Palästina Neue Fronten im eigenen Haus

Ein Jahr nach Ende des Gaza-Kriegs kommt der Wiederaufbau nicht voran. Innerhalb der palästinensischen Führung toben heftige Richtungskämpfe.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Zum Gedenken ist wieder mal keine Zeit. An diesem Mittwoch vor einem Jahr fand nach 50 Tagen der Krieg um Gaza sein Ende. Seitdem schweigen die Waffen, meistens jedenfalls, doch gekämpft wird nun an neuen Fronten. Israel ist ausnahmsweise außen vor, und auch der inner-palästinensische Dauerkonflikt zwischen der Hamas und der Fatah bestimmt längst schon nicht mehr die Agenda. Vielmehr sind in beiden palästinensischen Lagern hinter den Kulissen heftige Macht- und Richtungskämpfe entbrannt. Im Westjordanland ringt Präsident Mahmud Abbas um seine politische Zukunft, vielleicht schon um sein Erbe. Und im Gazastreifen tut sich ein Graben auf zwischen der politischen Führung der Hamas und den Kämpfern der Kassam-Brigaden.

Zunächst zu Gaza: Wieder einmal steht die Hamas hier mit dem Rücken zur Wand. Der Wiederaufbau kommt nicht voran, die Herrscher agieren ohne Plan, und die Wut der Menschen wächst. Als Ausweg wurde in der Vergangenheit in solcher Lage stets die Konzentration aufs Kerngeschäft gewählt: Mit Raketen auf Israel präsentierte sich die Hamas dem Volk als Kraft des Widerstands - in der Gewissheit, dass im Krieg jede Kritik verstummt. Der alten Logik folgend rüsten sich die Kassam-Brigaden also mit Tunnelbau und Taucher-Kommandos bereits für die nächste Runde der Kämpfe. Waffenhilfe aus Iran ist dabei ausdrücklich willkommen.

Die politische Führung der Hamas scheint nun aber einen andern Weg einschlagen zu wollen - den der Diplomatie. Ungefragt berichtete der Exil-Führer Khaled Meschal jüngst von positiven Kontakten zu Israel auf dem Weg zu einer dauerhaften Waffenruhe. Zuvor schon hatte Israels Regierung Verhandlungen mit der Hamas so deutlich dementiert, dass dies verdächtig war. Als Vermittler sollen neben dem britischen Ex-Premier Tony Blair vor allem die Saudis im Einsatz sein. Um deren Gunst warb Meschal gerade erst bei einem Treffen mit König Salman. Seine Reise nach Riad durfte auch als Abkehr der Hamas-Führung vom früheren Sponsor Iran verstanden werden.

Die Rücktrittsgedanken von Mahmoud Abbas nimmt niemand richtig ernst

Doch nicht nur die Hamas lotet neue Allianzen aus, auch der im Westjordanland regierende Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas sucht neue Wege aus seiner wachsenden Bedrängnis. Zunächst überraschte er durch die Ankündigung, demnächst nach Teheran reisen zu wollen. Ärgern will er damit wohl gleichermaßen Israel und die Hamas. Ein Termin steht allerdings noch in den Sternen, offenbar war man auch in Teheran überrascht.

Wichtiger als die von Abbas stets geliebte, rege Reisetätigkeit scheint jedoch derzeit ohnehin die Bestellung des eigenen Hauses in Ramallah zu sein, wo sich die kritischen Stimmen mehren. Seine Amtsmüdigkeit kultiviert der mittlerweile 80-jährige Abbas ja seit Jahren - und dennoch wird sein nun angekündigter Rücktritt als Chef der PLO kaum ernst genommen. Vielmehr wird darin ein Manöver gesehen, mit dem Abbas bei der fälligen Neuwahl der PLO-Spitze nicht nur selber gestärkt weitermachen, sondern auch ein paar lästige Kritiker loswerden könnte.

Das Volk übrigens spielt bei all den Machtspielen in Gaza und im Westjordanland keine Rolle. Von den so oft schon angekündigten Wahlen redet derzeit niemand mehr.