Von Tobias Matern, Lahore

Mit aller Härte geht die pakistanische Armee gegen die Taliban im Swat-Tal vor - mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Hunderttausende sind auf der Flucht.

Es galt als eine der schönsten Gegenden des Landes, als die "Schweiz Pakistans". Dann kamen die Taliban. Die selbsternannten Gotteskrieger haben das Swat-Tal in der Nähe zur afghanischen Grenze jüngst übernommen - mit Genehmigung der Regierung in Islamabad, die durch einen Friedensvertrag den Vormarsch der Extremisten stoppen wollte.

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Pakistan: Die jüngsten Gefechte im Swat-Tal haben zu einer regelrechten Massenflucht geführt. (© Foto: Reuters)

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Nun wird diese malerische Gegend von heftigen Kämpfen bestimmt, der Deal gilt als gescheitert, Zehntausende Pakistaner verlassen die Region in Panik. Die Taliban nahmen nach Augenzeugenberichten in den vergangenen Tagen Anwohner als Geiseln und hinderten sie an der Flucht.

Schon zuvor waren grausame Bilder aus der Gegend gekommen: Die Extremisten köpften Sicherheitskräfte, die sich ihnen widersetzten, sie zerstörten Mädchenschulen, sie peitschten Menschen öffentlich aus, die sich angeblich unislamisch verhalten hatten.

Mit aller Härte geht die pakistanische Armee nun gegen die Taliban vor. Das Militär teilte am Mittwoch mit, es beschieße Stellungen der Extremisten im Swat-Tal. Kampfhubschrauber unterstützten die Bodentruppen. Beobachter in Pakistan bewerten die Vehemenz der Kämpfe als Beleg dafür, wie hochgerüstet die Taliban inzwischen sind.

Aus der Armee hieß es, bei Gefechten in der Region und angrenzenden Gegenden seien mehr als 60 Aufständische und drei Angehörige der Sicherheitskräfte ums Leben gekommen. Es war in pakistanischen Medien auch die Rede von 35 getöteten Zivilisten. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst aber nicht. Ein Sprecher der Taliban behauptete im Gespräch mit der Zeitung The News, die Kämpfer hätten 90 Prozent des Swat-Tals unter ihrer Kontrolle.

Im März hatte sich die pakistanische Regierung auf ein Abkommen mit den Taliban eingelassen, die ihren Einfluss im Grenzgebiet zu Afghanistan stetig ausweiten konnten. Die Militanten durften im Bezirk Malakand, zu der auch das Swat-Tal gehört, ihre radikale Version der Scharia einführen. In der Gegend leben 2,5 Millionen Menschen, das Gebiet ist etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen. .

Im Gegenzug sollten die Taliban eigentlich ihre Waffen niederlegen. Daran hielten sie sich allerdings nicht. Sie drangen vielmehr auch in den angrenzenden Distrik Buner vor, der nur 100 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt. Dies führte in den USA zu regelrechter Panik.

Die Regierung in Washington griff Pakistans zivile Führung - offiziell ein Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus - vehement an und erklärte öffentlich, Islamabad "kapituliere" vor den Taliban. Washington schürte zudem die Furcht, dass die geschätzten 100 nuklearen Sprengköpfe Pakistans in die Hände der Extremisten fallen könnten - aus US-Sicht ein Albtraum. Experten halten es allerdings für überaus unwahrscheinlich, dass die Extremisten kurz davor stehen, an die Nuklearwaffen zu gelangen.

Beobachter in Pakistan werten die jüngsten Kämpfe im Swat-Tal als Schachzug der als schwach empfundenen Regierung, um den Druck von Präsident Ali Asif Zardari während seines Besuchs in Washington zu nehmen. "Die Mehrheit hier hat das Gefühl, dass die Offensive eine Taktik ist, um Zardari im Gespräch mit US-Präsident Obama etwas Luft zum Atmen zu geben", sagte der politische Analyst Azmat Abbas.

Entscheidend sei nun aber, wie ernst es das Militär mit der Operation meine. Bislang habe weder die zivile Regierung noch das mächtige Armee-Establishment den Kampf gegen die Taliban ernsthaft zu Ende bringen wollen, sagte Abbas.

Die jüngsten Gefechte im Swat-Tal haben zu einer regelrechten Massenflucht geführt. "Wir mussten alles hinter uns lassen, wir mussten schnell fliehen, als die Gefechte ausbrachen", berichtete ein Mann aus der Region dem Nachrichtensender Dawnnews. Eine hochschwangere Frau sagte, sie wolle nicht, dass ihr noch ungeborenes Baby erleben müsse, was Selbstmordanschläge und Bombenangriffe bedeuteten. Daher hätte sie mit ihre Familie ihre Heimat und ihren Besitz hinter sich gelassen.

Die Regierung rechnet damit, dass sich die Lage in den kommenden Tagen weiter verschlechtern wird. Ein Minister in der Provinzhauptstadt Peschawar sagte, demnächst könnten bis zu einer Million Menschen aus der Region fliehen. "Wir versuchen nun mit allen Mitteln, ihnen zu helfen, aber die Regierung allein kann diese Herausforderung nicht meistern", sagte er und forderte die internationale Gemeinschaft auf, ihre Hilfe für Pakistan auszuweiten

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(SZ vom 07.05.2009)