Papst Benedikt XVI. Dogma statt Dialog

Enttäuschung, Entsetzen, Frustration: Es ist, als habe der deutsche Papst das Vatikanische Konzil abgewickelt.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

An seinem letzten Sitzungstag hat das Zweite Vatikanische Konzil, das ist 43 Jahre her, das berühmte Dokument "gaudium et spes" verabschiedet - Freude und Hoffnung. Es sollte die Kirche zur Welt öffnen.

Der Theologieprofessor Josef Ratzinger hat dieses Papier stets mit etwas spitzen Fingern angefasst; es war ihm zu modernistisch.

Als er dann Kardinal und Chef der Glaubenskongregation war, hat er, durchaus gegen den Geist dieser Pastoralkonstitution, den Befreiungstheologen in Lateinamerika den Mund verboten.

Nun, als Papst Benedikt, hätte er die Aufgabe, die Botschaft des großen Konzils zu leben und zu praktizieren: gaudium et spes - Freude und Hoffnung.

Das Gaudium hat er bei seinen Reisen erlebt und genossen, von Bayern bis Australien. In Deutschland wurde er, auch von der sonst eher kirchenkritischen Presse, euphorisch begrüßt und verklärt.

Damit verband sich die Hoffnung, dass dieser Benedikt XVI. über den Kardinal Ratzinger hinauswächst. Bundespräsident Köhler sprach seinerzeit solche Hoffnungen an bei der Begrüßung des Kirchenoberhaupts auf dem Münchner Flughafen: Der Papst möge sein Amt als Dienst an der Einheit der Christen begreifen.

Die Hoffnungen haben getrogen.

Der Dialog mit den Protestanten ist gestört; die Gespräche mit Juden und Muslimen sind schwer belastet. Auf den Einladungen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit für die bevorstehende "Woche der Brüderlichkeit" steht noch das Motto "So viel Aufbruch war nie".

Entsetzen und Frustration

Derzeit wird aber mehr von Abbruch als von Aufbruch geredet. Alles nur ein Missverständnis?

Angela Merkel, die christdemokratische Kanzlerin, hat schon recht: Es braucht glasklare Klarstellungen aus Rom. Die Enttäuschung über diesen Papst wächst.

Vatikanische Pannen werden einem Generalmotiv zugeordnet, das er schon als Kardinal betont hat: Er betrachtet andere Glaubensgemeinschaften nicht als "Kirchen im eigentlichen Sinn": Dogma statt Dialog.

Die Hoffnung vieler römischer Katholiken darauf, dass Benedikt den Zugang zum Priesteramt erleichtern werde, waren wohl von vornherein irreal; die Hoffnung auf mehr Mitsprache der Laien auch.

Immer mehr Gläubige haben das Gefühl, nicht als Mitglieder der Kirche respektiert, sondern als die Schafe des Vatikans behandelt zu werden. Die Rufe "Wir sind Kirche" prallen ab an den Mauern des Vatikans.

Das kommt dem erzkonservativen Kirchenverständnis der Pius-Bruderschaft und ihrer Bischöfe entgegen, deren Exkommunikation der Papst rückgängig gemacht hat.

In den Kirchengemeinden machen sich an diesem unverständlichen Akt nun alle Enttäuschungen fest. In den Pfarrgemeinderäten herrscht Entsetzen, bei vielen Theologen Frustration.

Es scheint ihnen so, als sei das Zweite Vatikanische Konzil abgewickelt worden: Die Freude ist erloschen, die Hoffnung auch. Über die Kirche legt sich Mehltau. Gärtner wissen, was dann passiert: Die Blätter verfärben sich und vertrocknen.