Pannen in deutschen Meilern Atomkraft, na bitte

Mittlerweile sind schon sieben Reaktoren abgeschaltet - und es zeigt sich: Die Lichter gehen dadurch noch lange nicht aus. Die Anti-Atom-Bewegung frohlockt schon einmal.

Von Michael Bauchmüller

Nie war die Anti-Atom-Bewegung den deutschen Stromkonzernen so dankbar wie heute. "Wenn die in dem Tempo weitermachen", frohlockt Jochen Stay von der Anti-Castor-Gruppe "x-tausendmal quer", "dann sind bis zur Bundestagswahl sämtliche Atomkraftwerke abgeschaltet."

Für die Gegner der Kernkraft ist die Sieben eine magische Zahl. So viele Kraftwerke sollen in der kommenden Legislaturperiode abgeschaltet werden.

(Foto: Archiv-Foto: dpa)

Erst war es nur der Geesthachter Reaktor Krümmel, abgeschaltet nach einem Kurzschluss im Transformator. Der gibt den Strom ans Netz weiter, versorgt aber auch den Reaktor selbst.

Jetzt sind noch die Kernkraftwerke Emsland (Problem am Transformator) und Philippsburg 2 (dito) vom Netz. Und das ist lange nicht alles.

Biblis A, der älteste deutsche Reaktor, steht schon seit Monaten für eine Revision still - anfahren will Betreiber RWE ihn vorsichtshalber erst ein paar Tage nach der Bundestagswahl, am 30. September.

Der Nachbarreaktor Biblis B, der ursprünglich am vorvergangenen Wochenende wieder angeworfen werden sollte, wird kurzfristig nachgerüstet, um möglicher Kritik der Atomaufseher im Bundesumweltministerium zu entgehen. Das kann Monate dauern.

Das Vattenfall-Kraftwerk Brunsbüttel steht seit einer Panne im Sommer 2007 still, auf unbestimmte Zeit, die Arbeiten laufen noch. Damit nicht genug; Eon hat vor gut einer Woche seinen bayerischen Reaktor Isar 2 vom Netz getrennt, zur planmäßigen Revision.

Mehr als 9000 Megawatt Kapazität liegen brach, fast die Hälfte der Leistung aller deutschen Atomkraftwerke. Sieben von 17 deutschen Reaktoren liefern keinen Strom. So viel Stillstand war selten.

Für die Gegner der Kernkraft ist die Sieben eine Art magische Zahl. So viele Kraftwerke sollen in der kommenden Legislaturperiode abgeschaltet werden, - zumindest dann, wenn es beim vereinbarten Ausstieg bleibt. In Neckarwestheim, Biblis A und B reicht die restliche Strommenge gerade mal bis Ende kommenden Jahres.

Der fröhliche Minister

Gelingt es, auf sieben Kraftwerke problemlos zu verzichten, wäre zumindest ein erster Beweis erbracht: Die Lichter gehen dadurch noch lange nicht aus.

"Das zeigt: Wir brauchen die Atomkraft nicht", sagt fröhlich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der doch mit dem Thema so gerne Wählerstimmen gewinnen möchte.

"Angesichts dieser Pannenserie sollte endlich auch die Kanzlerin ihre Position zur Hochrisiko-Technologie Atomkraft überdenken." Aus Gabriels Sicht schickt der Himmel die Stillstände.

Die Aufräumarbeit wird anderswo gemacht: in den Leitwarten der vier deutschen Übertragungsnetze. Sie müssen nun das Defizit ausgleichen - und sind doch bisher entspannt.

"Die Kollegen in Brauweiler sehen keine Gefahr im Verzug", sagt ein Sprecher der RWE-Netztochter, die in der Nähe von Köln die größte deutsche Netzwarte betreibt.

Auch bei Vattenfall hält sich die Nervosität in Grenzen. Engpässe? "Das Problem stellt sich nicht heute und nicht morgen", sagt eine Sprecherin. Im Zweifelsfall würden solche Lücken über das europäische Netz ausgeglichen.

Aus dem baden-württembergischen EnBW-Netz floss am Samstag zur Spitzenzeit sogar mehr Strom nach Frankreich als umgekehrt. Der Import-Bedarf Frankreichs dürfte angesichts großer Hitze noch steigen. Werden die Flüsse wärmer, müssen auch Akws gedrosselt werden, die sich nicht mehr ausreichend kühlen lassen.

Zumindest in Norddeutschland weht derweil eine frische Brise. Bis zu 5000 Megawatt Strom könnte sie Prognosen zufolge kommende Woche liefern - per Windkraft.