Lafontaines agitatorisch-rhetorische Fähigkeiten sind nun ausgereizt. Jetzt sind seine anderen Fähigkeiten gefragt. Er will, sagte er am Montag der SZ, jetzt "die Linke etablieren und stabilisieren". Das erfordert beharrliche strategische und taktische Arbeit, die man ihm nicht unbedingt zutraut. Das war schon 1995 so, als er, im Ruf eines Bonvivant stehend, sich nach dem Sturz Scharpings an die Arbeit machte. Derweil die damaligen Konkurrenten, Gerhard Schröder zum Beispiel, Spektakel machten, organisierte er den Laden neu, stärkte ihn nach innen und außen. Und es war für einige Zeit so, als habe er, der sich gern über Sekundärtugenden lustig gemacht hatte, sich diese auf einmal anerzogen. Er machte aus der SPD eine felsenharte Opposition, er warf sich der Regierung Kohl im Bundesrat so brachial entgegen, dass dies ganz lange nachwirkte.

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Mangelnde Selbstbeherrschung

Der Mann, der die SPD in einer strategischen Glanzleistung wiederbelebt hatte, machte sein Werk dann zu Beginn der Regierung Schröder binnen weniger Monate zunichte - aus Wut und Zorn über die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Kanzlers, aus Konkurrenzneid gegen Schröder, aus mangelnder Selbstbeherrschung. Dass er nicht nur das Amt des Finanzministers, sondern auch das des Parteivorsitzenden hinwarf ("wie einen Putzlumpen", klagten seine Freunde von einst), gibt bis heute Rätsel auf. Immerhin klebte er, was ihm mittlerweile wieder ein paar Leute zugute halten, nicht an seinem Sessel und an den Annehmlichkeiten, die politische Spitzenämter bereithalten.

Lafontaine hatte einen kapitalen Fehler gemacht, als er sich als Parteichef ins Kabinett Schröder einbinden ließ - das führte im März 1999 zu seinem trotzig-autoaggressiven Akt, von dem sich die Partei bis heute nicht richtig erholt hat. Lafontaine hatte die SPD zu einem gewaltigen Ballon aufgepumpt, der Schröder zum Sieg getragen hat. Auf einmal lag der Ballon wie eine mickrige Hülle in der Ecke. Bis heute ist er nicht mehr richtig aufgepumpt worden. Lafontaine pumpt heute anderswo.

Die 1999 verlorene Selbstbeherrschung musste er in den Jahren nach 1999 schier im Übermaß aufbringen - als er vom Patron zum Paria der SPD geworden war, im Mai 2005 nach 39 Jahren Mitgliedschaft aus der SPD austrat und sich dann die Anti-Agenda-Partei WASG nach seinem Bilde formte. Das war, nach der Renovierung der SPD in den Jahren 1995ff, die zweite strategische Meisterleistung Oskar Lafontaines: Er führte die WASG zur Kooperation mit der PDS, schmiedete ein Linksbündnis - aus dem in kurzer Zeit eine Linkspartei wurde.

Lafontaine ist ein politischer James Watt: James Watt hat die Dampfmaschine erfunden, die bekanntlich so funktioniert, dass in einem Kessel Dampf erzeugt wird, der auf Kolben und Schwungräder übertragen wird. Die Erzeugung des Dampfs im Kessel gehört noch zur Abteilung Spektakel, das Lafontaine perfekt beherrscht. Die eigentliche Ingenieurleistung - Lafontaine ist gelernter Physiker - beginnt mit der effektiven Nutzung des erzeugten Drucks: Es muss gelingen, mit diesem Druck zu arbeiten, einen hohen Wirkungsgrad zu erzielen und die Massenkräfte, die bei dem Hin und Her der Kolben auftreten, unter Kontrolle zu halten. Das gelang Lafontaine einst bei der SPD, das gelang ihm auch bei der Linkspartei. Aber bislang ist der Erfolg, den Lafontaine mit der Linkspartei hat, nur die Wiederholung der Erfolge, die er mit der SPD hatte - nur im kleineren Format. Das alles ist außergewöhnlich und spektakulär. Das alles macht Lafontaine zu einem der ungewöhnlichsten deutschen Politiker der Nachkriegsgeschichte - aber nicht wirklich zu einer historischen Figur.

Die zwei Meisterleistungen würden zum historischen Dreiklang durch eine dritte: durch die Wiederannäherung der heute gespaltenen Linken. Die Spaltung gehört zu den großen Traumata der Sozialdemokratie. Es ist ein Trauma, das im Jahr 1917 begann, als im Streit über die Kriegspolitik, die von der Mehrheits-SPD mitgetragen wurde, die USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, sich von ihr lossagte und als linke Alternative zur SPD schnell zur zweiten Massenpartei des Sozialismus wurde. Die zwei Seelen der deutschen Arbeiterbewegung hatten sich unterschiedliche politische Körper gesucht. Ähnlich ist es heute.

Zu Zeiten der Regierung Brandt hat das Motto "Wandel durch Annäherung" enorme politische Kraft in der Ostpolitik entfalten können. Einen solchen Wandel durch Annäherung brauchen heute die zwei linken Parteien. Anders gibt es weder für die SPD noch für die Linke eine goldene Zukunft.

"Zu lange", sagte Lafontaine, "haben wir nun das Lächeln der anderen ertragen müssen." Er rief das damals, vor 14 Jahren, als Kampfansage an den politischen Gegner in den Saal. Und dann folgte eine Warnung: "Zieht euch warm an, wir kommen wieder." Das war beim berühmten SPD-Parteitag in Mannheim. Die SPD ist tatsächlich wiedergekommen - und dann wieder verfallen. Nun ist Oskar Lafontaine noch einmal wiedergekommen. Ob das der SPD auch noch einmal gelingt?

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  1. Die Dampfmaschine
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(SZ vom 01.09.2009)