Ein Kommentar von Tobias Matern

Die Atommacht Pakistan unter einem Taliban-Regime? Eine Horrorvorstellung im Westen. Nicht jedoch in Islamabad: Denn dort steht der Feind nach wie vor ganz woanders.

Die Angst geht um im Westen. Die Angst vor einem Nuklearstaat Pakistan, der in die Hände von Terroristen fällt, vor einer neuen Taliban-Herrschaft, die wie im Nachbarland Afghanistan in den neunziger Jahren ein Regime hervorbringt, das als Brutstätte für Anschläge wie am 11. September dient.

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Die pakistanische Gesellschaft steht vor einer Zerreißprobe. Hier wird gegen die Taliban demonstriert, dabei ist deren Gedankengut auch schon in den großen Städten angekommen. (© Foto: AFP)

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Die Regierung in Washington befürchtet ein Scheitern am Hindukusch - vor allem wegen der instabilen Lage in Pakistan und den dortigen Rückzugsgebieten der Extremisten. Bis auf 100 Kilometer sind die Taliban jüngst an die Hauptstadt Islamabad herangerückt. Sie wettern gegen die moderate muslimische Verfassung des Landes, sie nennen ihre radikale Version des Islam die beste Rache gegen die Demokratie, sie ermorden jeden, der sich ihnen widersetzt.

Die selbsternannten Gotteskrieger sind trotz ihres Vormarsches noch weit davon entfernt, den Sitz des Präsidenten im Herzen der Hauptstadt zu belagern, die Regierung in Islamabad zu stürzen und an die Nuklearwaffen zu gelangen. Aber das brauchen sie gar nicht, um ihre Macht zu beweisen.

Gesellschaft vor der Zerreißprobe

Schon jetzt stellen sie die pakistanische Gesellschaft vor eine Zerreißprobe. Ihre Ideologie haben sie tief im Bewusstsein des Landes verankert: Die Taliban bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs. Sie lähmen die Entwicklung, ihr Gedankengut ist selbst in den großen Städten angekommen. In vorauseilendem Gehorsam erhalten Sänger wegen angeblich obszöner Texte Auftrittsverbote. Mädchen dürfen nicht mehr in Jeans in die Schule kommen, Frauen in manchen Gebieten sich gar nicht mehr allein auf der Straße blicken lassen.

Glaube, Einheit, Disziplin. In diesem Dreiklang hat der in Pakistan noch immer verehrte Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah Pakistan einst erschaffen. All dies gerät ins Wanken. Der wahre, friedliche Glaube - weil die Taliban ihre pervertierte Form ungestört verbreiten können. Die Einheit - weil die Regierung den Extremisten ganze Landstriche überlässt. Die Disziplin - weil das mächtige Militärestablishment die Pakistaner nicht auf den Kampf gegen die Taliban als überwölbende Staatsräson einstimmt.

Die Armee spielt ein Doppelspiel. Im Moment verkündet sie jeden Tag ihre Erfolge im Kampf gegen die Extremisten, aber wirklich besiegen will sie diese nicht. Die ideologische Nähe zu den Taliban, die der pakistanische Geheimdienst unter kräftiger Mithilfe der USA in den Achtzigern für den Kampf gegen die Sowjetunion in Afghanistan päppelte, ist zum Teil noch immer vorhanden. Genau wie der dringende Wunsch, eine "strategische Reserve" zu behalten, um dem als übermächtig empfundenen Indien noch schaden zu können, wenn der Westen sich einmal aus Afghanistan zurückziehen sollte.

In weiten Teilen Pakistans gilt der große, demokratische Nachbar als zentraler Feind, nicht die Taliban. Diese Haltung geht zurück auf den überstürzten Rückzug der britischen Kolonialherren vom Subkontinent im Jahr 1947. Sogleich entstand damals auch Pakistan als eigener Staat für die Muslime. Mord und Vertreibung überschatteten die Geburtswehen.

Diese Wunde klafft mehr als 60 Jahre später in Pakistan noch so tief, dass es das Denken vieler Entscheidungsträger lenkt. Das von Misstrauen geprägte Verhältnis zu Indien ist der zentrale Grund dafür, dass Islamabad dem Drängen aus Washington, sich dem Feind im Inneren intensiver entgegenzustemmen, nicht immer entschieden nachgeht.

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  2. Gipfeltreffen in Washington
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