Eklatante Mängel: In einer Studie bezweifelten Experten die Sicherheit des AKW Krümmel. Die Aufsicht wusste Bescheid - und ließ den Meiler trotzdem wochenlang ans Netz.
Die Liste der Kritikpunkte ist lang. Von Defiziten in der Organisation ist da die Rede, von mangelnder Lernbereitschaft und von unklaren Anweisungen - und selbst ein Blick ins so wichtige Betriebshandbuch wurde nur als unverbindliche Empfehlung ausgegeben.
Pannen-Atomkraftwerk Krümmel: Kurzzeitig am Netz - obwohl die Atomaufsicht über eklatante Mängel informiert war. (© Foto: dpa)
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Verfasst hat diese Liste das renommierte Öko Institut mit Sitz in Freiburg - und was da so harsch kritisiert wird, sind die Sicherheitsrichtlinien im umstrittenen Kernreaktor Krümmel. Nach dem Trafo-Brand am 28. Juni 2007 hatte das für die Atomaufsicht zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium die Öko-Experten beauftragt, die Aufarbeitung des Ereignisses durch den Betreiber Vattenfall zu bewerten.
Doch trotz deren Sicherheitsbedenken durfte das Atomkraftwerk im Juni dieses Jahres nach zweijähriger Pause wieder ans Netz. Pikant dabei: Der Atomaufsicht war die Mängelliste offenbar bekannt, berichtet das Nachrichtenmagazin Spiegel. Das Magazin beruft sich dabei auf vertrauliche Unterlagen und Gutachten. Im für die Atomaufsicht zuständigen Kieler Sozialministerium war zunächst niemand für eine Stellungnahme erreichbar.
Mangelhafte Lernbereitschaft
Besonders der Bereich "Organisation und Kommunikation" wies offenbar gravierende Defizite auf. Insgesamt müsse man davon ausgehen, "dass bisher der Erfahrungsrückfluss und die Erfahrungsauswertung im Kernkraftwerk Krümmel unzureichend gepflegt" wurden, berichtet das Magazin und zitiert: "Dies kann maßgeblichen Einfluss auf die Sicherheitslage haben."
Zudem monierten die Prüfer dem Bericht zufolge eine generell mangelhafte Lernbereitschaft beim Kraftwerkspersonal. Die von Vattenfall nach dem Brand in einem "Maßnahmenpaket" vorgeschlagenen Änderungen im Bereich der "Organisation und Kommunikation" seien, "gemessen an den vorliegenden Erkenntnissen, unvollständig".
Die Gutachter empfahlen demnach "ein funktionsfähiges Sicherheitsmanagementsystem" aufzubauen. Der Betreiber solle der Atomaufsicht umgehend ein Konzept für dessen "zeitnahe Implementierung" vorlegen. Noch vor dem Wiederanfahren der Anlage müsse "belastbar gezeigt werden, dass der Aufbau" eines Sicherheitsmanagementsystems "angegangen und weiterverfolgt wird".
Ein wichtiger Baustein eines solchen Systems sei die korrekte Benutzung des Betriebshandbuchs. Im Gutachten des Öko-Instituts aus dem Oktober 2007 heißt es demnach: "Wir halten es für erforderlich, dass klar herausgearbeitet wird, in welchen Situationen und ab welchem Zeitpunkt der zwingende Abgleich der Planungen und Handlungen mit dem Betriebshandbuch (BHB) erforderlich ist."
Kurzzeitig am Netz
Denn der Blick ins Handbuch, das hatte das Kommunikationschaos in Krümmel während des Trafo-Brands gezeigt, gelte in Krümmel offenbar nur als unverbindliche Empfehlung, schreibt der Spiegel weiter.
In ihrer Stellungnahme zum Stand der Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen von Ende Mai 2009 monieren die Gutachter: "Die vom Kernkraftwerk Krümmel vorgeschlagene Anweisung ist unklar. Insbesondere fehlt eine hinreichend klare und abprüfbare Definition, wann direkt Gebrauch vom BHB zu machen ist." Zum Thema "Anfahrrelevanz" merken die Gutachter an: "Kann voraussichtlich vor Wiederanfahren nicht geklärt werden."
Am 19. Juni ging das Kernkraftwerk Krümmel dennoch wieder ans Netz. Nach mehreren Problemen wurde der Reaktor schließlich am 4. Juli wegen einer Störung in einem der beiden Maschinentransformatoren per Schnellabschaltung vom Netz genommen und ist bis heute abgeschaltet.
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(sueddeutsche.de/AP/tob/grc)
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