Pakistan: Atomwissenschaftler Khan "Ich habe mein Land vor nuklearer Erpressung geschützt"

Er hat Pakistan die Atomtechnik gebracht - und sie dann an Iran und Libyen weitergegeben: Abdul Qadeer Khan gilt als Vater der islamischen Atombombe. In einem Interview rechtfertigt er sein Handeln - und die andauernde Aufrüstung Pakistans.

Die Pakistaner feiern ihn als Nationalhelden, weil er ihnen die Atombombe brachte. Im Ausland wird er dafür verantwortlich gemacht, die Technik an Iran, Libyen und Nordkorea geliefert zu haben. Jetzt hat Abdul Qadeer Khan, der "Vater der islamischen Atombombe" sein Handeln zum wiederholten Male gerechtfertigt - dieses Mal in einem Meinungsbeitrag für Newsweek.

In dem US-Nachrichtenmagazin argumentiert Khan, er sehe die Bombe als Schutz seines Landes vor ausländischen Interventionen. "Länder, die Atomwaffen besitzen, sind nie Opfer von Angriffen, Besetzungen oder territorialen Veränderungen geworden", schreibt der Atomwissenschaftler. "Wären der Irak und Libyen Atommächte gewesen, wären sie nicht zerstört worden, wie es jüngst geschehen ist."

Der Besitz der Atombombe hat laut Khan insbesondere den Ausbruch eines Krieges mit dem Rivalen Indien verhindert. Er habe sein Land vor "nuklearer Erpressung" beschützt. Zwar hoffe er, eines Tages einen Frieden mit Indien erleben zu können. Bis dahin müsse Pakistan die Abschreckung aber aufrechterhalten.

Khan war 1976 vom damaligen pakistanischen Premierminister Zulfikar Ali Bhutto mit der Leitung des Atomwaffenprogramms beauftragt worden. Zwei Jahre zuvor hatte Indien erstmals eine Bombe erfolgreich getestet. 1998 stieg Pakistan nach einem erfolgreichen Test zur ersten islamischen Atommacht auf. Khan arbeitet ununterbrochen an seinem Image als "Vater der islamischen Atombombe". Dabei äußern unabhängige Experten wiederholt Zweifel an Khans Version.

2004 wurde der Pakistaner auf amerikanischen Druck hin vom Geheimdienst seines Heimatlandes zu Gerüchten verhört, er habe Atomtechnik an vermeintliche Schurkenstaaten weitergegeben. Der Wissenschaftler unterzeichnete ein Geständnis und wurde unter Hausarrest gestellt, 2009 jedoch wieder freigelassen.

Pakistan könnte bald Frankreich als viertgrößte Atommacht überholen

Pakistans atomare Aufrüstung geht nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung derweil weiter: Kein anderes Land baue sein Arsenal so schnell aus, warnen Experten. Bald werde es Frankreich mit geschätzt 290 Sprengköpfen als viertgrößte Atommacht ablösen. Im April hatte die pakistanische Armee ein neues Modell einer Boden-Boden-Rakete mit 60 Kilometern Reichweite getestet.

Die US-Regierung, die das Land mit Finanzhilfen unterstützt, fürchtet um die Sicherheit der Atomwaffen. Eine Sorge ist, dass es Dschihadisten gelingen könnte, Schläfer in ein Waffenlabor einzuschmuggeln oder in Anlagen, wo sie Zugang zu Spaltmaterial hätten. Nach offiziellen Angaben arbeiten 70.000 Menschen im Atomkomplex des Landes.

John Kerry, einer der engsten Vertrauten von US-Präsident Barack Obama und Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses im Senat, hat vor Gesprächen in Islamabad am Montag gedroht, die Milliardenhilfe aus Washington sei in Gefahr, wenn Pakistan weiter atomar aufrüste. Die Beziehungen beider Länder sind auch wegen der Tötung des Terroristen Osama bin Laden durch US-Spezialkräfte in Pakistan seit Wochen angespannt.