aires, als er noch Kardinal war.

Er möchte bei den Menschen sein. "Und wir müssen dafür sorgen, dass nichts passiert", sagt Breitenmoser. Vier Stunden habe die erste Begegnung mit der Garde gedauert. Der Papst erklärte, was für ein Papst er zu sein gedenke; die Gardisten konnten Fragen stellen. Der Rest sei "Learning by Doing". Das Papamobil hält nun viel öfter auf dem Petersplatz als zu Zeiten der Vorgänger. Bergoglio steigt das Treppchen am Heck herunter. Manchmal nimmt er Kinder mit für eine Runde um den Platz. Einige Eltern sind so aufgeregt, dass sie ihre Kinder vergessen. Dann steht Breitenmoser da mit einem Baby auf dem Arm.

Er war auch dabei, als der Papst im November nach Zentralafrika fuhr. Es war eine gefährliche Reise. Nur der Papst war ruhig. Zum Piloten, der sich wegen der Landung in Bangui sorgte, sagte er: "Dann springe ich halt mit dem Fallschirm ab."

Gründonnerstag. Die sinkende Sonne taucht das triste Flüchtlingszentrum in Castelnuovo di Porto im Norden Roms in gnädiges Licht. 900 Menschen leben hier, meist sind sie übers Mittelmeer nach Italien geflohen. Auf dem Grünstreifen hinter dem Parkplatz steht unter dem provisorischen weißen Baldachin der Altar. Es ist windig, die Zuhörer des Papstes verkriechen sich frierend in Hoodies, Regen- und Daunenjacken. Hier gedenkt Franziskus des letzten Abendmahls, das Jesus mit den Jüngern feierte.

"Ich brauche einfach Menschen um mich", sagt dieser Papst, geht unters Volk und verschmäht ein Leben im Apostolischen Palast.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/laif)

Franziskus redet frei. "Wir alle sind hier versammelt: Muslime, Hindus, Katholiken, Kopten, evangelische Christen. Wir sind alle Geschwister, Kinder desselben Gottes", sagt er, "wir sind Brüder und wollen in Frieden zusammenleben". Er vergleicht die Anschläge in Brüssel mit dem Verrat des Judas, der Jesus für 30 Silberlinge verkaufte; hinter dem Terror stünden auch die Waffenproduzenten, die wie Judas keinen Frieden wollten. Jesus hingegen habe seinen Jüngern demütig die Füße gewaschen, als Zeichen der Brüderlichkeit.

Elf Flüchtlinge und eine Betreuerin nehmen vor dem Altar Platz, den rechten Fuß entblößt. Es sind Katholiken aus Nigeria, wo die Terrormiliz Boko Haram wütet. Muslime aus Mali, wo sich Islamisten, Tuareg und Regierungstruppen gegenseitig erschießen. Koptische Frauen aus Eritrea, eine hält ihr Baby auf dem Arm. Franziskus setzt den Pileolus ab, die weiße Papstkappe, kniet vor ihnen nieder, es kostet ihn Anstrengung. Er gießt aus einer Goldblechkanne Wasser über die Füße, frottiert sie sorgfältig trocken, küsst die Fußrücken. Einige der Flüchtlinge weinen gerührt.

Jahr um Jahr wuschen am Gründonnerstag der Papst und die Bischöfe verdienten Priestern die Füße, so stand es im Kirchenrecht. Franziskus ist kurz nach seiner Wahl ins Jugendgefängnis Casal del Marmo gegangen und hat zwölf Häftlingen die Füße gewaschen, darunter zwei Frauen. Viele in- und außerhalb der Kirche waren beeindruckt. Einige Kirchenrechtler waren empört. Und der Papst? Er hat das Kirchenrecht geändert. Nun eilen am Gründonnerstag weltweit Bischöfe in Haftanstalten, Flüchtlingsheime, Sozialeinrichtungen, um Menschen die Füße zu waschen, auch Frauen und Muslime. Ein Zeichen hat die Wirklichkeit verändert.

Trotz seiner Bescheidenheit warnen Vatikan-Kenner vor allzu großen Erwartungen: "Er ist ein Jesuit, kein zapatistischer Revolutionär."

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/laif)

Es zeigt im Kleinen, was der Papst im Großen will. Seine erste Reise führte ihn auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa, dort beklagte er die "Globalisierung der Gleichgültigkeit". In seiner Programmschrift "Evangelii Gaudium" steht der provokante Satz: "Diese Wirtschaft tötet" - wenn sie das Gewinnstreben über die Menschlichkeit stellt. In seiner Umwelt-Enzyklika "Laudato si'" nennt er den Klimawandel eine Tatsache und fordert die Menschen in reichen Ländern auf, ihren Lebensstil zu ändern. Die katholische Kirche soll im großen Globalisierungsprozess das kritische Gegenüber von Politik und Wirtschaft sein, als Anwältin der Armen.

