Pakistan Pakistanische Studenten lynchen Kommilitonen

Der Blasphemie-Vorwurf reicht in der islamischen Republik oft aus, um Menschen zu Gejagten zu machen. Kritiker dringen auf Reformen.

Von Arne Perras, Singapur

Am Abend sprach Ziaullah Hamdard in die pakistanischen Fernsehkameras, er habe seit vier Tagen kaum noch geschlafen. Der Universitätsdozent entschuldigte sich vor den Eltern des Toten und der ganzen Nation dafür, dass er seinen Schüler nicht habe retten können. Mashal Khan, 23-jähriger Journalismus-Student, kam am Donnerstag auf grauenvolle Weise ums Leben. Ein Mob lynchte ihn auf dem Campus von Mardan, im Nordwesten Pakistans. Anfangs hieß es, die wütende Menge habe ihn gerichtet, weil Khan ein Gotteslästerer gewesen sei.

Der Mob, darunter auch zahlreiche Mitstudenten, hatte das Wohnzimmer des Studenten gestürmt, ihn aus seinem Zimmer gezerrt, ausgezogen, auf ihn eingeprügelt und ihn vom zweiten Stock hinunter in den Hof geworfen, wie pakistanische Medien berichteten. Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab später außerdem, dass auf Khan zwei tödliche Schüsse abgefeuert worden waren.

Wer in Pakistan dem Vorwurf der Blasphemie ausgesetzt ist, wird schnell zum Gejagten. Lynchjustiz wie im Falle des Studenten Khan gibt es immer wieder. Der pakistanische Staat wirkt dabei so ohnmächtig wie der schlaflose Dozent Hamdard oder der Polizeichef der Nordwestprovinz Khyber Pakhtunkhwa: "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte er vor lokalen Journalisten. Indizien, dass Khan sich der Gottlästerung schuldig gemacht haben könnte, haben die Ermittler nicht gefunden. Das Gerücht reichte schon aus, um Zorn auf dem Campus zu schüren und die Hetzjagd auf Khan auszulösen.

Doch wer hat zu dieser Bluttat angestiftet, wer die Gerüchte gestreut? Wer wollte den Tod des Studenten? Und warum? Bewiesen ist bislang nichts, doch gerät die Leitung der Universität nun zunehmend unter Druck, nachdem bekannt wurde, dass Khan sie kurz vor seinem Tod wegen schlechten Managements und anderer angeblicher Verfehlungen heftig öffentlich angegriffen hatte. Ein Freund des Getöteten erhob den Vorwurf, dass die Hintermänner der Tat in der Universitätsverwaltung zu suchen seien. Die Polizei bestätigte, dass sie 22 Verdächtige festgenommen hat, darunter sechs Angestellte der Uni.

Der Akademiker Hamdard erklärte inzwischen seinen Austritt aus der Abdul Wali Khan University, auch er glaubt daran, dass die Administration in den Fall verstrickt ist. Über seinen ermordeten Schüler Khan sagte er dem Sender GEO TV: "Er war ein Humanist. Er interessiert sich für Sozialismus und Sufismus. Ich habe ihn nie ohne ein Buch in der Hand gesehen."

Bilder vom verwüsteten Zimmer des Studenten zeigten Poster von Marx und Che Guevara. An die Wand hatte er den Spruch geheftet: "Sei neugierig und verrückt." Ein Lehrer beschrieb ihn als leidenschaftlichen und wissbegierigen Menschen. Oft habe er gehört, wie Khan über das politische System schimpfte, aber nie über religiöse Dinge.

Am Tag des Mordes hörte sein Professor davon, dass Khan und einige andere be-schuldigt würden, sie hätten den Propheten beleidigt. Außerdem mutmaßten manche, der Student mit dem Marx-Poster müsse ein russischer Spion sein. Hamdard ahnte, dass sich Bedrohliches zusammen-braute, doch er konnte Khan nicht mehr helfen, wütende Studenten hatten den Dozenten in ein Zimmer eingesperrt, während sie nach Khan suchten.

"Die Unfähigkeit des Staates, Mashal Kahn zu schützen, hat große Panik ausgelöst."

Die pakistanische Nationalversammlung verbreitete eine Erklärung, in der es hieß: "Dieses Haus verurteilt den barbarischen und kaltblütigen Mord an Mashal Khan." Gleichzeitig rückte aber auch das drakonische Blasphemie-Gesetz in den Blick, das die Politiker trotz mancher Debatte bisher nicht reformiert haben. Wer den Islam in Pakistan beleidigt, kann mit dem Tode bestraft werden. Das nutzen nun auch jene als Rechtfertigung, die das Recht lieber selbst in die Hand nehmen wollen. Kritiker sind überzeugt, das drakonische Gesetz fördere religiösen Fanatismus und ermuntere zur Lynchjustiz. Sicher ist: Wer immer in Pakistan einen Gegner aus dem Weg räumen will, kann einen Vorwurf der Gotteslästerung leicht fabrizieren und damit Stimmung gegen Einzelne machen. Der Zorn des Mobs wird dem Verdächtigten dann rasch zum Verhängnis, wie der Mord auf dem Campus zeigt.

Die pakistanische Menschenrechtskommission fordert, dass die Verantwortlichen jetzt keinesfalls straflos davonkommen dürften. Sonst würde sich die Barbarei nur weiter ausbreiten. "Die Unfähigkeit des Staates, das Leben von Mashal Khan zu schützen, hat große Panik und Horror unter den Studenten ausgelöst."