Weber will lieber die Eigeninitiative in den betroffenen Regionen stärken. Das koste kaum Geld, verspreche aber wesentlich höhere Erfolgsquoten.

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Paradebeispiel ist das österreichische Städtchen Güssing an der ungarischen Grenze. 3800 Einwohner hat der Ort und außer viel Wald nicht viel zu bieten. Was Güssing so besonders macht: Die Güssinger produzieren seit den neunziger Jahren aus Holz Strom. Das inzwischen äußerst erfolgreich. Jährlich produziert Güssing Strom und Wärme im Wert von 20 Millionen Euro und seit 2005 mehr als die Bewohner verbrauchen.

In den achtziger Jahren galt Güssing noch als ärmste Gemeinde Österreichs. Heute versorgt sich das burgenländische Güssing selbst, hat weit über 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen, neue Betriebe angesiedelt und tut nebenbei auch noch etwas für die Umwelt. Am Anfang gab es etwas Fördergeld von der Europäischen Union. Das war es. Weber nennt das eine Win-win-Situation.

Wer noch laufen kann, zieht weg

Hierzulande werden dagegen zwei völlig andere Ansätze verfolgt: Anpassung an den demographischen Wandel und/oder Gegensteuern etwa mit Versuchen, die Geburtenrate zu steigern.

Anpassen bedeutet in der Praxis: ausdünnen des öffentlichen Personennahverkehrs, Schließen von Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. Nachteil: ein beschleunigter demographischen Wandel. Wer noch laufen kann, zieht weg.

Aufs Gegensteuern zielen dagegen Projekte, die etwa die Betreuungssituation für Kinder verbessern sollen. Andernorts wird versucht, das Heimatgefühl der verbliebenen Bewohner zu stärken. Nicht bedacht wird: Wo es keine Arbeit gibt, ist die Frage der Betreuung und des Heimatgefühls eher zweitrangig.

Unterm Strich wir nach Ansicht der Autoren viel Geld dafür verpulvert, althergebrachte Strukturen aufrechtzuerhalten, statt neue, innovative Ideen zu fördern. Statt etwa verschiedene Schulformen in einer Gemeinschaftsschule zusammenzufassen, werden bestimmte Schultypen lieber geschlossen, wenn die Schülerzahlen sinken.

Ergebnis: In manchen Regionen Brandenburgs müssen Schüler bis zu zwei Stunden Fahrzeit zum nächstgelegenen Gymnasium auf sich nehmen. Für einen Weg.

Vorgegebene Klassengrößen und Schulstrukturen verhindern so Lösungen, die den Menschen zugutekommen. "Wir schaffen uns die demographischen Probleme, die wir lösen wollen, erst selbst", konstatieren die Autoren in ihrer Studie.

Zur Wahrheit gehört in ihren Augen auch: Manche Regionen sind nicht mehr zu retten. Das liege vor allem an den Bewohnern selbst. Die seien oft demotiviert und zu keiner innovativen Idee mehr fähig. Politiker versprächen dennoch weiter das Blaue vom Himmel. Folge: Statt die Eingeninitiative der Verantwortlichen herauszufordern, verharrten die Menschen in einem überzogenen Anspruchsdenken.

Politischer Sprengstoff

Tiefensee seien diese Wahrheiten offenbar wie politischer Sprengstoff vorgekommen, vermutet Weber. Zumal im Wahljahr 2009. Ausdrücklich distanziert sich denn auch Tiefensees Ministerium von der Studie, "denn anders als das Berlin-Institut wird die Politik nie 'verlorene Regionen' akzeptieren, sondern Menschen in allen Regionen Lebenschancen sichern".

Das Berlin-Institut dürfe die Studie übrigens auch nach der überraschenden Veröffentlichung auf den Ministeriumsseiten nicht wieder auf den eigenen Seiten zum Herunterladen bereitstellen, sagte ein Instituts-Mitarbeiter zu sueddeutsche.de. Offenbar legt das Ministerium großen Wert darauf, dass die Studie nicht ohne den kritischen Kommentar des Hauses wahrgenommen wird. Dass das im Internet allerdings ein erfolgloses Unterfangen ist, zeigt dieser direkte Link auf die Studie.

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(sueddeutsche.de/plin/cat)