Papst Botschaft an Benedikt: "Treten Sie zurück!"

Ein deutscher Bischof protestiert, ein Gelehrter tritt aus der Kirche aus, viele Katholiken sind empört: Papst Benedikt XVI. spaltet mit seinem Kurs die Gemeinde der Gläubigen. Er macht weiter wie gehabt und fördert Ultrakonservative - zuletzt in Linz.

Der Papst und seine Rehabilitierung von vier traditionalistischen Bischöfen, darunter einem Holocaust-Leugner, sorgt für höchsten Widerstand bei der Katholischen Kirche in Deutschland. Benedikt XVI., der eigentlich mehr Einheit schaffen wollte, erreicht das Gegenteil: Spannung und Disharmonie.

Nach Hans Küng hat ein weiterer Theologe dem Papst den Rücktritt nahe gelegt. Der emeritierte Theologieprofessor Hermann Häring sagte der Münchner Tageszeitung tz: "Wenn dieser Papst der Kirche etwas Gutes tun will, müsste er zurücktreten. Das wäre keine Schande, jeder Bischof muss sein Amt mit 75 Jahren zur Verfügung stellen, jeder Kardinal verliert mit 80 alle seine Rechte. Es ist nicht einzusehen, warum sich ausgerechnet der Papst an diese sehr weise Regel nicht halten sollte."

Als erster katholischer Oberhirte in Deutschland hat sich der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, öffentlich vom Beschluss des Papstes distanziert. Er warnt vor einem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche: "Die Einheit der Kirche ist ein hohes Gut, dem zu dienen eine herausragende Aufgabe des Papstes und der Bischöfe ist. Aber diese Einheit ist nicht mit einer Leugnung grundlegender Aussagen des (Zweiten Vatikanischen) Konzils zu vereinbaren. Sonst wird sie um den Preis erkauft, dass viele Gläubige sich innerlich oder äußerlich abwenden."

Die von Benedikt XVI. wieder in die Kirche aufgenommenen Bischöfe der erzkonservativen Priesterbruderschaft St. Pius X. lehnen die Ergebnisse des Konzils (1962-1965) ab - und fordern eine Rückkehr zur lateinischen Messe und ein Ende des ökumenischen Dialogs mit anderen Konfessionen und Religionen.

Demgegenüber betont der deutsche Bischof Fürst, Religionsfreiheit, Ökumene, Dialog mit dem Judentum und die Liturgiereform gehörten zum unverzichtbaren Erbe des Konzils. "Theologie und Pastoral unserer Diözese, von mir als Bischof verantwortet, sind und bleiben ohne Wenn und Aber dem Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils und seinen zentralen Anliegen verpflichtet". Wer immer sich zur Kirche bekenne, könne "nicht wesentliche Grundanliegen des Konzils infrage stellen. Sonst käme es lediglich zu einer Scheineinheit."

Scharf kritisierte Fürst die "völlig inakzeptablen Aussagen" des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Dieser war zusammen mit drei anderen exkommunizierten Traditionalisten-Bischöfen vom Papst rehabilitiert worden: "Es belastet mich als Bischof und als Seelsorger, dass diese Vorgänge zur äußeren und inneren Entfremdung zahlreicher Gläubiger von der Kirche, zu einem Vertrauensverlust besonders der jüdischen Schwestern und Brüder gegenüber der Kirche sowie zu einer erheblichen Störung des christlich-jüdischen Dialogs geführt haben."

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erklärte am Sonntag, dass er sich angesichts der weltweit kritisierten Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson mehr Fingerspitzengefühl im Vatikan wünsche: "Ich wünsche mir auch in der Leitung der Kirche etwas mehr politische Sensibilität."

Ärgerlich sei die "Entstellung" der Abfolge der Ereignisse in den Medien, kritisierte Lehmann. In der Öffentlichkeit sei der falsche Eindruck entstanden, Benedikt XVI. habe die Exkommunikation von Bischof Williamson und drei weiteren Oberhirten aufgehoben, obwohl er das Leugnen des Holocaust vonseiten des gebürtigen Briten in einem Interview gekannt habe. In Wirklichkeit habe Williamson aber erst nach seiner Rehabilitierung die Ermordung von Millionen Juden in Gaskammern öffentlich bestritten, so der Mainzer Bischof.

Dennoch könne es nicht angehen, dass der Präsident der eigentlich zuständigen Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Kardinal Darío Castrillón Hoyos, nun gesagt habe: "Wir haben den nicht gekannt". Immerhin habe Williamson vorher schon zu anderen Themen in problematischer Weise Stellung bezogen.

Gleichwohl dürfen laut Lehmann nun zwei Dinge nicht miteinander vermengt werden: das Verhältnis der Kirche zu der "Splittergruppe" der Traditionalisten um die vier rehabilitierten erzkonservativen Bischöfe und die "völlig unmöglichen Äußerungen eines Einzelnen", nämlich Williamsons. Für Benedikt XVI. sei diese Vermischung in der öffentlichen Wahrnehmung ein Unglück: "Der Papst tut mir leid", sagte der Kardinal am Rande eines Empfangs zum 1000-jährigen Bestehen des Mainzer Doms.

