Pädophilie-Debatte Ein Skandal, der schon lange Geschichte ist

Grünen-Chef Jürgen Trittin und der SPD-Menschenrechtspolitiker Christoph Strässer haben vor mehr als 30 Jahren - indirekt - die Forderung unterstützt, Sex zwischen Erwachsenen und Kindern zu legalisieren. Skandal! Wie konnten sie nur? Weil es damals tatsächlich eine Diskussion um das Sexualstrafrecht gab, die wir heute gern vergessen würden.

Ein Kommentar von Markus C. Schulte von Drach

Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert. Manches von dem, was früher für die Mehrheit der Bevölkerung völlig richtig war, betrachten die meisten heute als falsch. Die Vergewaltigung der Frau in der Ehe war in Deutschland genauso legal wie das Züchtigen von Kindern, Homosexualität dagegen war strafbar. Das ist heute anders. Aber manches, was damals für die Mehrheit falsch war, ist noch immer falsch. Das gilt ganz sicher für die Pädophilie.

Es gab und gibt im Strafgesetzbuch den Paragraphen 176 zum sexuellen Missbrauch von Kindern, und das ist gut so. Und kaum jemand käme heute auf die Idee, zu fordern, er sollte abgeschafft werden. Die Diskussion darüber ist schon lange beendet. Und die meisten, die vor langer Zeit einmal die Abschaffung dieses Paragraphen in irgendeiner Weise unterstützt oder toleriert haben, stehen schon lange nicht mehr dafür, sondern lehnen sie ab.

Jetzt hat sich um den grünen Parteichef Jürgen Trittin ein Skandal entwickelt, weil er 1981 presserechtlich verantwortlich war für das Kommunalwahlprogramm der Grünen in Göttingen. Dort hatte die "Homosexuelle Aktion Göttingen" ihre Forderung untergebracht: "Die §§ 174 und 176 StGB sind so zu fassen, dass nur die Anwendung oder Androhung von Gewalt oder der Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses unter Strafe steht." Ohne dass das Wort Kinder gefallen wäre, wurde hier gefordert, den Sex Erwachsener mit Minderjährigen unter bestimmten Bedingungen zu legalisieren.

Und nun muss sich der SPD-Menschenrechtspolitiker Christoph Strässer dafür rechtfertigen, dass die frühere Jugendorganisation der FDP, die Jungdemokraten, unter seinem Vorsitz 1980 die Abschaffung des Sexualstrafrechts (inklusive des § 176) in ihr Programm geschrieben hatte. Zuvor hatte bereits die FDP-Politikerin Dagmar Döring ihre Kandidatur für den Bundestag zurückgezogen, da sie sich 1980 für die Legalisierung sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern ausgesprochen hatte. Und der Berliner FDP wird vorgeworfen, damals die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA) finanziell unterstützt zu haben, obwohl es dort eine AG Pädophilie gab.

Kritik und Analyse

Trittins Name im Göttinger Wahlprogramm und Strässers indirekte Verantwortung für den Beschluss der Jungdemokraten wurden von den Wissenschaftlern Franz Walter und Stefan Klecha von der Universität Göttingen entdeckt. Die Forscher untersuchen im Auftrag von Bündnis90/Die Grünen das Verhältnis der Partei zur Pädophilie in der Vergangenheit. Zugleich kritisieren sie das Schweigen der Betroffenen, die gar nicht erst versuchen würden, zu erklären, erläutern oder historisieren. Ratlosigkeit, Lähmung und Furcht würden vorherrschen.

Von einer "fatalen Schweigespirale" schreiben Walter und Klecha in der taz. Und dann steigen sie in genau die Erklärung, Erläuterung und Historisierung ein, die sie bei den Politikerinnen und Politikern vermissen. Während aber nun die Vorwürfe der Wissenschaftler von vielen politischen Gegnern und den Medien aufgegriffen werden, werden die Ergebnisse ihrer Analyse relativiert. Man muss schon in den Originaltexten von Walter und Klecha suchen, um sich ein Bild zu machen.

Der Skandal hat seine Wurzeln demnach in den Versuchen insbesondere seit den 1960er Jahren, das Strafrecht zu reformieren. Auch für Änderungen des Sexualstrafrechts wurde damals gestritten, und zwar von Sozialdemokraten, Freidemokraten und auch einigen Christdemokraten. Mehr individuelle Rechte, mehr Demokratie und sexuelle Selbstbestimmung gehörten zu den Zielen. Und nicht nur Linksextreme begannen, die Sexualmoral der 1950er Jahre in Frage zu stellen. Es ging darum, individuelle sexuelle Präferenzen zu entkriminalisieren.