Ein Akt paschtunischer Rache: 400 Männer haben in Pakistan die Taliban angegriffen, um einen Anschlag auf eine Moschee zu vergelten.
Es war ein Akt paschtunischer Rache. Etwa 400 Männer des Volksstammes haben am Wochenende in Pakistan die Waffen gegen die Taliban ergriffen. Im instabilen Nordwesten des Landes seien dabei mindestens 13 Islamisten getötet worden, berichtete der pakistanische Nachrichtensender Geo TV. Die Dorfbewohner wollten damit einen Anschlag auf eine Moschee vergelten, bei dem am Freitag 49 Menschen ums Leben gekommen waren. "Wir sind nicht bereit, ihnen zu erlauben, ihren Terror hier zu entfalten", sagte ein Mann der Zeitung The News. Die Radikalen hätten viele Kinder auf dem Gewissen. "Wir werden weiter gegen die Taliban vorgehen, um den Tod unser Söhne zu sühnen", sagte der Mann.
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Etwa drei Millionen Pakistaner sind vor den Kämpfen zwischen Armee und Taliban geflüchtet. Dieser 80-jährige Mann hat in den überfüllten Zeltlagern keinen Platz gefunden. (© Foto: dpa)
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Die spontan entstandene Bürgerwehr habe drei Dörfer besetzt, berichtete ein Vertreter der Bezirksregierung nach Angaben der Nachrichtenagentur AP. Sie hätten außerdem versucht, Extremisten aus zwei weiteren Dörfern zu vertreiben. 20 Häuser, in denen sich Taliban-Kämpfer aufgehalten haben sollen, seien zerstört worden. Die Islamisten sind zum großen Teil selbst Paschtunen, die im unwegsamen Grenzgebiet zu Afghanistan ihre Rückzugsorte haben. "Es ist sehr erfreulich, dass die Stammesmänner sich gegen die Militanten erheben, es wird die Schurken entmutigen", sagte der Behördenvertreter.
Der Vorfall ist ein neuerlicher Beleg dafür, dass sich die Stimmung in Pakistan zunehmend gegen die Taliban wendet. Viele Menschen in dem streng religiösen Land standen den Extremisten lange Zeit zumindest ideologisch nahe - vor allem die paschtunischen Bewohner, die zum Teil in weitgehender Autonomie vom Staat leben.
Doch die Einstellung hat sich nach und nach gewandelt, seit die selbsternannten Gotteskrieger die Menschen terrorisieren, ihre Selbstmordattentäter in Städte schicken, um sich auf Basaren, Moscheen oder vor Sicherheitsbehörden in die Luft zu sprengen. Am Samstag starben bei einem Angriff auf eine Polizeiwache in Islamabad zwei Menschen. Lange Zeit hatten die Pakistaner vor allem die USA und ihre eigene Regierung, die mit Washington im Kampf gegen den Terrorismus verbündet ist, für die Lage verantwortlich gemacht.
Die pakistanische Führung hatte im Februar mit den Taliban zum Entsetzen des Westens einen Friedensvertrag im Swat-Tal und in angrenzenden Distrikten ausgehandelt. Demnach durften die Islamisten ihre Version der Scharia in einem Gebiet einführen, das in der Nähe zur afghanischen Grenze liegt und in etwa so groß ist wie Nordrhein-Westfalen. Im Gegenzug sollten sie ihre Waffen niederlegen, woran sich die Extremisten allerdings nicht gehalten haben. Im Gegenteil: Sie nutzten ihre Machtbasis und drangen in weitere Gebiete vor. Die pakistanische Regierung kündigte den Friedensvertrag daraufhin auf und erklärte den Taliban den Krieg.
Seit Anfang Mai toben im Swat-Tal nun heftige Kämpfe. Nach Angaben der Armee, die allerdings nicht unabhängig überprüfbar sind, wurden dabei bislang mehr als 1300 Kämpfer der Taliban getötet. Etwa drei Millionen Bewohner aus dem Gebiet sind auf der Flucht. Das Entwicklungsland Pakistan erlebt eine Versorgungskatastrophe - die Flüchtlinge hausen in improvisierten Lagern unter erbärmlichen Bedingungen. Ein Militärsprecher sagte am Wochenende, die Armee werde mindestens noch ein Jahr im Swat-Tal bleiben müssen, bis ein schlagkräftiger Sicherheitsapparat aufgebaut sei, der verhindern könne, dass die Militanten nicht erneut die Macht übernehmen.
Bei einem Überfall auf einen Militärkonvoi, der sich auf dem Weg in die Provinzhauptstadt Peschawar befand, töteten mutmaßliche Taliban-Kämpfer offenbar versehentlich zwei Gefangene, die dem radikalen Geistlichen Sufi Mohammed nahestanden. Mohammed hatte mit der Regierung das Friedensabkommen für das Swat-Tal ausgehandelt. Die Extremisten griffen den Gefangenentransport nach Militärangaben am Samstag mit einem Sprengsatz und Gewehren an.
Auch ein Soldat kam ums Leben. Ein Armeesprecher sagte, die Gefangenen hätten vom Geheimdienst verhört werden sollen. Ein Vertreter der Taliban warf den Behörden vor, die beiden getötet zu haben. Die Islamisten wiesen zudem die von US-Präsident Barack Obama angebotene Aussöhnung mit der muslimischen Welt zurück. Obama hatte vergangene Woche in einer Rede in Kairo "einen Neubeginn zwischen den Vereinigten Staaten und den Muslimen in der Welt" gefordert. Die USA blieben auch unter dem neuen Präsidenten ein Land, dass Muslime "töte und foltere", sagte ein Taliban-Sprecher.
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(SZ vom 08.06.2009/dpa)
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