In den pakistanischen Stammesgebieten ist die Armee dem Kampf gegen die Taliban nicht gewachsen. Nun sollen Milizen das Volk vor den Extremisten schützen.
Im schroffen Bezirk Bajaur, einem Terrain vieler Kriege und politischer Wirren an der unübersichtlichen Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan, entscheidet sich gerade das Schicksal Pakistans - und vielleicht auch jenes Afghanistans. Dieser Ansicht sind jedenfalls die Militärexperten. Seit August führt die pakistanische Armee in dem kleinen Distrikt in den halb autonomen Stammesgebieten eine Großoffensive gegen islamische Extremisten.
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In den pakistanischen Stammesgebieten nehmen immer mehr Dorfmilizen den Schutz gegen die Taliban in die Hand. (© Foto: AFP)
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Die Region galt bisher als Zufluchtsort und als Trainingscamp für Aufständische, für pakistanische und afghanische Taliban und für deren verbündete Kämpfer von Osama bin Ladens Organisation al-Qaida. Letztere stammen mehrheitlich aus der arabischen Welt sowie aus Usbekistan, Tadschikistan, Tschetschenien und wohl auch aus Südostasien.
Verliert die Armee diese Schlacht, muss befürchtet werden, dass sich die Extremisten auch in den sechs anderen Bezirken der sogenannten Federally Administered Tribal Areas (Fata) durchsetzen können, vor allem in Nord- und Süd-Wasiristan, und ihren Einfluss über die Stammesgebiete hinaus ausweiten. Dann droht Pakistan, einem der wichtigsten Schauplätze im Kampf gegen den Terrorismus, eine Talibanisierung - und eine Balkanisierung.
Die Amerikaner fürchten den Zerfall des Landes
Dieses Szenario hatte US-General David Petraeus im Kopf, der ehemalige Oberbefehlshaber im Irak und nun Chef des für Afghanistan zuständigen Regionalkommandos, als er zu Wochenbeginn in London sagte, die Existenz Pakistans sei in Gefahr. Der Fall Bajaurs wäre ein untrügliches Signal dafür.
Tausend Extremisten seien in den vergangenen Wochen getötet worden, behauptet die Armee, etwa sechzig Soldaten sollen gefallen sein. Die Zahlen sind nicht überprüfbar. Sie könnten Propaganda sein und dazu dienen, die alliierten Amerikaner zu beruhigen, die schon lange zweifeln an der Entschlossenheit der Pakistaner im Kampf gegen den Extremismus und immer öfter eigenmächtig Angriffe lancieren gegen mutmaßliche Terroristen auf pakistanischem Boden.
Nun gibt sich US-Verteidigungsminister Robert Gates plötzlich wieder "ermutigt" über die Operation in Bajaur. Offenbar auch auf Druck der USA hat Pakistan den Chef des Geheimdienstes ausgewechselt. General Ahmed Shujaa Pasha löst Nadeem Taj ab, der weniger als ein Jahr im Amt war.
Die Offensive des pakistanischen Militärs hat schon Zehntausende Bewohner in die Flucht getrieben. Viele von ihnen haben aus Angst vor den Luftangriffen die Grenze überquert und wohnen in Flüchtlingslagern in der afghanischen Provinz Kunar. Das Militär setzt Kampfhubschrauber, Jets, Panzer und schwere Artillerie ein. Die Armee ist weder ausgebildet noch ausgerüstet für einen Guerillakrieg am Boden, wie ihn die Taliban und al-Qaida fechten wollen.
Ihre Programme sind hauptsächlich nach den Erfordernissen ausgerichtet, die ein konventioneller Krieg gegen den Erzrivalen Indien an sie stellen würde. Die Pakistaner fordern denn auch von ihren US-Verbündeten moderneres Material an, um ihren Kampf effizienter führen zu können. Dazu gehören zum Beispiel auch Nachtsichtgeräte.
Zu Beginn der Offensive in Bajaur hatte die Armee versucht, die Taliban am Boden zurückzudrängen. Die Extremisten hatten einen strategisch wichtigen Grenzübergang auf der Achse von Islamabad nach Kabul unter ihre Kontrolle gebracht. Doch als die Armee bemerkte, dass die Taliban über modernere Waffen und Kommunikationsmittel verfügten als sie selbst und ihren Truppen damit stark zusetzen konnten, zog sie sich schnell wieder zurück und schoss fortan nur noch aus der Distanz und aus der Luft.
Die Religionspolitik der Taliban geht den Stämmen zu weit
Binnen sechs Wochen, so hofft die pakistanische Regierung, soll die Schlacht von Bajaur trotz aller Widrigkeit gewonnen sein. Und mit ihr womöglich auch der "Kampf um die Köpfe und Herzen" der Stammesbevölkerung. Darum geht es. Der pakistanische Zentralstaat versucht mit aller Macht, zu verhindern, dass sich die Stämme in der Grenzregion hinter die Extremisten stellen.
Die Taliban behaupten, dies sei bereits so. Doch auch das könnte Propaganda sein. Viele der 3,5 Millionen Bewohner im armen, zurückgebliebenen paschtunischen Stammesgürtel, wo nur sechs Prozent der Menschen lesen können, sind zwar verärgert über die pakistanische Regierung. Sie werfen ihr vor, dass sie sie nicht genügend beschützt und finanziell unterstützt. Es beseelt die meisten auch eine tiefe Abneigung gegen die USA und den Westen allgemein. Doch noch mehr fürchten sie die Taliban, die versuchen, die traditionellen Machtstrukturen aufzulösen und selbst zu regieren.
Auch ideologisch passen sie nicht zusammen. Die lokale Bevölkerung gilt zwar als streng gläubig. Doch die fundamentalistische Sittenlehre der Taliban und die brutalen Methoden zu deren Durchsetzung gehen vielen zu weit. In den vergangenen Monaten haben Extremisten hunderte Mädchenschulen niedergebrannt, weil sie meinen, Mädchen sollten nicht zur Schule gehen. Metzger, die Vieh nicht nach Vorschriften des Koran schlachteten, wurden öffentlich ausgepeitscht.
Einige Stämme in Bajaur und in Khyber haben schon reagiert und Milizen aufgebaut, die die Bevölkerung vor den Taliban und vor al-Qaida schützen sollen. Die Zeitung The News schreibt dazu: "Diese Gruppen müssen unterstützt werden, auch wenn sie zur Gewalt beitragen. Das unmittelbare Ziel ist es, die Extremisten zu besiegen." Der Zentralstaat scheint dazu alleine nicht mehr in der Lage zu sein.
(SZ vom 01.10.2008/woja)