Von Von Manuela Kessler

Präsident Musharraf, der den geständigen Atomwissenschaftler Kahn begnadigt hat, wäscht sich selbst beim Atomschmuggel rein - und Washington hilft dabei.

Pervez Musharraf ist ein begnadeter Schauspieler. Tränen standen dem General in den Augen, so wird aus Islamabad berichtet, als er Abdul Qadeer Khan mit den Beweisen der Internationalen Atomenergiebehörde konfrontierte.

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Die Fakten aus Iran und Libyen ließen keinen Raum für Zweifel: Der so genannte Vater der pakistanischen Atombombe zog die Fäden im weltumspannenden Netz der nuklearen Waffenschmuggler. Niederträchtig, erklärt Pakistans Präsident und Militärchef im Brustton des Entsetzens, habe der Wissenschafter die Regierung und die Streitkräfte hintergangen, 15 Jahre lang.

Ein skrupelloser Volkshelden

Das ist eine Lüge. Zunächst einmal ist es schon früher klar gewesen, dass Khan, dieser zum Volkshelden aufgestiegene Bombenbastler, völlig skrupellos ist. Den Grundstein zum pakistanischen Atomwaffenprogramm legte er mit Plänen zur Anreicherung von Uran, die er 1976 vom europäischen Konsortium Urenco abgestaubt hatte.

Die Sprengköpfe für die nukleare Bombe, die Islamabad 1998 testete, lieferte das befreundete China. Die Trägerraketen wurden von Nordkorea erworben im Tausch gegen Anlagen zur Atomanreicherung. Das sind die "Erfindungen", die Khan für sich in Anspruch nimmt und die ihn zum pakistanischen Nationalhelden machten. Seine Machenschaften waren der Staatsführung in Islamabad seit jeher dienlich, und die USA schauten darüber jahrzehntelang hinweg, weil sie Pakistan als Verbündeten brauchten in den Afghanistan-Kriegen.

Lug und Trug haben System im Atomwaffenprogramm des südasiatischen Landes. Verantwortung dafür tragen alle Politiker und Militärs, die während der mehr als drei Jahrzehnte, in denen Khan an der Bombe bastelte, führende Positionen besetzten. Auch Präsident Musharraf selbst. Als zum Beispiel das Tauschgeschäft mit Nordkorea 1994 anlief, gehörte er bereits dem Generalstab an. Vier Jahre später stieg er zum Militärchef auf.

Persönlich kümmerte er sich um die aus Nordkorea stammenden und auf den pakistanischen Namen Ghauri umgetauften Trägerraketen für die nuklearen Sprengköpfe. Mit einem Putsch übernahm Musharraf 1999 die Macht - und der nukleare Waffenschmuggel lief, all seinen anders lautenden Beteuerungen zum Trotz, ungebremst weiter. Vor vier Monaten erst konfiszierte der amerikanische Geheimdienst die letzte Lieferung nach Libyen.

All das wollte General Musharraf nicht in einem Gerichtsprozess breittreten lassen. Die Belege der Internationalen Atomenergiebehörde könnten ihn selbst schwer belasten. Politischer Überlebenskünstler, der er ist, fand er jedoch einen Ausweg. Der religiöse Fanatismus in seinem Land, den er als US-Verbündeter angeblich entschieden bekämpft, kam ihm einmal mehr zu Hilfe.

Er argumentiert also nun, dass die Atombombe der ganze Stolz der Islamischen Republik Pakistan ist - folglich ist die nukleare Schlagkraft der Mehrheit der Bevölkerung heilig. Und so würde es einen Volksaufstand heraufbeschwören, wenn die Drahtzieher des weltweiten Atomwaffenschmuggels belangt würden. Khan also wurde begnadigt.

Die USA boten sogar ihre Unterstützung an bei diesem Kurs. Einmal mehr. Musharraf ist der einzige Verbündete, den die amerikanische Regierung in Pakistan zu haben glaubt. Er soll nun den Waffenschmuggel unterbinden. Das ist realpolitisch gedacht und erfordert zur Umsetzung eine gewaltige Inszenierung: Musharraf gab daher den Saubermann, der aufräumt, und Khan hielt als Sündenbock her.

Glaubwürdigkeit Musharrafs hat Schaden genommen

Die Glaubwürdigkeit Musharrafs jedoch hat durch diese trübe Affäre einmal mehr Schaden genommen. Auf sein Wort, Islamabad werde seine Atommacht in Zukunft verantwortungsvoll ausüben, ist kein Verlass. Andere Garantien aber gibt es nicht. Das Atomwaffenprogramm entzieht er weiterhin der Kontrolle durch die UN. Pakistan bleibt ein nukleares Risiko, und die US-Regierung gibt dazu ihren Segen.

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(SZ vom 7.2.2994)