Alles ist offen: Die Polen müssen in einer Stichwahl klären, wie das Reformprogramm des Landes weitergehen soll.
Alles ist offen in Polen. Zwar hat der favorisierte Bronislaw Komorowski die erste Runde der vorgezogenen Präsidentenwahlen gewonnen. Doch können er und sein Parteifreund Donald Tusk, der Regierungschef, sich Komorowskis Sieges über Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski bei der Stichwahl angesichts eines Abstandes von nur etwa fünf Prozent der Stimmen keineswegs sicher sein. Denn Kaczynski, der seinen beim Flugzeugunglück von Smolensk umgekommenen Zwillingsbruder Lech als Staatsoberhaupt beerben möchte, kann sich auf eine hochmotivierte Anhängerschaft stützen.
Bild vergrößern
Bronislaw Komorowski kann sich seines Sieges über Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski angesichts eines Abstandes von nur etwa fünf Prozent der Stimmen keineswegs sicher sein. (© Reuters)
Anzeige
Hingegen löst der blasse Komorowski wenig Begeisterung aus. Sein hoher Stimmenanteil gilt weniger ihm, vielmehr ist er auf den Anti-Kaczynski-Effekt zurückzuführen: Komorowski wählen diejenigen, die Kaczynski verhindern wollen. Dieser hatte während der "Doppelherrschaft der Zwillinge" vor drei Jahren auf permanente Konfrontation gesetzt. Nach außen gegenüber den deutschen und den russischen Nachbarn, von denen er unentwegt das Eingeständnis historischer Schuld gegenüber Polen forderte. Nach innen machte er immer wieder Schlagzeilen, weil er den Geheimdienst und die Anti-Korruptions-Behörde gegen politische Gegner einsetzen ließ.
Allerdings hat Kaczynski nach dem Tod seines Bruders vor zehn Wochen öffentlich gelobt, den "polnisch-polnischen Krieg" zu beenden. Auch an die Nachbarn schickte er versöhnliche Botschaften. Wohl die Mehrheit seiner Landsleute aber glaubt, diese Metamorphose sei eher wahltaktischer Natur. Dies ist der Punkt, an dem die Wahlberater Komorowskis ansetzen werden. Dieser gilt zwar als langweilig, aber als absolut integer und solide. Von ihm ist kein politisches Poltern zu erwarten, so wie es Kaczynski immer wieder vorführte - und damit Polen im Ausland blamierte.
Dabei hat Kaczynski als Regierungschef oft auch pragmatisch agiert. Er ist ebensowenig wie sein verstorbener Bruder ein dumpfer Nationalist. Vielmehr hat Jaroslaw Kaczynski Schwächen und Schattenseiten der polnischen Gesellschaft präzise analysiert. Ihm ist kaum zu widersprechen, wenn er die ausgebliebene Aufarbeitung des kommunistischen Regimes als eine der Hauptursachen für die Verwerfungen in der Gesellschaft ausmacht.
Denn Seilschaften aus der Partei und dem Staatssicherheitsdienst sind zu den großen Gewinnern des Übergangs zur Marktwirtschaft geworden. Dies berührt das Gerechtigkeitsgefühl weiter Bevölkerungskreise. Zu Kaczynskis Anhängern zählt zudem ein großer Teil der aufstiegsorientierten jungen Generation.
Ein Sieg Kaczynskis bei der Stichwahl am 4. Juli würde die weitere Integration Polens in die EU-Strukturen erschweren oder gar blockieren. Auch würde er wohl sein Veto gegen Kernpunkte des ehrgeizigen Reformprogramms von Tusk einlegen. Eine Niederlage Komorowskis würde also mittelfristig auch den Untergang des Reformers Tusk bedeuten.
- Thema
- Präsidentenwahl RSS
- Vorgezogene Präsidentenwahl in Polen Stimmen der Trauer 20.06.2010
- Präsidentenwahl in Polen Komorowski verfehlt absolute Mehrheit 20.06.2010
- Lech Kaczynski ist tot Vom Kinderstar zum Präsidenten 10.04.2010
- Präsidentenwahl in Polen Stichwahl wahrscheinlich 20.06.2010
- Vorgezogene Präsidentenwahl in Polen Konfrontation gegen Kompromissbereitschaft 20.06.2010
- Vorgezogene Präsidentenwahl in Polen Schatten über der Wahlkampagne 20.06.2010
- Präsidentenwahl in Polen Drachentöter auf Stimmenfang 18.06.2010
(SZ vom 21.06.2010/juwe)
Die Ärzte in München
ach, herr urban. ich habe sie schon einmal aufgefordert keine kommentare über polen zu schreiben. sie haben nicht die geringste ahnung über dieses land und sie verstehen es auch nicht. und ihre grösste sünde ist: sie sind nicht imstande objektiv über polen zu schreiben
sie haben geschrieben:"... Kernpunkte des ehrgeizigen Reformprogramms von Tusk..." Welche Reformen bitte schön? die gesundheitsreform liegt brach, ebenso der zustand der polnischen bahn ist sehr besorgniserregend. sie sollten lieber über die genauen ursachen der flut schreiben und über die unfähigkeit dieser regierung etwas dagegen zu tun. haben sie mal ein bild von tusk gesehen, als er kaugummi kauend vor menschen stand, die gerade ihr hab und gut verloren haben? nein? ich schon.
wollen sie wissen, wie die reformen von der tuskschen bande aussehen?
vor einiger zeit ist diese pseudoliberale regierung auf die idee gekommen die polnischen werften zu privatisieren. alles schön und gut. nur, diese privatisierung ist so amateurhaft angegangen worden, dass ein milliardenschwerer auftrag, der für stettiner werft gedacht war, an die rostocker werft verliehen worden ist.
so sehen die reformen des herrn tusk aus und so sieht die deutsch-polnische zusammenarbeit aus!!!