Seit Tagen gibt es schwere Kämpfe im Swat-Tal. Die meisten Pakistaner lehnen die Taliban ab - aber sie trauen ihrer Regierung nicht zu, die Extremisten zu besiegen.
Die meisten Menschen in Pakistan fühlen sich betrogen. Von den USA, die ihnen ihrer Meinung nach durch den Einmarsch in Afghanistan einen Krieg aufgezwungen haben, in dem ihr Land die meisten Opfer zu erdulden hat. Aber auch von ihrer eigenen Regierung, die viele als korrupt und unfähig einstufen, die Demokratie umzusetzen. Die Mehrheit im muslimischen Pakistan lehnt die pervertierte Auslegung des Islam durch die Taliban ab - und wundert sich umso mehr, dass ihre Führung mit angesehen hat, wie die selbsternannten Gotteskrieger mächtiger und mächtiger wurden.
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Mit sämtlichen fahrbaren Untersätzen flüchten die Menschen. (© Foto: AFP)
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Die Regierung handelte im Februar ein Waffenstillstandsabkommen mit dem radikalen Geistlichen Sufi Mohammed aus und überließ den Extremisten eine ganze Region mit 2,5 Millionen Einwohnern. "So hat es in Afghanistan auch angefangen mit dem Aufstieg der Taliban", sagte ein Student der Punjab Universität. "Sie durften erst die Scharia in einer Region einführen und haben von dort aus begonnen, das ganze Land zu übernehmen. Das wollen wir hier nicht."
Der Friedenspakt ist geplatzt
Seit einigen Tagen geht die Armee militärisch gegen die Taliban im Swat-Tal vor. Der Friedenspakt ist geplatzt, weil sich die Islamisten nicht an die Vereinbarung hielten, ihre Waffen niederzulegen. Sie hatten ihre neue Machtbasis genutzt, um auch in ein anderes Gebiet vorzudringen, das nur 100 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt. Im Westen, aber auch in Pakistan, hat dies zu regelrechter Panik geführt. Zwar beschäftigt die Menschen in Islamabad, Lahore und Peschawar nicht wie die US-Regierung die Sorge, die Taliban könnten das Nuklearwaffenarsenal des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Sie lehnen vielmehr die radikalen Methoden der Islamisten ab: Bilder von Enthauptungen, öffentlichen Auspeitschungen und zerstörten Schulen schockierten die Menschen.
Augenzeugen berichteten am Donnerstag aus der Region von heftigen Artilleriegefechten. Das Militär setzte Hubschrauber ein, um die Extremisten aus der Luft zu beschießen. Tausende Bewohner nutzten die zeitweilige Aufhebung der Ausgangssperre, um zu fliehen. Die Armee habe ihre Angriffe gegen die Taliban verschärft, berichteten pakistanische Nachrichtensender am Abend. Es hieß, mehr als 100 Menschen seien bei Kämpfen am Mittwoch ums Leben gekommen, am Donnerstag sollen erneut Dutzende Anhänger der Taliban und Sicherheitskräfte getötet worden sein.
Verifizieren lassen sich diese Angaben nicht. Bei Gefechten in einem angrenzenden Bezirk starb der Sohn des Geistlichen Sufi Mohammed, der mit der Regierung den Pakt für das Swat-Tal ausgehandelt hatte. In Islamabad hieß es, die Armee entsende zusätzliche Soldaten, um die Militanten zu schwächen. Regierungsvertreter erklärten, die Großoffensive stehe noch bevor.
Tote auf der Straße
Anwohner aus der Region berichteten von dramatischen Szenen. Familienmitglieder von toten und verletzten Zivilisten hätten aufgrund der Gefechte keine Möglichkeit gehabt, zu ihnen zu gelangen, die auf offener Straße lägen. Die Taliban sollen etliche Menschen als Geiseln genommen und an der Flucht gehindert haben. In einem angrenzenden Distrikt überfielen sie das Quartier von Sicherheitskräften und entführten ein Dutzend Männer. Ein ranghoher Polizist erklärte, zwar handele es sich nur um wenige Tausend Taliban im Swat-Tal. Das unwegsame Terrain spiele ihnen aber in die Hände, sie könnten sich problemlos verstecken. "In diesem Gebiet braucht es nicht viele Kämpfer, um eine ganze Armee zu beschäftigen", sagte der Mann. Die Taliban, so der Polizeiverteter, hätten zudem ein großes Vermögen, mit dem sie mühelos junge Kämpfer anwerben können.
Die pakistanischen Medien widmeten sich am Donnerstag dem Schicksal der Flüchtlinge aus dem Swat-Tal. Die Behörden hätten keine Maßnahmen getroffen, den Tausenden Flüchtlingen eine menschenwürdige Unterkunft und Verpflegung bereitzustellen, kritisierte die Zeitung Dawn. Lustig machten sich die Journalisten über Präsident Asif Ali Zardari, der sich zu Gesprächen mit US-Präsident Barack Obama in Washington aufhielt.
Der Staatschef habe wohl einen Weltrekord darin aufstellen wollen, wie oft sich das Wort "Demokratie" in einem Satz unterbringen lasse, kommentierte die Moderatorin in einer der zahlreichen Diskussionsrunden im Fernsehen. Zardari hatte in Washington den Terrorismus als Pakistans "Krebskrankheit" beschrieben, aber mehrfach versichert, seine demokratisch gewählte Regierung sei der Situation gewachsen - was die Regierung von Barack Obama vor Zardaris Besuch öffentlich bezweifelt hatte.
