Papst-Besuch in Mexiko Drogenbande verordnet Kurzzeit-Frieden

Der Papst besucht das vom Drogenkrieg zermürbte Mexiko. Eine Rauschgiftbande, die sich besonders gläubig gibt, legt eine kurze Gewaltpause ein und begrüßt Benedikt XVI. als "Botschafter des Friedens". Auf handbeschriebenen Bettlaken ruft sie zum vorübergehenden Gewaltverzicht auf - eine perfide Machtdemonstration.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Als Papst Benedikt XVI. im September 2011 in Deutschland ankam, begrüßten ihn die Gläubigen mit wehenden Fahnen, sie kreischten "Habemus Papam" in Richtung des Papamobils und baten ihn um Segen für Neugeborene. Seit diesem Freitag ist der Papst in Mexiko zu Besuch. Dort nimmt eine Mörderbande das Oberhaupt der katholischen Kirche auf ihre ganz eigene Weise in Empfang - mit einem dreitägigen Waffenstillstand.

Papst Benedikt XVI. reist nach Mexiko. Einige streng katholische Kartelle haben einen dreitägigen Waffenstillstand verkündet - und zwar auf bemalten Bettlaken.

(Foto: AP)

Die Gang namens "Los Caballeros Templarios" (Die Tempelritter) verkündete noch vor dem Papst-Besuch ein bisschen Frieden - und zwar nicht via Twitter oder Facebook, sondern per Bettlaken. In mehreren Städten des Bundesstaates Guanajuato, dem Zentrum des mexikanischen Katholizismus, hängen seit Dienstag überdimensionale, von Hand beschriebene Betttücher von Straßenbrücken herab.

Mit Bettlaken schüchtert die Gang ihre Rivalen ein

"Willkommen, Botschafter des Friedens" oder "Wir begrüßen den Papst" steht auf den weißen Laken. Oder an die Gegner adressiert: "Ihr braucht nicht einmal daran zu denken, während des Besuchs von Papst Benedikt XVI. Gewalt anzuwenden. Ihr seid gewarnt." So teilen die Tempelritter, die sonst abgehackte Schädel an öffentlichen Plätzen drapieren, den kurzzeitigen Waffenstillstand mit - unübersehbar für Stadtbewohner und rivalisierende Banden. Eine Gang mit dem Namen "Die Neue Generation von Jalisco" nimmt das Friedensabkommen an - und hängt eigene Leinentücher auf.

Die Botschaften werden Narcomantas genannt und sind kein völlig neues Kommunikationsmittel; für die mexikanischen Drogenkartelle fungieren die beschriebenen Tücher des Öfteren als Medium zur Verbreitung ihrer Einschüchterungsversuche. Mit den öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzten Narcomantas warnen die Gangs normalerweise ihre Feinde. Oder sie machen sich über ihre Mordopfer lustig.

Im Januar hatte der Erzbischof von Léon, José Guadalupe Martín Rábago, die Drogengangs öffentlich dazu aufgefordert, zumindest während des Papst-Besuches auf das tägliche Morden zu verzichten und drei Tage lang Frieden einkehren zu lassen. Die erzkatholischen Tempelritter sind eine Splittergruppe der Bande "La Familia Michoacana" und existieren seit rund einem Jahr. "Wir kämpfen für das Gute", schreiben die Tempelritter in ihrem Manifest. Und wer in ihren Augen nicht gut genug ist, wird umgebracht.

50.000 Todesopfer im mexikanischen Drogenkrieg

Der blutige Krieg zwischen Drogenkartellen und der Polizei hat in Mexiko allein in den letzten sechs Jahren mehr als 50.000 Todesopfer gefordert. Besonders hart umkämpft ist der Norden des Landes; die Grenzstadt Ciudad Juárez gilt als gefährlichste Stadt der Welt. Ganz so verheerend ist die Lage in Guanajuato nicht, bisher ist der zentral gelegene Bundesstaat vom Drogenkrieg einigermaßen verschont geblieben.

Papst Benedikt XVI, der die Region unter anderem deswegen als Besuchsziel ausgewählt hat, weil es nicht so hoch gelegen ist wie Mexiko-Stadt, wird drei Tage in der Stadt Léon verbringen und anschließend den karibischen Inselstaat Kuba besuchen.

Ob die angekündigte Waffenruhe tatsächlich eingehalten wird und noch weitere Gangs der Forderung der Tempelritter nachkommen, bleibt abzuwarten. Dass es nach dem dreitägigen Frieden mit dem Morden weitergeht, ist allerdings jetzt schon ausgemachte Sache. Denn über eines sollte der Waffenstillstand nicht hinwegtäuschen: Mit den Narcomantas stilisieren sich die Tempelritter zwar zu besonders gläubigen Katholiken und ebnen den Weg für ein verhältnismäßig friedliches Großereignis, in erster Linie demonstrieren sie aber ihre Machtposition: Wenn wir Frieden wollen, herrscht Frieden. Wenn wir Krieg wollen, herrscht Krieg.