Papst Franziskus Bitter, unbarmherzig und ohne Liebe

Der Papst rüttelt in seinem Dokument "Amoris Laetitia" nicht grundsätzlich an den Lehren der katholischen Kirche.

(Foto: REUTERS)

Papst Franziskus redet sehr schön von Liebe - und verweigert sie vielen Paaren. Er reduziert nämlich Liebe auf heterosexuelle Beziehungen.

Kommentar von Heribert Prantl

Der Satz steht in der Bibel, und er streckt sich den Menschen entgegen wie ein göttlicher Zeigefinger: "Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen." Was heißt das? Die Kirche hat das immer gewusst: Scheidung verboten! Punkt. Aus. Amen. Bis dass der Tod euch scheidet!

So haben die Kirchen den Satz interpretiert, mahnend und drohend. Und so interpretiert ihn die katholische Kirche bis heute, oder genauer gesagt bis Freitag: Die neue Botschaft des Papstes versucht nun, dem Scheidungsverbots-Dogma die Unerbittlichkeit und Unbarmherzigkeit wenigstens ein klein wenig zu nehmen. Der Papst redet statt vom Dogma von der Liebe und davon, unter welchen Bedingungen sie gedeihen kann. Das ist gut, weil das Evangelium eine Froh-, keine Drohbotschaft sein soll; und das froheste Wort, das es gibt, ist dieses eine Wort - Liebe.

Was Gott gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Dieser Satz ist, so harsch, wie er interpretiert wurde, kein Satz der Liebe. Dieser Satz hat viel auf dem Kerbholz, weil damit Menschen verdammt, verfolgt und geächtet worden sind. Der Satz in seiner lange gepredigten Unerbittlichkeit ist schuld an Leidensgeschichten. Die Kirche hat diesen Satz seiner zeitgeschichtlichen Bezüge entkleidet, sie hat aus einem Satz, der in biblischer Zeit das soziale Elend der entlassenen Frauen und die soziale Sicherheit in der Gesellschaft im Blick hatte, ein überzeitliches Dogma gemacht.

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Indes: War und ist es nicht eine Anmaßung zu behaupten, dass alle, die von einem Pfarrer oder einem Standesbeamten getraut wurden, von Gott zusammengefügt wurden? Wenn man den Satz, dass der Mensch nicht trennen soll, heute buchstabiert, dann besagt er wohl: Mensch, sorg' bitte dafür, dass Paare nicht so vielen Härten ausgesetzt sind, dass ihre Beziehung scheitern muss. Mensch, schaffe keine Arbeitsbedingungen, welche die Zeit für das Zusammenleben rauben. Mensch, dulde keine Löhne, die den Paaren den Mut nehmen, Kinder zu bekommen.

Franziskus redet schön von Liebe - und verweigert sie den homosexuellen Paaren

Liebe und Verantwortung: Manchmal besteht die Verantwortung darin, in einer Beziehung zu bleiben. Manchmal besteht sie auch darin, sich zu trennen. Man kann sich unverantwortlich scheiden, man kann auch unverantwortlich verheiratet bleiben. Man kann beides in Verantwortung tun.

Es ist dies eine Erkenntnis, der sich der Papst in sehr vorsichtiger Form zu öffnen beginnt. Worauf kommt es an? Darauf, dass die Partner im Konflikt sorgsam miteinander umgehen. Diese kleine Liebe muss bleiben, wenn die große weg ist. Das ist schwer; dann braucht die Sorgsamkeit oft Unterstützung von Dritten. Diese Hilfe bei Trennung ist nicht des Teufels, sondern Gebot der Nächstenliebe.

Man sieht: Die Liebe, die der Papst predigt, könnte viele Formen haben - auch diejenige, homosexuelle Partner zu achten und ihre Partnerschaft in Ehren zu halten. Hier verweigert sich der Papst in verletzender Weise. Er redet von Liebe, verweigert sie aber den schwulen und lesbischen Paaren; er stößt diese Paare in die Sünde.

Er reduziert Liebe auf heterosexuelle Liebe. Gibt es Verantwortung nur dort? Der Papst akzeptiert es allenfalls als schweres Los, wenn jemand in der Familie schwul oder lesbisch ist. Er anerkennt nicht das Füreinander-Einstehen in solchen Partnerschaften. Das ist bitter, unbarmherzig und ohne Liebe.

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