Die meisten Menschen in Pakistan trauen ihrer Führung ebenfalls nicht zu, die Lage in den Griff zu bekommen. In jedem Gespräch über die Situation im Land klingt Resignation durch, aber immer wieder auch die Hoffnung auf bessere Zeiten. "Vielleicht müssen wir als Land erst ganz unten ankommen, um uns wieder aufrichten zu können", sagte Saima Jasam, pakistanische Mitarbeiterin der Böll-Stiftung in Lahore. "Dieser Moment könnte jetzt gekommen sein", fügte sie an.
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(SZ vom 8.5.2009/vw)
Bundespräsident Gauck
In den Medienberichten über die afghanisch-pakistanische Grenzregion und über die dort staatfindenden Auseinandersetzungen und Kriegshandlungen wird immer ein ganz wesentlicher Aspekt verschwiegen:
Afghanistan ist ein geteiltes Land. Mit der Durand-Linie, gelang es 1893 Großbritannien seine kolonialen Besitzungen in Britisch-Indien (heute Pakistan) gegen Rest-Afghanistan abzugrenzen. Dabei wurde die Demarkationslinie durch die paschtunischen Siedlungsgebiete gezogen. Etwa ein Drittel Afghanistans wurde von den Briten annektiert und dem Empire einverleibt. Die Afghanen und Paschtunen haben diese "familiäre" Spaltung nie überwunden und hier liegt der eigentliche Grund für die explosive Spannung in der Grenzregion. Seit Gründung des Staate Pakistans haben alle afghanischen Regierungen die Durand-Linie nicht anerkannt. Folgedessen gibt es zwischen den Ländern keine offizielle Grenze und das Paschtunengebiet in Pakistan geniest heute einen mehr oder weniger autonomen Status.
Das Gerede von den Taliban und ihrem pakistanischen Rückzugsgebiet ist mehr oder weniger oberflächliches und irreführendes Geschwätz. In Wahrheit handelt es sich in der Mehrzahl um pastunische Krieger bzw. in ihrem Sinne Freiheitskrieger, die für die Einheit ihrer Stammesgebiete kämpfen.
Es bringt nichts über die Zustände des teilweise unter archaischen Zuständen leidenden Landes durch Selbsthass und Schuldzuweisung gegen den Westen zu kontern.
Pakistan und seine Bevölkerung ist durchmehrer Fakten Bestraft:
1. Archaisches Feudalsystem seit jahruhunderten.
2. Geringe Bildung und Analphabethentum.
3. Selbstbereicherung und Korruption seiner führenden Klasse, . Ob der Butho clan oder ander, sie haben das Land ausnutzt .
4. Blinder Religionsfanatismus und Machowahn der offenbar durch Bildungsdefizite noch beschleunigt wird.
Eine interessante Einführung in das heutige Gesellschaftsystem bietet
Betsy Udink:
"Allah und Eva"
besteht immer darin, dass die den jeweiligen Gesellschaften aufgepfropften Funktionärsherrschaftssysteme faktisch gar keinen realen Rückhalt und schon gar keine praktische Unterstützung in der Bevölkerung besitzen.
Dies ist die Kernschwäche alle ständisch-feudalistischen Herrschaftssysteme.
An dieser "Kernschwäche" leidet die Militärjunta Pakistans, daran leidet das europäisch-amerikanisch gestützte Potentatenregime Afghanistans, daran leidet inzwischen sogar die zu einem ständisch-beisitzbürgerlichen Feudalsystem verkommene Bundesrepublik Deutschland.
Welch extrem destruktive Ergebnisse solche "Herrenmenschensysteme" durch ihre willkürlichen und autokratische verfassten Herrschaftsstrukturen, ob diese nun "parlamentarisch", "demokratisch", oder "konstitutiv" genannt werden, produzieren, ist heute in Deutschland zum Tabu erhoben worden. Schließlich möchten sich auch in Deutschland die in Wirtschaft, Politik und Verwaltung versammelten Neo-Durchlauchten aus der Gruppe der Alphatiere, der Exzellenzelite und den exzellenten Führungskräftekader ihre angemassten Herrschaftsansprüche gefährden lassen.
Man fühlt sich an die Zeilen von Heinrich Heine erinnert, der in seinem Gedicht "Die schlesischen Weber" über eine ähnliche gesellschaftliche Dekadenzerscheinung
berichtete.
Hoffen wir, dass es den "Webern" endlich klar wird, dass sie sich ihrer "Könige", die faktisch ja auch wirklich gar nichts zur Wohlfahrt des Landes und der Gesellschaft mehr beizutragen im Stande sind, auf eine einfache Weise entledigen können: Durch die politische Abwahl der system- und staatserhaltenden Parteienvertreter. Es muss nicht immer gleiche eine Revolution sein, und es müssen auch nicht immer gleich die Köpfe abgeschlagen werden.
Gezielter Umsatzentzug. Gezielter Verzicht auf TV- und Zeitschriftenkonsum. Gezielte
Fragen an solche Parteienvertreter an deren Propagandaständen vor der Wahl.
Das sind die kultivierten, zivilisierten und demokratischen Instrumente der modernen Revolution, mit der solche Regime weggefegt werden können, ohne dass Bomben geworfen werden und mit MG durch die Gegend geballert wird.
Ein interessanter und recht aufschlussreicher Artikel. Die Anmerkung, dass sich die Zahlen nicht so einfach verifizieren lassen, finde ich prima. Wenigstens ehrlich!
Es läuchtet ein, dass die breite Mehrheit des Volkes in Pakistan die Taliban ablehnt, aber auch, dass sie der eigenen Regierung nichts zutraut. Den Amis trauen sie ebenfalls nicht über den Weg, logisch.
Was ist hier die Alternative um die Taliban aus dem Land zu jagen?