Franziskus ist zum Weltpolitiker geworden. Er reiste in Konfliktgebiete, in den Nahen Osten, nach Afrika, an den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA. Manchmal bleiben seine Bemühungen erfolglos, manchmal passiert Historisches. In der Zentralafrikanischen Republik führte der Besuch zu einem - brüchigen - Frieden. Das Kirchenoberhaupt hat die USA und Kuba einander nähergebracht. Er hat sich, nach tausendjähriger Konkurrenz der Kirchen, mit dem orthodoxen Patriarchen Kyrill aus Moskau getroffen. "Er hat die Diplomatie entdeckt", heißt es im Vatikan. Manchmal ist es eine Diplomatie der undiplomatischen Formulierungen. Wenn Donald Trump fordere, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, dann sei das "unchristlich", hat Franziskus gesagt, zur geringen Freude des krawalligen Milliardärs, der einen so prominenten Kritiker im Wahlkampf nicht brauchen kann.

Karfreitag. Der Tag des Kreuzwegs und des Todes. Der Tag des Zweifelns und Verzweifelns. Was, wenn das alles schiefgeht? Wenn dieser anarchische Franziskus aus Argentinien tatsächlich jene loose cannon ist, die seine Kritiker in ihm sehen, jene losgerissene, unkontrollierte Kanone, die auf dem Schiffsdeck hin und her rollt und zerschlägt, worauf sie trifft - und am Ende das Schiff versenkt? Was, wenn dieser Papst seine Kirche in die Spaltung führt, sie beschädigt, gar zerstört?

Sandro Magister ist einer der bekanntesten Vatikan-Journalisten, ein eleganter, sanfter Mailänder, 73 Jahre alt. Er geht mit Franziskus kritisch um; das habe er auch mit dessen Vorgängern so gehalten, betont er. Als Magister vor der Familiensynode den Entwurf eines Schreibens veröffentlichte, das dreizehn konservative Kardinäle an den Papst gerichtet hatten, war der Ärger im Vatikan so groß, dass man ihn aus dem Pressezentrum warf. Nun ist er wieder zugelassen, sitzt dort im leeren Konferenzsaal und versucht, drei Jahre Pontifikat zu bilanzieren. "Franziskus hat eine große Baustelle eröffnet", sagt Magister, "zunächst riss er einige Mauern ein. Es ist aber nicht zu erkennen, wie das architektonische Konstrukt einmal aussehen soll."

Signale und Symbole, aber kein Papstprojekt mit klarem Design

Es fehle ein Projekt. Trotz vieler Signale und Symbole bleibe der Eindruck der Unentschlossenheit. "Ich denke, Franziskus will es so", sagt Magister, "Er leitet Prozesse ein, statt Pfeiler zu setzen." Sein erstes Wort an die Kirche und die Welt, jenes "Buona sera", das schlichte "Guten Abend" nach seiner Wahl, sei ein Schlüsselwort: "Er zeigte, dass er Polarisierungen vermeiden will." Man habe oft das Gefühl, Franziskus rede spontan. Doch seine Worte seien durchdacht, selbst die spektakulären Sätze im Flugzeug vor den mitreisenden Journalisten.

"Er hat einen 'inner circle' von Vertrauten, denen er zuhört: Doch er entscheidet allein." Das Widersprüchliche sei gewollt, sagt Magister, da sei für jeden etwas dabei. "Das macht ihn populär - unter Nichtkatholiken vielleicht noch mehr als unter den Katholiken." Ja. der Mann habe Ideen, sagt Magister "doch deren Substanz ist fragil." Immerhin, die meisten Katholiken fühlten sich in diesem Pontifikat wohl. Deshalb drohe der Kirche auch nicht die Spaltung. Es beginne "eine Differenzierung innerhalb der Kirche, in der mehrere Interpretationen möglich seien, fortschrittlichere und konservative". Das sei tatsächlich unumkehrbar.

Franziskus, der Rätselhafte. Er ähnele Angela Merkel, der Kanzlerin, sagt ein Römer. "Man sieht ihm nicht an, was er denkt, aber er zieht seine Sache durch." Und ein deutscher Kirchenmann sagt: "Er geht davon aus, dass der Heilige Geist ihm weiterhilft, wenn er ihn schon zum Papst gemacht hat." Der Priester fügt an, dass er den Eindruck habe, dass dieser Papst sehr gerne Papst sei und er nicht mit dessen baldigem Rücktritt rechne.

Besuch bei einer Papstdeuterin, einer der wenigen Frauen in dieser vatikanischen Männerwelt, die theologisch hoch gebildet und gut vernetzt ist, die mit vielen Bischöfen und Kardinälen spricht - und anonym bleiben möchte. Ihre Analyse: "Wir Europäer sagen: Da muss jetzt eine Struktur her. Franziskus aber sagt: Der Weg ist wichtiger. Und die Zeit, der Prozess, ist wichtiger als der Raum." Das sei schwierig für die Traditionalisten, aber auch für die Reformer, die wünschen, dass der Papst auf den Tisch haut und sagt: Jetzt wird alles anders gemacht." Die Frau lacht. "Wissen Sie, was das Schwierigste ist?" Und gibt sich selbst die Antwort, einen klugen Satz: "Der Papst will, dass seine Kirche erwachsen wird."