Am Freitag hatten bereits die katholischen Theologie-Professoren der Universitäten Tübingen, Freiburg und Münster Alarm geschlagen und von einem "Wendepunkt der Kirchengeschichte" gesprochen. Am Wochenende dann sorgte eine kirchliche Personalentscheidung für neue Kritik: Benedikt XVI. ernannte den ultrakonservativen österreichischen Priester Gerhard Wagner zum Weihbischof der Diözese Linz.

Wegen der Rehabilitierung des ultrarechten Bischofs Williamson droht der israelische Minister für Religionsangelegenheiten, Jizchak Cohen, offen mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan. Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Salomon Korn, wertete die Entscheidung des Papstes als "Rückfall in frühere Jahrhunderte".

Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler kritisierte, der Papst schotte sich "gegenüber Frauen, Andersgläubigen, Geschiedenen, Homosexuellen" theologisch ab. Sein Vorgänger habe "die Gemeinsamkeiten mit andersgläubigen Menschen gesucht, er nicht", beklagte Geißler: "Man kann fast den Eindruck bekommen, ihm sei ein rechtsradikaler, antisemitischer katholischer Bischof lieber als eine evangelische Bischöfin."

Aus Protest gegen die Rehabilitierung der Piusbrüder und speziell des Holocaust-Leugners Williamson trat jetzt der bekannte belgische Theologe und Ethiker Prof. Jean-Pierre Wils aus der Kirche aus. "Ich will nicht mehr mit dem anti-modernen, anti-pluralistischen und totalitären Geist dieser Kirche identifiziert werden", sagte der Professor, der in Deutschland lebt und an der katholischen Radboud-Universität im niederländischen Nijmegen unterrichtet. Die Priesterbrüderschaft sei eine "extrem reaktionäre und zutiefst antisemitische Gruppe, die mit Diktatoren und rechtsgerichteten Regimen sympathisiere".

Zweifel an Benedikt XVI.

Der Vatikan distanzierte sich indessen erneut von Williamsons Aussagen. Wer die Shoa leugne, behaupte "nicht nur historischen Unsinn", sondern verstehe auch nichts "vom Mysterium Gottes", sagte Vatikan-Sprecher Frederico Lombardi. Auch das deutsche Priesterseminar der Piusbruderschaft im oberpfälzischen Zaitzkofen rückte demonstrativ von Williamson ab und lud ihn von einer Diakonatsweihe aus.

Doch die jüngste Entscheidung des in Bayern groß gewordenen Papstes, den Ultrakonservativen Gerhard Wagner zum neuen Weihbischof der Diözese Linz zu bestellen, hat erneut Zweifel an der Richtung von Benedikt XVI. aufkommen lassen. Der 54-Jährige hat beispielsweise die Jugendlichen vor den Harry Potter-Büchern von J.K. Rowling gewarnt, weil er darin "Satanismus" am Werk sah. Oder er nannte den Hurrikan "Katrina", der New Orleans verwüstet hatte, eine Art göttliche Strafe für eine unmoralische Stadt. Nicht zufällig habe der Hurrikan die fünf Kliniken zerstört, in denen abgetrieben worden sei.

"Ich bin einer, der die Konfrontation geradezu sucht", sagt Wagner von sich selbst. Seine Ernennung löste sogar in der Diözese Linz Besorgnis aus. "Die Vorgangsweise ist wirklich eine Katastrophe", sagte der Pfarrer von Traun, Generaldechant Franz Wild. Er befürchte, dass der Diözese eine schwierige Zeit bevorsteht. Laut österreichischen Medien war die päpstliche Entscheidung weder mit Wagners zukünftigem Vorgesetzten, dem Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz, noch mit Kardinal Christoph Schönborn abgesprochen.

Hardliner-Kurs auf dem Vatikan

Zum Hardliner-Kurs des Papstes Benedikt XVI. passt auch, wie er sich in eine erbitterte Sterbehilfe-Debatte in Italien eingeschaltet hat. Dabei geht es um die Frage, ob die lebenserhaltenden Maßnahmen für eine seit 1992 im Wachkoma liegenden Frau beendet werden dürfen.

Der Vater der Frau hat vom höchsten Gericht die Erlaubnis bekommen, die künstliche Ernährung einstellen zu lassen, das italienische Gesundheitsministerium hat aber alle Krankenhäuser angewiesen, die Versorgung von Wachkoma-Patienten nicht zu beenden.

Benedikt sagte dazu am Sonntag, Sterbehilfe sei eine falsche Lösung für menschliches Leiden. Liebe könne helfen, Schmerzen zu bewältigen: "Keine Träne - von denen, die leiden und von denen, die mit ihnen leiden - ist vor Gott verloren." Die Frau, Eluana Englaro, wurde bei einem Unfall vor 17 Jahren schwer verletzt und fiel in ein Wachkoma. Sie war damals 20 Jahre alt.