Von Tobias Matern, Islamabad

Seit Tagen gibt es schwere Kämpfe im Swat-Tal. Die meisten Pakistaner lehnen die Taliban ab - aber sie trauen ihrer Regierung nicht zu, die Extremisten zu besiegen.

Die meisten Menschen in Pakistan fühlen sich betrogen. Von den USA, die ihnen ihrer Meinung nach durch den Einmarsch in Afghanistan einen Krieg aufgezwungen haben, in dem ihr Land die meisten Opfer zu erdulden hat. Aber auch von ihrer eigenen Regierung, die viele als korrupt und unfähig einstufen, die Demokratie umzusetzen. Die Mehrheit im muslimischen Pakistan lehnt die pervertierte Auslegung des Islam durch die Taliban ab - und wundert sich umso mehr, dass ihre Führung mit angesehen hat, wie die selbsternannten Gotteskrieger mächtiger und mächtiger wurden.

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Mit sämtlichen fahrbaren Untersätzen flüchten die Menschen. (© Foto: AFP)

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Die Regierung handelte im Februar ein Waffenstillstandsabkommen mit dem radikalen Geistlichen Sufi Mohammed aus und überließ den Extremisten eine ganze Region mit 2,5 Millionen Einwohnern. "So hat es in Afghanistan auch angefangen mit dem Aufstieg der Taliban", sagte ein Student der Punjab Universität. "Sie durften erst die Scharia in einer Region einführen und haben von dort aus begonnen, das ganze Land zu übernehmen. Das wollen wir hier nicht."

Der Friedenspakt ist geplatzt

Seit einigen Tagen geht die Armee militärisch gegen die Taliban im Swat-Tal vor. Der Friedenspakt ist geplatzt, weil sich die Islamisten nicht an die Vereinbarung hielten, ihre Waffen niederzulegen. Sie hatten ihre neue Machtbasis genutzt, um auch in ein anderes Gebiet vorzudringen, das nur 100 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt. Im Westen, aber auch in Pakistan, hat dies zu regelrechter Panik geführt. Zwar beschäftigt die Menschen in Islamabad, Lahore und Peschawar nicht wie die US-Regierung die Sorge, die Taliban könnten das Nuklearwaffenarsenal des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Sie lehnen vielmehr die radikalen Methoden der Islamisten ab: Bilder von Enthauptungen, öffentlichen Auspeitschungen und zerstörten Schulen schockierten die Menschen.

Augenzeugen berichteten am Donnerstag aus der Region von heftigen Artilleriegefechten. Das Militär setzte Hubschrauber ein, um die Extremisten aus der Luft zu beschießen. Tausende Bewohner nutzten die zeitweilige Aufhebung der Ausgangssperre, um zu fliehen. Die Armee habe ihre Angriffe gegen die Taliban verschärft, berichteten pakistanische Nachrichtensender am Abend. Es hieß, mehr als 100 Menschen seien bei Kämpfen am Mittwoch ums Leben gekommen, am Donnerstag sollen erneut Dutzende Anhänger der Taliban und Sicherheitskräfte getötet worden sein.

Verifizieren lassen sich diese Angaben nicht. Bei Gefechten in einem angrenzenden Bezirk starb der Sohn des Geistlichen Sufi Mohammed, der mit der Regierung den Pakt für das Swat-Tal ausgehandelt hatte. In Islamabad hieß es, die Armee entsende zusätzliche Soldaten, um die Militanten zu schwächen. Regierungsvertreter erklärten, die Großoffensive stehe noch bevor.

Tote auf der Straße

Anwohner aus der Region berichteten von dramatischen Szenen. Familienmitglieder von toten und verletzten Zivilisten hätten aufgrund der Gefechte keine Möglichkeit gehabt, zu ihnen zu gelangen, die auf offener Straße lägen. Die Taliban sollen etliche Menschen als Geiseln genommen und an der Flucht gehindert haben. In einem angrenzenden Distrikt überfielen sie das Quartier von Sicherheitskräften und entführten ein Dutzend Männer. Ein ranghoher Polizist erklärte, zwar handele es sich nur um wenige Tausend Taliban im Swat-Tal. Das unwegsame Terrain spiele ihnen aber in die Hände, sie könnten sich problemlos verstecken. "In diesem Gebiet braucht es nicht viele Kämpfer, um eine ganze Armee zu beschäftigen", sagte der Mann. Die Taliban, so der Polizeiverteter, hätten zudem ein großes Vermögen, mit dem sie mühelos junge Kämpfer anwerben können.

Die pakistanischen Medien widmeten sich am Donnerstag dem Schicksal der Flüchtlinge aus dem Swat-Tal. Die Behörden hätten keine Maßnahmen getroffen, den Tausenden Flüchtlingen eine menschenwürdige Unterkunft und Verpflegung bereitzustellen, kritisierte die Zeitung Dawn. Lustig machten sich die Journalisten über Präsident Asif Ali Zardari, der sich zu Gesprächen mit US-Präsident Barack Obama in Washington aufhielt.

Der Staatschef habe wohl einen Weltrekord darin aufstellen wollen, wie oft sich das Wort "Demokratie" in einem Satz unterbringen lasse, kommentierte die Moderatorin in einer der zahlreichen Diskussionsrunden im Fernsehen. Zardari hatte in Washington den Terrorismus als Pakistans "Krebskrankheit" beschrieben, aber mehrfach versichert, seine demokratisch gewählte Regierung sei der Situation gewachsen - was die Regierung von Barack Obama vor Zardaris Besuch öffentlich bezweifelt hatte.

Die meisten Menschen in Pakistan trauen ihrer Führung ebenfalls nicht zu, die Lage in den Griff zu bekommen. In jedem Gespräch über die Situation im Land klingt Resignation durch, aber immer wieder auch die Hoffnung auf bessere Zeiten. "Vielleicht müssen wir als Land erst ganz unten ankommen, um uns wieder aufrichten zu können", sagte Saima Jasam, pakistanische Mitarbeiterin der Böll-Stiftung in Lahore. "Dieser Moment könnte jetzt gekommen sein", fügte sie an.

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(SZ vom 8.5.2009/vw)