Was die Ostergeschichte über das Lügen erzählt: Von Brauchtumschristen ("Zu Ostern gehen wir immer in die Kirche"), internationalen Mega-Lügen und Reue im Fernsehen.
An Weihnachten und Ostern gehen viele Menschen in die Kirchen, die es sonst nicht tun. Unter ihnen sind Brauchtumschristen ("zu Ostern sind wir immer in der Kirche"), Gelegenheitsgläubige ("doch, so eine Art Gott gibt es schon") und Wellness-Spiritualisten ("mal wieder seelisch auftanken").
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Karwoche in Ecuador: Gläubige waschen ein Kreuz in einem See in der Stadt Ballenita. (© Foto: dpa)
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Sie alle setzen sich dieser großen und in vielerlei Hinsicht wunderbaren Erzählung aus, die mit dem Abendmahl am Donnerstag beginnt und mit der Auferstehung am Sonntag nicht endet.
Zu dieser Erzählung gehören Unvorstellbares, rational nicht zu Erfassendes, tiefe Liebe, leuchtende Freude. Aber genauso zählen Elend, Lüge, Folter und der ganz und gar unfriedliche Tod dazu.
Selbst wenn man nicht glaubt, nicht an Christus und nicht einmal an einen Gott, ist die Ostergeschichte eine Konzentration jener Moral, die unser Wertesystem definiert. In ihr geht es nicht nur um Gott, sondern auch und gerade um das Besondere des Menschen, das, was ihn jenseits chemischer und physikalischer Reaktionen ausmacht. Es geht um seine Gefühle, seine Seele, sein Sein.
Moral umfasst, simpel gesagt, all das, was man tun darf oder tun soll, sowie das, was man nicht tun soll. Die Karfreitagsgeschichte befasst sich auch mit dem Versagen des Menschen. Ein Beispiel dafür sind zwei Männer aus, wie man heute sagen würde, der engsten Umgebung von Jesus: Judas und Petrus.
Der eine, Judas, nach orthodoxer Lehrmeinung der ewige Bösewicht, steht für die schlimmste Form der Lüge. Als vermeintlicher Freund hat er sich Wissen erschlichen, das er dann zur bezahlten Denunziation nutzt. Er begeht Verrat mit Todesfolge.
Der andere, Petrus, der Christenheit Fels, lügt aus Angst. Er wird nach Jesu Festnahme als Jünger identifiziert und streitet dreimal ab, Christus gefolgt zu sein, ja ihn nur zu kennen. Zu Petrus' dritter Lüge kräht der Hahn. Der Karfreitag bricht an, und Petrus erkennt, dass er getan hat, was Jesus am Abend zuvor angekündigt hatte. Er hat Christus am Tag seines Todes verleugnet.
Nun haben die wenigsten Lügen Judas-Dimension, und das alltägliche Schwindeln reicht nicht einmal an die Petrus-Verleugnungen heran. Trotzdem gibt es wohl kaum ein im Prinzip so allgemein anerkanntes Gebot wie jenes, die Wahrheit zu sprechen, das aber trotzdem so häufig und permanent gebrochen wird.
Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass außer ihnen selbst fast jeder lügt - vor allem jeder Politiker, fast jeder Manager, die meisten Journalisten sowie, in beliebiger Reihenfolge, die Amerikaner, die Werbeleute, die Israelis, die Neoliberalen und die Nokia-Finnen.
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