Palästinenser Warum die Hamas nun mit Islamisten kämpft

Mitglieder des "Islamischen Dschihads" bei einem Protest im Gaza-Streifen - vielen Extremisten ist der neue Kurs der Hamas zu sanft.

(Foto: Mohammed Abed/AFP)
  • Die ehemals radikale Palästinenserorganistation Hamas wird zunehmend moderater - auch um der PLO beitreten zu können.
  • Die Lücke im extremen Spektrum versucht unter anderem der "Islamische Dschihad" zu schließen.
  • Auf einer PLO-Sitzung sollte eigentlich das künftige Vorgehen abgesprochen werden. Die Hamas sagte die Teilnahme daran aber am Samstag ab.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Früher war alles übersichtlicher: Wenn eine Rakete aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert wurde, dann steckte die Hamas dahinter. Die israelische Armee macht auch jetzt noch offiziell die seit zehn Jahren regierende radikalislamische Organisation für die Abschüsse verantwortlich und reagiert nach bekanntem Muster: Mehr als 30 Raketen wurden seit der am 6. Dezember erfolgten Erklärung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, Richtung Israel geschossen. Israel feuerte mehr als 40 Mal zurück.

Aber sogar Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman räumt ein, dass nicht die Hamas hinter den Raketensalven steckt, sondern sogar Anstrengungen unternimmt, die Angriffe auf Israel zu unterbinden. Die Hamas hat Israel über diverse Kanäle, auch ägyptische Geheimdienstkreise, die Botschaft zukommen lassen, dass man keine Eskalation vorhabe.

Besonders eine Gruppe macht der Hamas Konkurrenz

Die Hamas wird zwar als radikalislamistische Organisation beschrieben, aber inzwischen gibt es noch weitaus radikalere Gruppierungen, die sich den Anordnungen der bisherigen Herrscher im Gazastreifen nicht mehr unterordnen wollen. Die Hamas hat in den vergangenen Wochen Dutzende salafistische Militante im Gazastreifen festgenommen, es soll auch zu Folterungen gekommen sein. Wer eine solche Behandlung erfahren habe, werde sich nicht mehr in Opposition zur Hamas begeben, meint selbst der israelische Verteidigungsminister.

Aber diese Maßnahmen haben nicht alle abgeschreckt und die Angriffe nicht vollkommen unterbunden. Während die meisten Raketenangriffe bis dahin in den Nachtstunden erfolgten, wurde vor zwei Wochen erstmals zu Mittag ein Geschoss abgefeuert - noch dazu auf ein konkretes Ziel. Im Visier war eine auch von hochrangigen Politikern besuchte Gedenkveranstaltung für den israelischen Soldaten Oron Shaul, dessen Leiche sich seit dem Krieg 2014 im Gazastreifen befindet. Eine Untersuchung ergab, dass die Rakete aus Iran stammte und nach israelischen Erkenntnissen vom Islamischen Dschihad abgefeuert worden ist.

Das ist die größte Gruppe, die der Hamas im Gazastreifen Konkurrenz macht. Seit die Hamas das Versöhnungsabkommen mit der Fatah im Oktober unter Ägyptens Vermittlung abgeschlossen hat, tritt der Islamische Dschihad massiv in der Öffentlichkeit auf. Bilder ihrer "Märtyrer" und Kampfparolen sind häufiger als jene der Hamas auf den Straßen zu sehen.

Teil des Abkommens ist, die Regierungsgeschäfte nach mehr als zehn Jahren an die von der Fatah dominierten palästinensische Autonomiebehörde zu übertragen. Der Prozess läuft auch deshalb schleppend, weil sich die Hamas bisher geweigert hat, Waffen abzugeben. Laut einem bisher nicht dementierten Bericht der panarabische Zeitung Al Hayat soll sich die Hamas nun dazu bereit erklärt haben, wenn sie im Gegenzug der palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) beitreten darf.

Ein Konflikt, der nur Verlierer kennt

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Die PLO ist die Dachorganisation verschiedener Fraktionen, die die Vertretung aller Palästinenser, auch der im arabischen und im nichtmuslimischen Exil, anstrebt. Die weitaus stärkste Fraktion ist die Fatah. Weder Hamas noch Islamischer Dschihad oder salafistische Gruppierungen erkennen die PLO an.

Am Sonntag beginnt eine zweitägige Sitzung der PLO, auf der etwa 80 Delegierte Reaktionen auf die Jerusalem-Erklärung beraten. Diskutiert wird unter anderem ein völliger Abbruch der Beziehungen zu Israel. Die Hamas wurde dazu eingeladen, sagte die eigentlich schon beschlossene Teilnahme als Beobachter aber am Samstag ab. In einer Stellungnahme am Samstag zweifelte die Organisation laut der Nachrichtenagentur AFP daran, dass bei dem Treffen zufriedenstellende Ergebnisse erzielt werden könnten.

Ein PLO-Funktionär sagt, die Hamas befinde sich "in einem Selbstfindungsprozess"

Denn der neue moderate Kurs ist innerhalb der Hamas durchaus umstritten. Von außen wird die Hamas bereits als Verräterin beschimpft. Seit einer Woche kursiert im Internet ein Video, das die Exekution eines Hamas-Angehörigen durch Anhänger des Ablegers der Terrormiliz Islamischer Staat im Sinai zeigt. Er soll Waffen durch den Sinai in den angrenzenden Gazastreifen geschmuggelt haben. In dem Video kritisiert der IS die Hamas dafür, dass sie sich in einem Manifest vom Antisemitismus abgewandt habe und "nur noch Juden bekämpft, die palästinensisches Land besetzen".

Der IS wirft der Hamas vor, sich dem Westen anzunähern. Damit einher geht die Annäherung der Hamas an das Militärregime in Ägypten, das den IS auf dem Sinai bekämpft und auch der Muslimbruderschaft den Krieg erklärt hat. Dabei gilt die Hamas als deren palästinensischer Arm.

Einige der im Westjordanland und im Gazastreifen aktiven islamistischen Gruppierungen arbeiten mit dem IS zusammen, vor allem die Ansar al-Dawla al-Islamiya, die "Unterstützer des Islamischen Staates". Gegen diese Organisation geht die Hamas immer wieder mit Razzien vor. Im vergangenen Mai legten Hamas-Kämpfer einer ihrer Moscheen in Schutt und Asche. Die Hamas erschoss auch einen Führer der Omar-Hadid-Brigaden, die dem IS nahestehen.

Wie die eigenen etwa 25 000 Kämpfer der Kassam-Brigaden auf das Angebot, Waffen abzugeben, reagieren werden, ist noch nicht klar. Die Hamas sendet auch widersprüchliche Signale Richtung Israel, indem sie etwa die Ermordung des jüdischen Siedlers am Dienstag als "heroische Tat" bezeichnete. Nach Einschätzung eines PLO-Funktionärs befindet sich die Hamas derzeit "in einem Selbstfindungsprozess". Vom Verlauf des PLO-Treffens und Israels Reaktionen hängt seiner Einschätzung nach auch ab, ob die Hamas-Führung ihren moderaten Kurs fortsetzt.

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